Ein Muss für Stadtwerke

SMART METERING Das Jahr 2010 gilt vielerorts als Zielmarke für die Umstellung auf elektronische Haushaltszähler. Will man Insellösungen vermeiden, muss bis dahin noch so manche Nuss geknackt werden.

12. Februar 2008

Im Zähl- und Messwesen lässt das Computer-Zeitalter auf sich warten. Das Bild vom Energiekunden, der zu Hause am PC den Strom und Gasverbrauch mit verfolgt, auf Schwankungen reagiert, flexibel Tarifstrukturen nutzt und so Kosten spart, ist in Deutschland noch visionär. Immerhin, das Stichwort ›Smart Metering‹ ist in aller Munde. »Das Thema hat in Deutschland mächtig Fahrt aufgenommen«, sagt Peter Wilms von der RWE Rhein-Ruhr Netzservice. Thorsten Causemann, Leiter Smart Metering der Görlitz AG, bestätigt: »Im Moment ist es recht dynamisch.«

Projektgruppen aus der Zählerbranche, von Netzbetreibern und Versorgern arbeiten mit Hochdruck am intelligenten Messsystem und daran, den Rückstand gegenüber europäischen Nachbarländern aufzuholen und deren Fehler möglichst nicht zu kopieren. Denn funktionierende Systeme gibt es, teilweise flächendeckend. Bereits vor Jahren wurden in Italien, Skandinavien oder den Niederlanden herstellerspezifische Lösungen umgesetzt.

Das ist mit Nachteilen verbunden. »Die Systeme sind nicht mischbar«, betonte Wilms kürzlich auf einer Fachtagung der Innovation Congress GmbH (ICG). In der Regel seien die neuen Anwendungen nicht mit den bewährten Fernauslesetechniken der Versorger kompatibel. Was bis heute fehlt, seien einheitliche Lösungen mit offenen Schnittstellen und Standards, die für alle Sparten gelten: für Strom-, Gas-, Wasser- oder Wärmezähler. Man müsse die Technologien verschiedener Anbieter miteinander »mischen« können, so Wilms. »Es bedarf jedoch einiger Kraftanstrengungen, das zu schaffen.«

Herstellerspezifische Komplettlösungen einzubauen, wäre bequem für ein flächendeckendes ›Rollout‹, aber der falsche Weg. Um Inselanwendungen zu vermeiden und eine gemeinsame Anforderung der Versorgerbranche zu definieren, hat sich, vom Verband der Netzbetreiber initiiert, die Projektgruppe ›Multi Utility Communication‹ (MUC) zusammengeschlossen. Wie die meisten anderen großen Energieversorger (EVU) engagiert sich hier RWE Rhein-Ruhr mit dem Ziel, eine Referenzplattform für Smart Metering zu entwickeln. MUC arbeitet an einem mehrspartenfähigen System, das sämtliche Messdaten von Privatkunden automatisch erfassen wird. Über offene Netze, wie das Internet, sollen diese sowohl auf den heimischen PC als auch in die zentrale Auslesung des Verteilnetzbetreibers geschickt werden.

Kernstück ist der ›MUC-Controller‹, ein vom Zähler getrenntes Gerät, das als Schnittstelle für den Datentransport dient. Per Draht oder Funk an die Messgeräte angebunden und mit IP-Adresse ausgestattet, wäre diese Gateway »wie ein Datenserver anzusprechen«, erläutert Wilms. Der große Pluspunkt des Konzeptes: die langlebige Messtechnik wird entkoppelt von der innovativen ›Weitverkehrskommunikation‹ mit schnellen Investitionszyklen.

Übergangskonzepte gefragt

2010 hat man sich als Zielmarke für die Markteinführung gesetzt, sofern nicht gesetzliche Auflagen »den Druck noch weiter erhöhen« und die Versorger zu ungewollten proprietären Lösungen zwingen. Deshalb müssten auch Übergangskonzepte erarbeitet werden, die die neue Technik unterstützen, sobald sie nach Geräteentwicklung, -zulassung und Feldtests in den Zählerschränken montiert werden kann.

Mit einem regelrechten Gesetzeszwang zum Smart Metering sei derzeit nicht zu rechnen, meint Dr. Jost Eder von Becker Büttner Held zur anstehenden Liberalisierung des Messwesens. Immerhin könnte die Marktöffnung, wie die Bundesregierung in ihrem Evaluierungsbericht zur Regulierung erwartet, »Innovationen und eine möglichst schnelle Einführung von Smart-Metering-Konzepten fördern« – auch weil dadurch der noch sehr stockende Wettbewerb im bereits liberalisierten Zählerbetrieb in Schwung kommen würde.

Eder ist skeptischer. Da die Preise für Zählerbetrieb und Messung im Normalfall im Netzentgelt enthalten sind, dürfte es schwierig werden, Anschlussnehmer zum Wechsel zu motivieren. »Warum sollte ich als Vermieter einen Dritten mit einer Leistung beauftragen, mit der ich vorher nichts tun hatte?«, so Eder. Allein aufgrund der Vielzahl der dafür nötigen Verträge funktioniere das Marktmodell schon derzeit – vor der Liberalisierung der Ablesung – nicht flächendeckend.

Sollte künftig allerdings gesetzlich vorgegeben werden, die Zähler nicht mehr nur jährlich abzulesen, sondern dem Kunden Monat für Monat detailliert in Rechnung zu stellen, wie viel Strom, Gas oder Wasser verbraucht wurde, wäre das eine Triebfeder, elektronische Haushaltszähler zu installieren. Die Voraussetzung für Smart Metering wäre so geschaffen. Per Fernauslesung ließe sich der Abwicklungsaufwand erheblich reduzieren.

»Bei uns würde sich das rechnen«, sagt Dirk Mannes, technischer Prokurist der Stadtwerke Schwerte. Rund 500 digitale Zähler haben die Stadtwerke seit etwa eineinhalb Jahren im Netz. Allerdings müssten auch die Eichzeiten für elektronische Stromzähler von acht auf 16 Jahre verlängert werden. »Die Geräte müssen ebenso lange installiert bleiben können wie ihre herkömmlichen Pendants», so Mannes. Zudem wäre eine Harmonisierung der Eichintervalle für alle Sparten erforderlich.

»Wir kommen schon bei den heutigen Gegebenheiten auf eine glatte Null«, meint Luc Schetters, Leiter Netzwesen bei der Kölner Rheinenergie. 2009 werde man ein Pilotprojekt starten und schon ein Jahr danach damit beginnen, alle Geräte zu ersetzen. Das wären rund 1 Mio. Strom- sowie knapp 500.000 Gas-, Wasser- und Wärmezähler. Den Investitionskosten von über 130 Mio. € stünden Abrechnung, Ablesung und Kundenservice Effizienzsteigerungen im geschätzten Umfang von knapp 90 Mio. € gegenüber.

Darüber hinaus erlaubt die digitale Technik neue Dienstleistungen, die Umsatzsteigerungen im zweistelligen Bereich bringen sollen, wie etwa Home-Automation- Lösungen zur Fernsteuerung von Kundengeräten. Kostensenkungen im Netz und in der Beschaffung finden sich mit knapp 20 Mio. € ebenfalls auf der Habenseite. Denn mithilfe kommunikativer Haushaltszähler erfahren EVU in Echtzeit, was in der Niederspannung eingespeist wird und kann bedarfsgerecht agieren.

Aus Schetters Sicht ist Smart Metering »ein Schritt in Richtung Energieeffizienz über alle Sparten« und für Stadtwerke »keine Option, sondern ein Muss«. Was bis heute jedoch fehlt, sei ein einsatzreifes System, das herstellerunabhängig und langlebig alle Energiearten bündelt. Für Schetters ein »Skandal«: Unternehmen, die bereits Smart-Metering-Lösungen implementiert haben, fingen an, »in die Kirche zu gehen und Kerzen aufzustellen, in der Hoffnung, dass sie in zehn Jahren noch Zähler kaufen können, die mit ihrem System kompatibel sind«.

So ist die Rheinergie außer in der VDN-Initiative MUC ebenfalls federführend in einer weiteren Projektgruppe, die auf Standardisierung drängt. Bei SMIQ, der von Stadtwerken getragenen ›Smart Metering Initiative Querverbund‹, geht es insbesondere um die Mehrspartenfähigkeit der neuen Technik. Gemeinsam wollen beide Arbeitskreise ein Bündel von Mindestanforderungen schnüren und dem Hersteller für die Weiterentwicklung seiner Systeme ans Herz legen. Auf die Anregungen wartet eine dritte Arbeitsgruppe, die ›WG Open Metering‹, in der sich die Messgerätebranche unter dem Dach des ZVEI sowie des Gas- und Wasserverbandes Figawa zusammengefunden hat.

Noch zu klären wäre etwa, in welcher Sprache die Zähler der Zukunft kommunizieren werden. So schlägt die MUC-Initiative vor, für den Datentransfer statt des »aufgeblähten« XML-Protokolls die abgespeckte Version SML (smart message language) zu verwenden, um mit den beträchtlichen Datenmengen zurechtzukommen. Ganz unumstritten ist dieser ›Sonderweg‹ nicht. Für die Niederlande, wo Smart Metering bereits verbreiteter ist, hatte sich die Industrie auf DLMS geeinigt. Den Anwender interessieren vor allem die Konsequenzen für die Praxis: »Ich kann fantastische Protokolle haben, aber sie nützen mir gar nichts, wenn die Batterie des Gas- und Wasserzählers nach zwei Wochen leer ist«, sagt Schetters.

Der Wunschzettel an die Hersteller ist recht umfangreich: Energie- und Prozesseffizienz sowie die Spartenintegration, Entwicklungsmöglichkeiten für Mehrwerte soll das System bieten und Plattform für neue Produkte sein – »und das möglichst kurzfristig«, resümiert Thorsten Causemann von Görlitz. »Die Anforderungen gehen in Richtung eierlegende Wollmilchsau.«

Noch eine weitere Frage, die entscheidend ist für ein rasches, flächendeckendes ›Rollout‹, drückt die Anwender. Sie richtet sich an die Bundesnetzagentur (BNetzA): Wer bezahlt die Umstellung auf das neue System? Die Anreizregulierung vor Augen, achten die Netzbetreiber mehr als bisher darauf, welche Ausgaben sich über die Netz entgelte refinanzieren lassen. »Das wird die Investitionsentscheidungen massiv beeinflussen«, sagt Eder von Becker Büttner Held. Nötig wäre eine verbindliche Auskunft der Regulierungsbehörden darüber, ob Investitionen in neue Zählertechnik in die vorgegebenen Erlösobergrenzen einbezogen werden können.

Keine sichere Refinanzierung

Die Stadtwerke Schwerte haben bereits einmal in der Vergangenheit vorgefühlt, dies jedoch mit negativem Ergebnis: »Derartige Investitionen werden zurzeit nicht anerkannt«, berichtet Mannes.

Der Referatsleiter Energieregulierung an der BNetzA, Wolfgang Schmidt, bestätigt diese eher verhaltene Äußerung: »Aus heutiger Sicht ist eine gesicherte Refinanzierung nicht gegeben.« Immerhin bestünden Chancen, dass zumindest ein Teil der Kosten in die Netzentgelte eingehen darf. Derzeit, im kostenbasierten Regulierungsregime, würden etwa die Ausgaben für die Telekommunikations-Technik von Smart-Metering-Anlagen anerkannt. Ob dies so bleibt, lässt Schmidt offen: »Ich gebe hier sicher keinen Blankoscheck.« In erster Linie müssten Investitionen für die innovative Technik aus den Bereichen kommen, »die davon profitieren und im Wettbewerb stehen, zum Beispiel aus dem Vertrieb«.

Modellprojekte

Schlüsselposition

Die für 2008 geplanten Modellprojekte des Technologiewettbewerbs ›E-Energy‹ sollen dem Thema Smart Metering starke Triebkraft geben. Heute fehlende Kommunikationsstandards, die einen bruchfreien Übergang der Daten erlauben, können auf diese Weise aus der Praxis heraus definiert werden. Der Förderwettbewerb des Wirtschaftsministeriums zielt auf effiziente Stromerzeugung, -verteilung und -nutzung durch IT-Lösungen ab. Dem Bereich Smart Metering kommt hier eine Schlüsselposition zu.

Hans Forster

Erschienen in Ausgabe: 01/2008