Ein Kölner mit Sprinterqualitäten

Technik

Stadtwerke & EVU - Die großtechnische Stromerzeugung vollzieht den Paradigmenwechsel. Künftig geht es um kurzfristige Starts und Rampenfahrten. Eine Anlage in Köln setzt Maßstäbe bei den technischen Reaktionszeiten.

23. Januar 2017

Es war nach Firmenangaben das größte Einzelinvestitionsprojekt in der mehr als 140-jährigen Historie von Rheinenergie: Rund 350 Mio.€ hat das Gas-und-Dampfturbinen-Heizkraftwerk Niehl 3 gekostet. In die Geschichte der Branche geht es aber aus einem anderen Grund ein. Während der mehrjährigen Bauzeit der Anlage änderten sich die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen grundlegend. Die Börsenstrompreise sind massiv gesunken.

Das Klimaschutzkonzept der Bundesregierung forciert die Dekarbonierung der Energiewirtschaft. Bauherr Rheinenergie produziert mit der neuen Anlage einen Teil der Kölner Fernwärme. Das ist der eine Vorteil der Anlage. Der andere ist die Fähigkeit zu Schnellstarts. Niehl 3 hat Sprinterqualitäten.

»Gerade in Ballungsräumen wie Köln lässt sich Wärmeerzeugung nicht durch Erneuerbare Energie bewerkstelligen«, sagt Rheinenergie-Chef Dieter Steinkamp. Zum einen sei die Fernwärme aus KWK auf Gasbasis ein langer Hebel beim Klimaschutz. Zum anderen trage diese Art der Wärmeversorgung den Ansprüchen einer Wachstumsregion Rechnung.

Markt im Umbruch

Das rechtsrheinische Köln erhalte in den kommenden zehn Jahren ein neues Gesicht. »Aus diesem Grund haben wir Niehl 3 gebaut. Es ist hocheffizient und ultraflexibel, und wir stützen so mit der Wärme die Stadtentwicklung vor Ort, mit dem Strom sichern wir überregional die Energiewende ab.« Wie sich unter den aktuellen Rahmenbedingungen die Anlage auslasten lässt, wird sich zeigen. Tendenziell gehen in den nächsten Jahren nach und nach Atom- und Kohlekraftwerke aus dem Markt. Erneuerbare und Gaskraftwerke sollen dann den Strom für Deutschland erzeugen.

15 Minuten bis Vollleistung

Seit September ist die Anlage in Köln offiziell in Betrieb. NRW-Landeschefin Hannelore Kraft kam eigens aus Düsseldorf nach Köln und drückte den Startknopf. In nur zweieinhalb Jahren wurde die Anlage gebaut. Aber die Planungen liegen schon länger zurück, und in der Zwischenzeit ist die Stromerzeugung in Großkraftwerken mehr und mehr unter Preisdruck geraten.

Der Börsenstrompreis liegt inzwischen bei weniger als 25 € pro MWh. Bereits mit 20 % der Nennleistung lässt sich Niehl3 im Dauerbetrieb fahren, für eine Leistungssteigerung oder -senkung von 300 MW braucht sie gerade einmal zehn Minuten, so Rheinenergie. »Aus einem Stand-by heraus lässt sich Niehl 3 in 15 Minuten auf Vollleistung bringen–ideal für das Zusammenspiel mit Erzeugung aus Wind oder Sonne«, so der Versorger.

Neben einer doppelten Leitung in das regionale 110.000-Volt-Netz ist der Standort Niehl auch an das 380.000-Volt-Höchstspannungsnetz angebunden. Ein spezieller Trafo macht dies möglich. (hd)

Erschienen in Ausgabe: 01/2017