Effizienz nicht ohne Sicherheit

Klimaschutz Dr. Axel Stepken, Vorstandsvorsitzender der TÜV Süd AG, erläutert seine Meinung zum Verlauf von internationalen Klimaprojekten, zum EU-Emissionshandel und zum ab 2008 vollständig liberalisierten Prüfmarkt.

28. September 2007

es: Welche Bedeutung hat die öffentliche Energiediskussion für TÜV Süd?

Als führende Sachverständigen-Organisation eine grundlegende. Mit Blick auf die vielfältige Energiediskussion und neuen Energiequellen fallen meist die Schlagworte Ressourcenschonung, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit. Seltener kommt allerdings das hohe Sicherheitsniveau der Anlagen in Deutschland zur Sprache. Der immer vielschichtigere Energiemix führt zu einer höheren Komplexität der sicherheitsrelevanten Aspekte. Die Betreiber und die prüfenden Sachverständigen müssen alle möglichen Wechselwirkungen berücksichtigen, um die Sicherheit und Verfügbarkeit der Anlagen und der Netze nachhaltig zu gewährleisten. Dabei muss klar sein: Effizienzgewinne dürfen nicht zulasten der Versorgungsqualität oder der Anlagensicherheit gehen.

es: Ist die Klimapolitik in Deutschland und in der EU auf dem richtigen Weg?

Das beim letzten Energiegipfel diskutierte Aktionsprogramm der Arbeitsgruppe Energieeffizienz ist sehr umfassend. Es deckt alle relevanten Bereiche ab: Von den Kraftwerken, über die Industrieprozesse, Gebäude, Produkte bis hin zum Verkehr. Die Handlungsfelder dienen drei zentralen energiepolitischen Zielen: Der Versorgungssicherheit, der Wirtschaftlichkeit und der Umweltverträglichkeit, was insgesamt sehr zu begrüßen ist. Ja, wir sind klimapolitisch auf dem richtigen Weg. Doch sind enorme Anstrengungen notwendig.

es: Ein wesentliches Element dabei ist der Emissionshandel. Wie schätzen Sie die Wirkung des kürzlich verabschiedeten zweiten Nationalen Allokationsplanes (NAP 2, Anmerkung der Redaktion) ein?

Die Zuteilungsmenge für die am Emissionshandel teilnehmenden Anlagen in Deutschland beträgt ohne die Abzüge für Neuanlagen und ohne den zu versteigernden Anteil für die zweite Handelsperiode von 2008 bis 2012 etwas über 453 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr. Das sind im Vergleich zur ersten Handelsperiode von 2005 bis 2007 rund 42 Millionen Tonnen CO2 weniger pro Jahr und damit auch etwa 21 Millionen Tonnen CO2 unter dem tatsächlichen Niveau von 2005. Es sind also schon beträchtliche CO2-Einsparungen eingefordert. Diese dürften allerdings für die nächsten Handelsperioden noch gesteigert werden.

es: Wie effizient ist der Emissionshandel aus Sicht einer Prüfungsgesellschaft heute aufgestellt?

Die Effizienz hängt maßgeblich von der konsequenten Umsetzung und damit auch vom Berichtswesen des tatsächlichen Ausstoßes der Marktteilnehmer ab. Letzteres sollte nachvollziehbar und überall so exakt wie möglich sein. Zu begrüßen ist, dass die EU eine europaweit harmonisierte Akkreditierung der Sachverständigen und deren Organisationen anstrebt. Eine solche EU-weite Qualitätssicherung und Harmonisierung bei der Verifizierung ist grundlegend dafür, dass eine erfasste Tonne CO2 auch tatsächlich einer Tonne CO2 entspricht - und das unabhängig vom Ort der Verifizierung.

es: TÜV Süd hat die Praxis in unterschiedlichen Ländern der EU beobachtet. Wie schneidet dabei Deutschland ab?

Unterschiede zeigen sich bei der Qualität und dem Ablauf der Prüfung. Das auf bewährten Regeln basierende Akkreditierungsverfahren für Verifizierer in Deutschland hat dort zu verlässlichen Verifizierberichten geführt. Dies trägt wesentlich zur Glaubwürdigkeit und Akzeptanz des Gesamtsystems bei. Das Einführen der elektronischen Datenverarbeitung durch die Deutsche Emissionshandelsstelle ergab zusätzliche Anforderungen für alle Beteiligten. Im Vergleich mit anderen EU-Ländern erweist sich das Vorgehen jedoch als deutlich praktikabler und effizienter.

es: Könnten Sie ein Beispiel für den vergleichsweise hohen Standard in Deutschland aufzeigen?

Akkreditierte Labore sollen die Stichprobenqualität bei der Probennahme für die Emissionsmessungen untersuchen, doch im Gegensatz zu Deutschland existieren in vielen Ländern entweder die entsprechenden Referenzlabors nicht oder sie sind den Anlagenbetreibern schlichtweg unbekannt. Die Folge: Nur in wenigen Fällen liegen unabhängige Gutachten vor, die Aufschluss darüber geben, unter welchen Bedingungen die Proben entnommen worden sind und inwiefern diese repräsentativ sind.

es: Als Zertifizierer für Klimaschutzprojekte im Ausland - Clean Development Mechanismn (CDM) und Joint Implementation ( JI) - gilt TÜV Süd weltweit als einer der Vorreiter. Welche Erwartungen haben Sie an den Markt?

Wir erwarten, dass dieser Markt weiter expandiert. Angesichts der politischen Bewegungen in den USA und den großen Emittenten China und Indien ist davon auszugehen, dass das Kyoto-Protokoll - in welcher Form auch immer - weiterentwickelt wird. Es ist sicher sehr sinnvoll, dass in Deutschland weiter in die Energieerzeugung und -nutzung investiert wird, damit auch künftig innovative Technologien bereitstehen, die in die CDM- und JI-Länder exportiert werden können. es: Was sind Ihre Erfahrungen? Unsere Erfahrungen zeigen, dass von dem Technologie-Transfer beide Seiten profitieren. Allein in den vergangenen fünf Jahren haben wir mehr als 600 CDM-Projekte rund um die Welt bearbeitet. Über 200 Projekte wurden inzwischen den Vereinten Nationen zur Registrierung vorgelegt - die Voraussetzung zur erfolgreichen Teilnahme am internationalen Emissionshandel. Die Einbindung von Prüfunternehmen wie uns in die JI- und CDM-Mechanismen ist ein essenzieller Beitrag, um die Funktion und die Zuverlässigkeit des weltweiten Emissionshandels zu gewährleisten.

es: Nach Prüfung durch TÜV Süd konnte erst kürzlich das weltweit erste JI-Projekt - in der Ukraine - bei den Vereinten Nationen registriert werden. Ein positives Zeichen?

In der Ukraine wird JI inzwischen als große Chance zur Innovation gesehen - insbesondere in ausbaufähigen Sektoren wie der kommunalen Wärmeversorgung oder der Abfall- und Abwasser-Wirtschaft. Aufgrund des noch immer schlechten Investitionsklimas in diesen Ländern wären hier ohne die JI-Projekte kaum Neuerungen möglich.

es: Das klingt ja sehr optimistisch. Welche Hindernisse gilt es zu überwinden?

In einigen Ländern bestehen hohe bürokratische Hürden oder Defizite, was die Umsetzung der Kyoto-Regularien betrifft. Auch sind nicht alle Branchen über die Möglichkeiten von JI informiert. Das führt dazu, dass JI-Projekte meist noch von ausländischen Investoren und Projektentwicklern angestoßen und umgesetzt werden müssen. Das erwünschte Potenzial einer Projektentwicklung aus dem betroffenen Land heraus wird einfach noch zu wenig genutzt. Die von der Bundesregierung angestoßene Exportinitiative Energieeffizienz aber auch eine weltweit bessere Informationsinfrastruktur über das Durchführen von Klimaprojekten wären sicherlich geeignete Maßnahmen, um Hemmnisse abzubauen.

es: Der Prüfmarkt ist ab 2008 vollständig liberalisiert. So können Kraftwerksbetreiber nun wählen, wer deren Anlagen prüfen soll. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Wir nehmen den bevorstehenden Wettbewerb sehr ernst. Dieser wird für uns härter - durch die Liberalisierung des Industriegeschäfts, aber auch durch das forschere Vorgehen unserer Mitbewerber. Die Betreiber werden langfristig darauf achten müssen, dass die Dienstleister eine qualitativ hochwertige Leistung erbringen, damit die Anlagenverfügbarkeit erhalten bleibt und Produktionsausfälle vermieden werden. Unternehmen, die hohe Priorität auf Verfügbarkeit legen und somit über die Anforderungen der Betriebssicherheitsverordnung hinausgehen, werden das bisherige Sicherheitsniveau halten. Im Spezialgeschäft - insbesondere bei den Energieerzeugern - entscheiden weiterhin Know-how, Qualität und Service. (mn)

www.tuev-sued.de

VITADr. Axel Stepken

• Nach der Promotion 1989 an der RWTH Aachen war der Elektrotechniker in verschiedenen Bereichen bei ABB beschäftigt, zuletzt als Geschäftsführer der ABB Airport Technologies GmbH.

• Im Oktober 2002 trat er in den Vorstand der TÜV Süd AG ein. Seit Juni 2007 ist Dr. Stepken Vorsitzender des Vorstandes.

Erschienen in Ausgabe: 10/2007