Emissionshandel allein reicht für Wende nicht aus

Markt

Kraftwerke - Der Handel mit Zertifikaten alleine wird in Deutschland nicht zu Investitionen in Erneuerbare führen. Nur mit ergänzenden Förderprogrammen ändert sich der Kraftwerkspark.

24. April 2012

>Wenn Unternehmen für jede in die Luft geblasene Tonne CO2 ein Zertifikat kaufen müssen, stellen sie ihre Produktion auf klimaschonendere Anlagen und Verfahren um. Das war die Idee hinter dem 2005 gestarteten europäischen Emissionshandel. Doch die Wirksamkeit des Mechanismus ist umstritten. Die EU hat eine Obergrenze für den Ausstoß von CO2 festgelegt und eine entsprechende Anzahl Zertifikate auf den Markt gebracht. Deren Preise sind, so die Kritik, heute viel zu niedrig, als dass sie den gewünschten Zweck erfüllen.

Wie wird der Emissionshandel die deutschen Erzeuger von Strom und Wärme in den kommenden Jahren beeinflussen? Dieser Frage ist Carola Hammer vom TUM-Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre – Controlling in München in ihrer Dissertation nachgegangen.

Für verschiedene Szenarien berechnete sie mit einem Optimierungsmodell die Produktions- und Investitionsentscheidungen der Energiebranche. Dabei hat sie technologische Daten wie Wirkungsgrad, Lebensdauer und Betriebskosten der Anlagen in Deutschland und seinen Nachbarländern einbezogen, aber auch Marktdaten wie Primärenergiepreise, Energienachfrage und Netz-kapazität sowie Rahmenbedingungen wie klimapolitische Zielvereinbarungen und wirtschaftspolitische Regulierungen.

Kernkraft Bremse für Umbau

Das Ergebnis ihrer Analyse: Gäbe es den Emissionshandel nicht, würden die deutschen Energieproduzenten massiv in Kapazitäten für die Produktion aus Steinkohle investieren. Auch bedingt durch den Wegfall der Kernkraftwerke würde der Anteil der Stein- und Braunkohle an der gesamten Stromproduktion von rund 43% im Jahr 2009 auf circa 71% im Jahr 2020 steigen.

Um die Effekte des Handels in Reinform abzubilden, hat Hammer zunächst ein Szenario analysiert, bei dem die existierenden Kreditförderprogramme für Investitionen in Erneuerbare herausgerechnet werden: Danach würden die Erzeuger zunächst ihre Kapazitäten in Biomassekraftwerken erweitern. Ab 2016 setzten sie dann stark auf Erdgas, das den Einsatz von Stein- und Braunkohle auf rund ein Drittel der Stromerzeugung zurückdrängen würde. 2020 würden so etwa 36% des Stroms und 27% der Wärme aus Erdgas sowie rund 17% des Stroms und 39% der Wärme aus Biomasse produziert.

2013 beginnt die dritte Handelsperiode, in der die Menge an Emissionsrechten jährlich um 1,74% gesenkt wird und sich damit der Preis für ein Zertifikat tendenziell erhöht. »Ab 11 Euro pro Zertifikat fahren die Energieerzeuger die Biomasseproduktion hoch, ab 23 Euro die Erdgasnutzung. Und erst ab 26 Euro drosseln sie die Braunkohle-Verstromung«, sagt Hammer. Im Januar lag der Preis für ein Zertifikat bei unter 10€.

Der Wandel würde in dem angenommenen Szenario weniger deutlich ausfallen, sollte im gleichen Zeitraum der EU-Binnenmarkt im Energiesektor – also vor allem die grenzüberschreitenden Netze - ausgebaut werden. Deutschland könnte und würde mehr Strom importieren, gerade aus Frankreich. Weil es sich dabei vor allem um Atomstrom handelte, für den die Erzeuger keine CO2-Ausstoß-Rechte benötigen, würde der Zertifikatspreis gedrückt werden.

Sein Ziel nahezu völlig verfehlen würde der Emissionshandel in Deutschland, wäre nicht der Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen worden. Weil die Nachfrage nach Zertifikaten nicht hoch genug sein würde, stiege deren Preis nicht so weit, dass die Unternehmen ihren Anlagenpark umbauten.

An der Stromproduktion würde sich bis 2020 deshalb lediglich der Biomasse-Anteil geringfügig erhöhen, der Kohle-Anteil bliebe gegenüber 2009 beinahe gleich hoch. »Die Atomkraft ist keine Brückentechnologie, sondern eine Bremse für den Umbau des Portfolios«, urteilt Hammer.

Der Handel allein reicht nicht, um Deutschlands Ziel zu erreichen, bis 2020 30% der Stromnachfrage aus Erneuerbaren zu decken. »Der Bau von Windkraft- oder Geothermieanlagen ist kapitalintensiv und mit so vielen Unsicherheiten verbunden, dass die konventionellen Anlagen selbst bei höheren Zertifikatspreisen noch attraktiver sind.«

Keine große Reduktion möglich

Deshalb werden sich die grünen Energien nur durchsetzen, wenn die Förderprogramme, mit denen der Bund günstige Kredite zur Verfügung stellt, parallel zum Emissionshandel beibehalten werden. In diesem Fall werden die Erzeuger im Vergleich mit den anderen Szenarien insgesamt deutlich mehr in neue Anlagen investieren.

Neben Biomasse spielt dabei Windkraft für die Strom- und Geothermie für die Wärmeproduktion eine Rolle. Diese werden nach Hammers Modell 2020 Anteile von 23 oder 33% an der jeweiligen Gesamtproduktion erreichen. »Nur mit dieser Kombination aus Zertifikathandel und Marktanreizprogramm schafft es Deutschland, den Anteil der Stromproduktion aus erneuerbaren Energien bis 2020 auf rund 47 Prozent zu steigern.«

Allerdings: Der CO2-Ausstoß wird dadurch nicht wesentlich reduziert. Denn die Betreiber von Windkraft- und Geothermieanlagen werden keine Zertifikate nachfragen, was deren Preis senkt. Damit entfällt der Anreiz für andere Energieproduzenten, von Kohle- auf Gaskraftwerke umzusteigen. Also wird 2020 zwar der Anteil der erneuerbaren Energien auf Kosten der Kernkraft gestiegen sein, der Anteil der Stromproduktion aus Kohle aber wird mit rund 43% im Vergleich zu 2009 etwa gleich bleiben. Nur in der Wärmeproduktion sinkt dieser maßgeblich von rund 75 auf rund 55%.

In allen Szenarien schöpfen die Unternehmen die Gesamtmenge der Zertifikate aus. Was variiert, sind die Kosten für die Unternehmen und damit möglicherweise die Energiepreise für die Endverbraucher: Gäbe es die Kreditförderprogramme nicht, würden die Preise für Zertifikate steigen – während die aus Steuern finanzierte Förderung günstigere Emissionsrechte zur Folge hat.

Niedrige Zertifikatspreise

Die Rekord-Tiefststände der Emissionszertifikate haben eine erneute Debatte über die Effektivität des EU-Emissionshandelssystmes (EHS) angefacht. So wird als Maßnahme etwa eine Stilllegung einer entsprechenden Anzahl von Zertifikaten der dritten Handelsperiode überlegt. Dieses wird von einigen Experten kritisch gesehen. Die aktuelle Lage und Zukunft des EHS war auch Thema auf einer von der EEX ausgerichteten Diskussionsrunde in Brüssel. So sagt Stig Schjølset, Head of Carbon Analysis bei Point Carbon, dass laut ihren Schätzungen 2020 ein Überangebot von rund 1,4Mrd. Zertifikaten bestehen wird. Nach Ansicht von Trevor Sikorski, Head of Environmental Market Research bei Barclays Capital, spielen drei Gründe eine Rolle für die derzeit niedrigen Preise: Die Finanzkrise, durchgeführte CO2-Ausgleichsmaßnahmen und Invests in Erneuerbare. Das EU-Parlamentsmitglied Bas Eickhout sagte, dass das derzeitige EHS nicht ausreicht, um bis 2050 eine Emissionsreduktion von 80% zu erreichen. Er forderte, die Senkung von 1,74% pro Jahr anzugleichen. Auch reiche das EHS allein nicht, um dem Klimawandel zu begegnen.

Erschienen in Ausgabe: 04/2012