Einheitliche Raumbezüge schaffen

IT Die Regulierung zwingt die Energiebranche zu kostenoptimierten Prozessen. Die auf der ESRI 2008 vorgestellten Lösungen zeigen, wie Geoinformationssysteme (GIS) diese unterstützen.

04. Juni 2008

»GIS bewegt uns« – so lautete das Motto der 14. deutschsprachigen Anwenderkonferenz ESRI 2008, die dieses Jahr in München stattfand. Doch nicht nur Geoinformationssysteme ›bewegte‹ die knapp 1.000 Gäste aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein, sondern auch der Energiemarkt sich selbst – dies natürlich folgenreich, bereits geraume Zeit vor Veranstaltungsbeginn: »Die Bewegungen im Energiemarkt, die sich durch Liberalisierung und aktuell durch die Regulierung ergeben, spiegeln sich zunehmend in den Marktkonzepten der Branche wider. Fusionen sind hier ein oft genutztes Instrument im Wettbewerb«, so Stefan Jung, Business Manager Utilities & Telecommunications der Esri Geoinformatik GmbH. »Diese Veränderungen nehmen großen Einfluss auf die in der Energiewirtschaft eingesetzten IT-Systeme «, so Jung mit einem Seitenblick auf Smart- Grids, der von der EU vorangetriebenen Vision für zukünftige Stromnetze zur Förderung regenerativer Energiequellen. Der GIS-Experte geht davon aus, dass über den Raumbezug der gemeinsame Nenner zur Integration unterschiedlicher IT-Systeme eines Energieversorgers definiert ist – sei es in Form einer postalischen Adresse oder der Lokalisierung eines Betriebsmittels in der realen Welt.

Aufbereitet für den Vergleich

Angefacht durch die Regulierung, müssen sich Netzbetreiber einem Effizienzvergleich unterziehen, der direkte Auswirkungen auf die zukünftigen Erlöse hat. Nur Unternehmen, denen es gelingt, ihre Kosten konsequent in gleichem Maße wie die zulässigen Netzentgelte zu reduzieren, können dauerhaft Gewinne erwirtschaften. GIS gilt hier als effektives Mittel zur Analyse und Auswertung der eigenen Netze, um die von der Bundesnetzagentur (BNetzA) geforderten Daten schnell und fundiert liefern zu können. Die Saar Ferngas Transport ist, so Stefan Jung, das erste Unternehmen, das im Energieversorgerbereich auf die ArcGIS-Werkzeuge zugegriffen hat. Die BNetzA nutzt zum Effizienzvergleich etwa die Referenznetzanalyse, so Albert Lamprecht, verantwortlich für die zentrale Planauskunft bei der Saar-Ferngas-Tochter. Das Problem der Vergleichbarkeit der Netzbetreiber liegt in den historisch gewachsenen und daher uneinheitlichen Netzstrukturen: »Im Zeitraum von 1929 bis Anfang der 70er-Jahre war die Versorgungsaufgabe der damaligen Ferngasgesellschaft Saar der Transport von Kokereigas«, so Lamprecht. Ab den 70ern wurde das Netz für die Erdgasversorgung ertüchtigt, woraus nun neun unterschiedliche Druckstufen resultieren. Mit GIS als Instrument zur Datenanalyse können die Strukturen des etwa 1.700 km langen Leitungsnetzes nach den BNetzA-Vorgaben abgebildet werden. Lamprecht vermutet, dass ohne kritische Hinterfragung der Ergebnisse des Effizienzvergleichs insbesondere Ringverbindungen, die der Versorgungssicherheit dienen, als ineffizient identifiziert werden könnten. »GIS verdeutlich die Plausibilität dieser Netzabschnitte«, so Lamprecht. Als »Integrationsplattform« sieht Dirk Skarupke, Betriebsleiter Technische Lösungen der EWE-Tochter BTC, die Fachanwendung GIS. Großes Potenzial bietet sich seiner Meinung nach mit der Integration von GIS und Netzleittechnik. »Die komplette Netztopologie kann in GIS abgebildet und im Störfall die Distanz durch Netzwerkverfolgung berechnet werden«, so der Geodät. Durch Schaltung entsprechender Lasttrenner kann die gestörte Leitung isoliert und der Mechaniker zeit- und kosteneffizient zur Störstelle geschickt werden. Die Servicequalität eines Versorgers wird dadurch, so Skarupke, »wesentlich angehoben«. Selbst im Bereich Biogaseinspeisung greift der ökonomische Faktor des GIS: »Zukunftsweisende Möglichkeiten« schreibt etwa Michael Jandewerth der Software im von der Bundesregierung geförderten Forschungsprojekt ›Biogaseinspeisung‹ zu. Er arbeitet im Geschäftsfeld Energieanlagentechnik des Projektkoordinators Fraunhofer- Institut Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik. »Erstmals ermitteln wir Biomassepotenziale auf Basis naturräumlicher Gegebenheiten, realer Flächen und unter Berücksichtigung von Konkurrenzen in der Flächennutzung sowie sozioökonomischer und ökologischer Faktoren«, so Jandewerth. Das Verbundprojekt betrachte mit dem Niederrhein und der Altmark zwei strukturell sehr unterschiedliche Modellregionen und sei daher mit seinen im Oktober 2008 erwarteten Resultaten auf ganz Deutschland übertragbar. »Landwirtschaftliche Rückstände, wie etwa Gülle, werden vorwiegend am Erzeugungsort verwertet«, so Jandewerth. »Den Kosten kleiner, unwirtschaftlicher Anlagen steht ein geringer ökonomischer Nutzen gegenüber. Biomassepotenziale, insbesondere im Abwärmebereich, werden nicht ausgeschöpft«. Das mit GIS arbeitende Projekt mache eine ganzheitliche Betrachtung des Pfades Biogaseinspeisung möglich, was einen »riesigen Schritt« für dessen Wirtschaftlichkeit bedeutet. (ds)

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Erschienen in Ausgabe: 06/2008