Eigenstrom für Mieter als Gesamtkonzept

KWK

Stromerzeugung ist dort effizient, wo die Energie tatsächlich verbraucht wird – unabhängig davon, ob es sich um ein Haus oder ein Industriegebiet handelt. Wie ein Versorgungsmodell mit Mieterstrom aussehen kann, zeigt ein Pilotprojekt in der Wohnungswirtschaft, das derzeit in Berlin umgesetzt wird. Teil des Konzepts sind BHKW und Smart Meter.

26. Mai 2014

Ein Stück Unabhängigkeit von schwankenden Strompreisen und großen Energieerzeugern verspricht die Mieterstromversorgung. Ein Thema, das durch die Energiewende und die voranschreitende Dezentralisierung des Strommarkts an Bedeutung gewinnen kann: »In der Eigenstromvermarktung liegen große Zukunftschancen für die Branche, da sie einen wichtigen Beitrag zur Energiewende leistet«, sagt Frank Jarmer, Geschäftsführer bei Urbana.

Seit Mai können nun in einem Wohngebiet in Berlin Spandau Mieter aus 1.423 Wohneinheiten neben Wärme auch Mieterstrom direkt aus dem Quartier beziehen. Die Energie wird in einem neu errichteten Blockheizkraftwerk (BHKW) produziert, das die Gebäude auch mit Wärme versorgt. Die Initiatoren des Pilotprojekts sind die Berliner Wohnungsgesellschaft Gewobag und der Hamburger Energiedienstleister Urbana. Als Partner für das Thema konnte der Dienstleister die Deutsche Telekom und die EHA Energie-Handels-Gesellschaft gewinnen.

Hohe Anforderungen an das System

Das Konzept wurde für das Falkenhagener Feld maßgeschneidert: Von Strom und Wärme aus dem BHKW bis hin zur intelligenten Zählerinfrastruktur in den Wohnungen. Ziel des Pilotprojekts ist es laut Urbana, die Vorteile der effizienten Kraft-Wärme-Kopplung in einem bestehenden Quartier unter Beweis zu stellen und eine hohe CO2-Einsparung sowie Kosteneinsparungen für Mieter und Vermieter zu erreichen.

Hierfür wurden hohe Anforderungen an das System gestellt: Ein stabiler Betrieb in einem stark regulierten Umfeld muss inklusive der Gas- und Stromlieferungen an die Mieter gewährleistet werden.

Mit dem BHKW wird so viel Strom produziert, dass Urbana für die Liegenschaft nur noch maximal 50% Strom zukaufen muss. Im Winter, wenn das BHKW aufgrund des größeren Wärmebedarfs mehr Strom erzeugt, als die Mieter benötigen, wird dieser in das Netz eingespeist. Dabei hilft die EHA Energie-Handels-Gesellschaft: Sie bietet einen direkten Zugang zu den Strom- und Gasmärkten. So können zentraler und dezentraler Strommarkt intelligent vernetzt werden.

Senken der Nebenkosten als Ziel

Bei Urbana rechnet man mit einer Amortisation der Investitionen nach zehn Jahren, die Aufwendungen für die Zähler werden bereits in acht Jahren beglichen sein. Seit knapp einem Jahr arbeiten Gewobag und Urbana an diesem ersten gemeinsamen Pilotprojekt. Nach der intensiven Planungsphase können sich die Gewobag-Mieter des Falkenhagener Felds seit Februar für die Versorgung mit Mieterstrom anmelden.

Der in den Liegenschaften produzierte Strom soll direkt an die Hausbewohner geliefert werden – ohne Umwege über öffentliche Stromnetze. Auf diesem Weg können verschiedene Entgelte und Abgaben eingespart werden.

Die Einsparungen werden in Form eines vergünstigten Strompreises an die Mieter weitergegeben. Gewobag-Vorstand Markus Terboven begrüßt dieses Angebot: »Die Nebenkosten zu senken ist selbstverständlich ein wichtiges Anliegen für uns.

Die neue Energiestrategie der Gewobag ist unsere Antwort auf das politische Leitbild der viel zitierten Energiewende: Weg von den großen zentralen hin zu vielen kleinen dezentralen Energieversorgern.« Eine Verpflichtung zur Stromabnahme gibt es für die Mieter nicht. Nicht abgenommener Strom wird über den Urbana-Bilanzkreis vermarktet.

Noch höhere Einsparungen sollen durch die Installation von Smart Metern sowie Lösungen aus dem Bereich Smart Home erreicht werden. »Smart Meter, wie die intelligenten Zähler genannt werden, können dem Mieter seine unmittelbaren Einsparpotenziale aufzeigen. Erfahrungsgemäß sind hierbei im Heizverhalten die größten Kosteneinsparungen möglich«, so Jarmer über das ganzheitliche Energiekonzept. Mit den Smart Metern sollen im ersten Schritt die Erfassung des monatlichen Energieverbrauchs sowie die Abrechnung erleichtert werden.

Durch die Bereitstellung der Daten an die Bewohner, etwa über ein Onlineportal, können diese ihr eigenes Verbrauchsverhalten überprüfen und gegebenenfalls anpassen, um höhere Einsparungen zu erzielen. Der Mieter hat jederzeit Zugang zu seinem aktuellen Verbrauch, Verlaufskurven der letzten Woche, des letzten Monats oder Jahres sowie zur jährlichen Abrechnung.

BHKW-Größe nach Bedarf

Die Smart Meter Gateways werden von der Deutschen Telekom eingebaut. Sie kümmert sich um die komplette Verarbeitungskette vom Auslesen und sicheren Übertragen der Zählerdaten über die Weiterverarbeitung bis zur Rechnungserstellung. Künftig sollen auch Smart-Home-Lösungen angeboten werden. Urbana agiert dabei als Messstellenbetreiber. Mittelfristig möchte der Energiedienstleister 500.000 Zähler besetzen, hierfür müssen mehr als 200 Projekte umgesetzt werden.

Das Interesse am Thema Mieterstromvermarktung ist in der Branche hoch: »Wir führen bereits intensive Gespräche mit vielen Wohnungsunternehmen, die sich für Lösungen zur Mieterstromproduktion interessieren.

Im Rahmen unserer zahlreichen Analysen vor Ort stellen wir bei den meisten großen Anlagen ein enormes Potenzial für unsere nachhaltige Lösung fest«, so Urbana-Vorstand Jan-Christoph Maiwaldt. Er ist überzeugt, dass die dezentrale Erzeugung von Wärme und Strom sowie die Vermarktung des Stroms direkt an die Mieter der Königsweg in der dezentralen Energieversorgung sei.

Weitere Erlösmöglichkeiten sind von Spot- und Terminmarkt abhängig. Zudem ergeben sich mögliche Erlöse durch die EEG-Direktvermarktung.

Anlagen ab einer Größenordnung von 5kW, was etwa Liegenschaften mit zehn bis 20 Wohneinheiten entspricht, sind für das Unternehmen attraktiv. Nach der Analyse der gegebenen Versorgungsinfrastruktur werden die nächsten Schritte geplant.

In der Regel überträgt Urbana funktionstüchtige Altkesselstrukturen in das neue Konzept, um diese bei Spitzenlast zuschalten zu können. Die Grundlastwärmeversorgung trägt jedoch das BHKW, das in entsprechender Größe dimensioniert wird.

Dank des direkten Verbrauchs vor Ort wird das öffentliche Stromnetz nicht benötigt: »Genau hier liegen die Einsparpotenziale verborgen. Denn so entfallen die Infrastrukturausgaben, da keinerlei Stromleitungen außerhalb des Hauses benötigt werden«, erklärt Jarmer perspektivisch auf neue Wohnbauprojekte bezogen.

Schnittmengen mit EVU

Die Kombination aus Wärme und Strom, durch dezentrale KWK-Lösungen im Gebäude produziert, sei für Wohnungsunternehmen attraktiv. Denn die Wohnanlage werde so ökonomisch wie ökologisch aufgewertet. Urbana investiert in die Infrastruktur und fungiert traditionell als Wärmelieferant.

Mit dieser Lösung gewinnen die Verbraucher laut Jarmer nicht nur ein Stück mehr Unabhängigkeit von Schwankungen auf dem Strommarkt zurück. Ziel ist es, den Strom preiswerter anzubieten, als der örtliche Grundversorger in dessen niedrigstem Tarif, wodurch die Wohnnebenkosten für die Bewohner insgesamt sinken. So seien – abhängig von Haushaltsgröße und Tarif – Einsparungen von rund 100€ pro Jahr möglich.

Beim Thema Mieterstrom gibt es einige Schnittmengen mit EVU: Treten diese als Lieferanten auf, ist Urbana Wettbewerber. Sind sie Messstellenbetreiber, kann Urbana als Partner oder Wettbewerber agieren. »Eine bewusste Konfrontation mit den EVU suchen wir aber nicht. Die Energiewende hat neue Lösungen erfordert und unser Angebot ist ein Konzeptvorschlag für unsere Kunden«, klärt Jarmer auf.

Erschienen in Ausgabe: 05/2014