„Effizienz ist unsere größte Option“

Strategie - Die Neugestaltung des deutschen Energiesystems ist in aller Munde. Welche Gestalt das Zukunftsmodell Energie haben sollte, darüber sprachen wir mit Prof. Dr. Peter Hennicke, Leiter des Wuppertal Instituts.

08. März 2006

Wenn wir das westliche Energieversorgungsmodell auf die wachsende Weltbevölkerung übertragen wollten, bräuchten wir vier Erdbälle. Notwendig ist eine Energiewende hin zu einem ressourcenleichteren Wirtschaftsstil.

es: Wie und wann können wir diesen Wechsel erreichen?

Der robuste Korridor zu einer nachhaltigen Energieversorgung besteht aus drei grünen Säulen: Energiesparen, Erneuerbare und Kraft-Wärme-Kopplung (KWK). In Deutschland können wir bis 2050 einen KWK-Stromanteil von 35 bis 40 Prozent erreichen, ebenso in schnell wachsenden Schwellenländern wie Indien oder China, wo wir noch deutlich unter 10 Prozent liegen.

es: KWK ist hierzulande ein Dauerbrenner und setzt sich trotzdem nicht so recht durch. Ist die Technik noch zu teuer?

Der am billigsten zu erzeugende Strom aus neuen Kraftwerken ist der aus Kraft-Wärme-gekoppelten GuD-Anlagen. Man braucht GuD-Anlagen nicht nur im Kondensationsbetrieb einsetzen. Gas und Biomasse sollten vor allem dezentral und objektbezogen mit KWK-Anlagen genutzt werden. Etwa 5 GW dezentrale KWK-Kapazität heute könnten auf fast 25 GW im Jahr 2030 steigen. Mit vernünftigen Rahmenbedingungen kann KWK-Strom wirtschaftlich angeboten werden.

es: Welche Bedingungen meinen Sie?

Wir sollten mit einer Vollkosten-Stromkalkulation in die Diskussion reingehen. Die Politik muss den Markt öffnen, notfalls mit Anreizen und Prämien, damit Waffengleichheit herrscht. Andernfalls werden Altanbieter versuchen den KWK-Stromanbieter mit Kampfpreisangeboten aus dem Markt rauszuhalten.

es: Sie sprechen von Anreizen und Prämien…

Man kann Märkte kreieren und durch Regulierung den Marktzugang offen halten. Wenn wir das Beispiel der Erneuerbaren auf die KWK anwenden - wir nehmen uns ein Ziel vor und justieren dann über Bonus- oder Zertifikatesystem die Marktanreize entsprechend -, dann haben die Großen die Wahl, sich an diesem staatlich geschaffenen, geschützten Markt zu beteiligen oder nicht.

es: Wie bringen Sie ein künstliches Modell mit dem freien Markt in Einklang?

Der Markt ist nicht frei, wenn vier Große 90 Prozent des Stromangebots dominieren. Kurt Biedenkopf hat einmal gesagt, der Markt sei eine geplante Veranstaltung. Dieser Aphorismus macht gerade am Energiemarkt sehr gut deutlich, dass Wettbewerb bei Oligopolen nur mit staatlicher Regulierung funktioniert. Ich bin auch nicht dagegen, dass die Großen Gewinne machen. Aber diese sollen dem Klima- und Ressourcenschutz dienen.

es: Wie lässt sich das Angebotsoligopol mit der Dezentralisierung des Energieangebots in Einklang bringen?

Das ist das schwierigste Problem bei der Erneuerung des Kraftwerksparks. Wir müssen die Unternehmen mit ‚carrot and stick’ ermutigen, dass sie einen nachhaltigeren Kraftwerkspark aufbauen und das mehr in Partnerschaft mit Kommunen und Betrieben tun.

es: Stadtwerke wollen zunehmend Strom in Eigenregie erzeugen…

Mehr Anbietervielfalt ist gut. Aber es überzeugt mich nicht, wenn die Kleinen die Großen kopieren und große Strom-GuD-Anlagen bauen anstatt ihren komparativen Vorteil, ihre Kundennähe zu nutzen und etwa in dezentrale Gas- und Biomasse-KWK zu investieren. Der Wirkungsgrad von 90 Prozent bei einer Gas-KWK-Anlage sticht die 58 Prozent einer GuD-Anlage deutlich aus.

es: Chancengleichheit, Marktanreize, dezentrales Energiemanagement. Welche Themen sollte der von Angela Merkel anberaumte Energiegipfel noch angehen?

Wir haben in Deutschland wahrscheinlich die beste wissenschaftliche Szenarienbasis und Politikberatung zum Thema Energie und können die robusten Eckpunkte eines nachhaltigen Energiesystems relativ sicher bestimmen. Politischer Konsens besteht darin, dass wir Industrieländer unsere CO2-Emissionen bis 2050 auf 80 Prozent runterfahren müssen. Nur so schaffen wir die 50 Prozent weltweit. Zudem brauchen wir einen Konsens bei der Atomenergie.

es: Könnte die Atomkraft bis zur Marktreife der Erneuerbaren als Übergangslösung dienen?

Das halte ich für eine sehr gewagte These. Die Laufzeitverlängerung bringt uns so viele Zusatzprobleme. Weder gibt es eine Lösung für den hochradioaktiven Abfall noch sind die Risiken im Nuklearsystem kleiner geworden. Auch wird die in der Debatte eingekehrte neue Sachlichkeit wieder einer stark interessengebundenen Zieldiskussion weichen. Zudem: Um die 80 Prozent CO2-Minderung zu erreichen, müssen die Erneuerbaren bis 2050 zwei Drittel des Stroms und die Hälfte der Wärme bereitstellen. Es muss daher sehr viel mehr bei den Erneuerbaren passieren, damit wir den nötigen Innovationsschub unter Einschluss der vier großen Energieversorger erreichen.

es: Wenn der Innovationsschub für die Erneuerbaren aber noch Zeit braucht, wie schaffen wir dann heute eine nachhaltige Energieversorgung zu Marktpreisen?

Indem wir die Effizienz stärker einsetzen. Sie ist unsere größte, schnellste und billigste Option. Stromsparen ist - bei gleicher Energiedienstleistung - fast immer billiger als das Bereitstellen von Strom. Unsere Analysen bestätigen die Aussagen von Energiekommissar Piebalgs, dass Stromsparen 2 bis 4 Cent pro kWh koste, die Stromerzeugung bei langfristigen Vollkosten dagegen mindestens 5,3 Cent. Und dann muss der Strom noch verteilt und vertrieben werden. Mit rationellerer Nutzung in allen Sektoren, etwa durch effizientere Haushaltsgeräte, Elektromotoren, Prozesswärme oder Pumpen, können wir bis 2025 allein den von der Kernenergie abgedeckten Grundlastbedarf ersetzen.

es: Was sagen Sie stromintensiven Betrieben, die über die ohnehin schon hohen Energiepreise klagen?

Preise sind für den ganz überwiegenden Teil der Industrie nicht der entscheidende Parameter. Letztlich ist es die Energiekostenrechnung. Wenn bei steigenden Preisen die Energiesparpotenziale genutzt würden, blieben die Energiekosten stabil oder sänken sogar.

es: Ob mit oder ohne Sparpotenzial: werden die Preise weiter steigen?

Ja. Die Industrie ist gut beraten, sich auf säkular steigende Energiepreise einzustellen, egal ob mit oder ohne Monopolrenten. Die Phase niedriger Öl- und Erdgaspreise ist ein für allemal vorbei. Weil der Ölpreis geostrategisch sensibel ist, wird es bei jeder politischen Krise zu einem Angstaufschlag kommen. Auch kann man bei aller Unsicherheit wohl zuverlässig sagen, dass weltweit die maximale Ölfördermenge zwischen 2010 und 2025 erreicht sein wird.

es: Wird uns die Ostseepipeline in zu große Abhängigkeit von Russland bringen?

Natürlich macht uns steigende Importabhängigkeit politisch und volkswirtschaftlich erpressbar. Aber: Russland hat ein enormes Interesse an stabilen Wirtschaftsbeziehungen. Auch zeigt der Fall Ukraine, dass bei Energie immer Politik im Spiel ist. Man sollte deshalb nicht in Hektik verfallen und nur in Kategorien der Angebotsdiversifizierung denken, wie es etwa diejenigen tun, die für den LNG-Ausbau plädieren. Wer zudem das ohnehin knappe Nordseeöl stärker anzapfen möchte, verfällt in die Denke des letzten Jahrhunderts.

es: Wirtschaftsminister Glos hält eine Loslösung von russischem Gas für möglich.

Das halte ich zumindest mittelfristig für eine kühne These. Wer sich einmal in Abhängigkeit gebracht hat, ist abhängig. Neue Lieferanten in dieser Größenordnung zu finden, ist überhaupt nicht einfach. Das Ausmaß unserer Importabhängigkeit ist ein Riesenproblem. Aber nicht wegen des unsicheren Lieferanten, sondern weil die Preise steigen werden. Das gilt auch bei Erdgaspreisen und trotz langfristiger Lieferverträge. Sie werden im Gefolge des Ölpreises anziehen.

es: Und was sagen Sie Herrn Glos?

Wenn Herr Glos sich erhofft, wir könnten ruck zuck die Volkswirtschaft umstellen, dann sollte er die enorm langfristigen Lebenszyklen und Kapitalanlagezeiten im Energiesystem berücksichtigen. Aber die Weichenstellung für eine weniger importabhängige Energiewirtschaft müssten wir schon heute beginnen und zwar massiv, wenn wir bis 2020, 2030 auf Alternativen umstellen wollen.

es: Sehen Sie dem von Frau Merkel angekündigten Energiegipfel eher optimistisch oder pessimistisch entgegen?

Eher pessimistisch. Oder sagen wir: vom Gipfel selbst verspreche ich mir weniger als vom Prozess danach. Die Regierung sollte sich klar werden, dass sie nicht wie bisher die Rolle des Moderators einnehmen kann, sondern diesen Prozess strukturieren und hin zu demokratisch entschiedenen Leitzielen führen sollte.

es: Auch beim ‚World Energy Dialogue’ auf der Hannover Messe werden Wirtschaft und Politik Ende April über den künftigen Energiemix reden. Was versprechen Sie sich von diesem Dialog, bei dessen Konzeption Ihr Institut beratend tätig wird?

Nicht nur die deutschen Exporterfolge, sondern auch weltweit beachtete Aktivitäten bei den Erneuerbaren, wie die Renewables2004, oder der Vertrag über den Atomausstieg bieten Gewähr dafür, dass gerade auf einer deutschen Industriemesse ein spannender Dialog über alle Zukunftsenergien und deren Marktchancen geführt wird. Wir hoffen, dass dabei auch die Chancen thematisiert werden, durch mehr Energieeffizienz die Importabhängigkeit zu senken.

VitaProf. Peter Hennicke

• Habilitierte sich 1981 im Schwerpunkt Energiewirtschaft nach Studium der VWL und Chemie

• Ist seit 1994 Professor an der Universität Wuppertal

• War von 2000 bis 2002 Mitglied der Enquete-Kommission ‚Nachhaltige Energieversorgung’ des 14. Deutschen Bundestages

• Ist seit 2002 Mitglied des International Scientific and Technical Advisory Panel (STAP) der Global Environment Facility (GEF)/UNEP

• Leitet das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie seit 2003.

Erschienen in Ausgabe: 03/2006