Einheitliche EU-Linie wäre wichtig

Markt

Dialog - Fast überall steigt der Erdgasverbrauch. In der EU geht er hingegen seit Jahren zurück. Sind die Zeiten, als Gas in Europa noch als zukunftsweisende Brückentechnologie angepriesen wurde, vorbei?

22. Juli 2015

Gasversorgung Europa – quo vadis? Diese Frage stand beim diesjährigen Energie-Talk im Frühjahr der EAA-Energieallianz Austria im Vienna Twin Tower zur Diskussion.

Innerhalb weniger Jahre hat sich Europas Nachfrage nach Gas um 180 Grad gedreht. 2014 ist der Gasverbrauch in Österreich auf ein 20-Jahres-Tief gesunken. Dr. Harald Stindl, Geschäftsführer Gas Connect Austria, erklärte beim Energie-Talk, dass die vergangenen Jahre »durch eine geringere Nachfrage und einen geringeren Gasverbrauch gekennzeichnet waren«, aber auch durch einen starken Anstieg der Gashandelsaktivitäten am österreichischen Hub und eine gute Auslastung des Fernleitungsnetzes durch kurzfristige Transporte. Die Gas Connect Austria ist für Betrieb und Ausbau des Erdgas-Hochdrucknetzes in Österreich verantwortlich.

Russland und Europa

Wie sich die generelle Nachfrage nach Erdgas in Europa künftig entwickelt, zeichnet sich laut Stindl schon heute ab: »Es ist zu befürchten, dass sich der Gaspreis auch in den kommenden Jahren nicht so entwickeln wird, dass Gas zur Stromerzeugung verwendet werden kann.«

Dr. Kirsten Westphal von der Stiftung Wissenschaft und Politik thematisierte geopolitische Fragen. »Politische Entscheidungsträger der EU streben eine zunehmende Reduzierung fossiler Energieimporte aus Russland an. Gleichzeitig ist aber derzeit zu beobachten, dass Russland günstiges Gas in großen Mengen liefert, weil es seine Marktanteile in Europa verteidigen möchte. Russland braucht diese Einnahmen aus Gas- und Ölverkäufen nach Europa auch. Und auch Europa braucht Russland.« Die in Europa benötigten Gasmengen könnte die EU laut Westphal auch nicht kurzfristig ersetzen.

Diversifizierte Lieferung

Die starke wechselseitige Abhängigkeit sollte die politischen Akteure ermuntern, ökonomische Vernunft an den Tag zu legen: »Politische Konflikte sollten die Wirtschafts- und Energiebeziehungen nicht überschatten. Die handelnden Personen in der Politik sollten aufhören, ständig die Energiekarte auszuspielen, wenn sie aus der aktuellen Eskalationsspirale herauskommen möchten«. Eine politische Lösung für die Ukraine werde sicher noch Jahre brauchen.

Fakt ist, dass Russland bis auf Weiteres das Rückgrat der Gasversorgung in Europa bleiben werde. Die Energieunion strebe als Alternative zu Russland strategische Energiepartnerschaften mit Produktions- und Transitländern wie Norwegen, Algerien, der Türkei, Aserbaidschan, Turkmenistan, dem Nahen Osten oder Afrika an. »Hier sehe ich vor allem, dass Norwegen mit seinen großen Ressourcen zur europäischen Versorgungssicherheit beitragen könnte«, so Westphal: »Damit würden auch außenpolitische Handlungsspielräume wachsen und Gas hätte in Europa eine bessere Zukunft.«

Professor Johannes Pollak, Abteilungsleiter für Politikwissenschaften am IHS und Professor an der Webster University in Wien, erklärte, dass die Ukraine als Transitland für russisches Gas nach Europa zunehmend an Bedeutung verliere.

Ausbau Gaskorridore

Eine strategisch wichtige Frage der EU-Energiepolitik – und auch Österreichs ist: »Wie wird Gas in Zukunft nach Mitteleuropa transportiert? Es sollten alle Anstrengungen unternommen werden, dass sich die EU und Russland beim Thema South Stream/TurkStream einigen« so Pollak. Gelingt dies nicht, muss sich Europa zügig auf den Ausbau des südlichen Gaskorridors einigen »und dabei aus dem Scheitern von Nabucco lernen«. Dabei wird die Rolle der Türkei als zentrales Transitland in den kommenden Jahren eine wichtige Rolle spielen. Fakt ist, dass die EU und Russland auch weiterhin in einem interdependenten Verhältnis stehen. »Kooperieren statt sanktionieren würde sowohl kurz- und mittelfristig eine leistbare Energieversorgung Europas sichern«, sagte Pollak.

Eine einheitliche EU-Linie sei laut Pollak in der Diskussion allerdings »derzeit nicht erkennbar«. Es scheint so, dass für Änderungen in der Energiepolitik und Energieaußenpolitik der Leidensdruck noch größer werden müsse. Nur ein integrierter Energiebinnenmarkt mit einer ausgebauten Interkonnektivität, Bevorratungskapazitäten und Krisenreaktionsmechanismen sowie gemeinsamer Erforschung von alternativen Energiequellen und Speichermöglichkeiten garantiere die langfristige Versorgungssicherheit Europas.

Erschienen in Ausgabe: 06/2015