Einstieg in eine »neue Dimension«

Messe Klimaschutzbewusstsein und der derzeitige Ölpreisschock lassen die Solarbranche boomen. Ein Spiegelbild dessen war die Intersolar 2008 mit über 51.000 Besuchern aus 140 Nationen – einem neuen Besucherrekord.

18. August 2008

Selbst der Standortwechsel der Intersolar von Freiburg nach München stand unter einem guten Stern. »Wachstumsraten von über 50 % pro Jahr machten den Umzug aus Freiburg nach München unabdingbar«, so Dr. Dieter Salomon, Oberbürgermeister der Stadt Freiburg, die über ihre Messegesellschaft mit der Solar Promotion und dem neuen Partner Messe München, weiterhin Mitveranstalter von Europas größter Messe für Photovoltaik, Solarthermie und Solares Bauen bleibt.

Die diesjährige Intersolar hat, so der Geschäftsführer der Solar Promotion, eine »neue Dimension« erreicht. Mit mehr als 51.000 Besuchern aus 140 Nationen – etwa 11.000 mehr als erwartet und etwa 19.000 mehr als 2007 – und über 1.000 Ausstellern (davon 47 % aus dem Ausland) auf 76.000 m2 Fläche sei die Messe »bestens aufgestellt für die Zukunft«, so Klaus W. Seilnacht, Geschäftsführer der Freiburg Wirtschaft Touristik und Messe GmbH.

Die Zukunft der Solarbranche sieht, trotz der ab 2009 abnehmenden Vergütungssätze (siehe Beitrag Seite 22), rosig aus. Laut dem Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) wird Solarstrom gegen Mitte des kommenden Jahrzehnts wettbewerbsfähig zu konventionellem Haushaltsstrom. In spätestens sieben Jahren soll die Netzparität erreicht und die Solarstrom-Förderung schrittweise überflüssig werden. »Bereits heute ist die deutsche Photovoltaik- Branche umsatzstärker als die Biotechnologie«, so BSW-Geschäftsführer Carsten Körnig auf der Auftakt-Pressekonferenz. Bis 2010 rechnet der Verband mit einer Umsatzverdopplung der heimischen Produktion von 7 Mrd. € (2007) auf über 13 Mrd. € (2010). Davon wird die Hälfte im Ausland erwirtschaftet. Auch wenn die chinesischen Modulhersteller derzeit in aller Munde sind, hält der Export von Solarmodulen aus Deutschland mit dem Import Schritt. Der Bundesverband prognostiziert für das laufende Jahr einen Umsatzanstieg deutscher Solarunternehmen im Auslandsgeschäft von über 50 % auf über 1,5 Mrd. €. »Langfristig rechnen wir mit einem jährlichen Exportanteil von 70 %, wie er heute bei Windanlagen- und im Maschinenbau üblich ist«, erklärt Körnig.

Neue Produktionsstätten, Fortschritte in der Massenfertigung und Produktneuheiten führen, so Körnig, zu sinkenden Preisen bei steigender Qualität. Damit ein Marktrückgang durch das EEG vermieden wird, müssten die Preise mindestens in Höhe der jährlichen Degression der Einspeisevergütung gesenkt werden – also um 8 % in 2009.

Massiver Produktionsausbau

Die Intersolar 2008 zeigte, dass die Branche bereits ›Kostendämpfer‹ in der Produktion in Umsetzung hat. Die materialsparende Dünnschichttechnologie gewinnt dabei zunehmend an Bedeutung. Den Start seiner in Europa ersten Produktionsstätte in Mochau bei Dresden legte das kalifornische Technologieunternehmen Signet Solar pünktlich zur Intersolar. Eine Liveschaltung ins ›Silicon Saxony‹ übermittelte den »historischen Knopfdruck« in die bayerische Landeshauptstadt. Seit dem 12. Juni 2008 laufen in Mochau vollautomatisch Solarmodule im Maximalformat 2,20 m x 2,60 m vom Band. Solarparks mit bis zu 10 MW werden die Absatzgruppe sein. »Bei unserer Dünnschicht- Silizium-Technologie wird amorphes Silizium direkt auf ein leitfähig beschichtetes Glassubstrat abgeschieden«, so Geschäftsführer Gunter Ziegenbalg. »Die aktive Modulschicht ist daher um mehr als den Faktor Hundert dünner als bei herkömmlichen kristallinen Modulen« – in Verbindung mit extrem großen Substraten ein Faktum, das die Produktionskosten vor Ort um 50 % sinken ließ. Ebenfalls auf Expansionskurs ausgerichtet hat sich Schott Solar. Bis Ende 2009 plant sie in der Receiverfertigung für Solarkraftwerke mit Parabolrinnentechnologie (Concentrated Solar Power) einen Ausbau auf rund 1 GW. Auch die jährliche Produktionskapazität im Joint Venture Wacker Schott Solar soll bis 2012 auf 1 GW wachsen. »Künftig wollen wir die Photovoltaik und die Concentrated Solar Power unter dem Dach der Schott Solar bündeln« so Vorstandsvorsitzender Udo Ungeheuer.

Eine besondere Rolle als Produktionsstandort fällt in der Branche Ostdeutschland zu: Ein Drittel der Wertschöpfungskette soll etwa aus Sachsen-Anhalt kommen – diese Ziellinie setzt Detlef Schubert, Staatssekretär im sächsischen Wirtschaftsund Arbeitsministerium, dem Bundesland. Bereits am ersten Messetag seien erfolgreiche Investorengespräche im Solarsektor geführt worden, so Schubert. Doch ohne dass die Tinte trocken sei, sollen noch keine Namen fallen.

Eine »Weltneuheit« präsentierte die Leipziger Solarhybrid AG mit einem Hybrid- Kollektor, der das Lichtspektrum der Sonne optimal ausnutzt: Gleichzeitig gewinnt er Wärme und Strom. Durch einen optional nachrüstbaren Thermogeneratorkann aus der überschüssigen Wärme zusätzlich Strom erzeugt werden. Die Stromgewinnung in der Raumfahrt stand hierzu Pate. Ende 2008 will Solarhybrid die ersten Generatoren ausliefern.

Auch die Systaic AG setzt auf die Kombination aus Photovoltaik und Solarthermie: Ihr Energiedach verzichtet im Unterschied zu Gepäckträgerlösungen auf Alu-Umrandungen und Kabelverbindungen, die witterungsbedingt anfällig sind. In dem in Polyurethan eingefassten Photovoltaik-Laminat ist eine neuartige kabel- und schraublose Befestigungs- und Verschaltungstechnologie integriert, was eine elektrische und mechanische Verschaltung der Module in einem einzigen Arbeitsschritt möglich macht. Das innovative Gesamtdach mit Photovoltaik- und Solarthermie-Applikationen will der Hersteller bis 2010 rund 10.000 Mal verkauft haben, so Vorstandsvorsitzender Michael Pack. Auch im PKW-Solardach findet sich deren Technologie wieder. Es soll für eine umweltfreundliche Zufuhr von Frischluft in geparkten Fahrzeugen sorgen. (ds)

Erschienen in Ausgabe: 7-8/2008