Energie-Projekte auf dem Prüfstand

Management

KWK, Wärmerückgewinnung oder Prozesswärmeerzeugung bieten Möglichkeiten für Betriebe, ihre Energiekosten zu senken. Nur können dafür hohe Investitionen nötig werden. Wann ist Contracting sinnvoll?

27. Mai 2011

Energiekosten machen in vielen Branchen einen großen Teil der Produktionskosten aus. Mit optimierten Versorgungsmodellen lassen sich diese oft reduzieren, was aber mit hohen Investitionen verbunden sein kann. Unternehmen können oder wollen diesen Invest nicht in jedem Fall selbst tätigen.

Hier kann Contracting Abhilfe schaffen. »Contracting ist nur dann sinnvoll, wenn Unternehmen die Investition nicht aus eigener Tasche finanzieren können oder diese bewusst nicht tätigen wollen«, erläutert Wolfgang Hahn, Geschäftsführer der Energie Consulting GmbH (ECG). »Denn verglichen mit einer Eigenumsetzung wird es unter dem Strich immer etwas teurer sein, da der Partner für seine Dienstleistung und das investierte Kapital eine adäquate Rendite erwirtschaften muss.«

Gleichzeitig gelte es aber auch einiges zu beachten, führt Hahn aus. Um selbst für Contracting-Anbieter attraktiv zu sein, muss das eigene Unternehmen wirtschaftlich solide aufgestellt sein: Einer Firma mit schlechter Bonität wird niemand ein Heizkraftwerk finanzieren. Ein weiterer Punkt: Wer seine Energieversorgung über Contracting sicherstellt, geht damit eine langfristige Partner-Beziehung ein. Deswegen sollten die Beziehung und damit das Vertragswerk auf stabilen Füßen stehen.

Invest-Hürde Interne Vorgaben

Die Auswahl an Contracting-Anbietern auf dem Markt ist groß, und zur Berechnung der Energiekosten trägt eine Fülle von Faktoren bei, die auch für eine optimale Ausgestaltung berücksichtigt werden müssen. »Daher empfiehlt es sich, bei großen Vorhaben unabhängige Beratung in Anspruch zu nehmen und sich im Vertragsdschungel unterstützen zu lassen«, sagt Hahn.

So geschehen im Falle einer Papierfabrik. Hier haben die Experten von der ECG dem Unternehmen beratend zur Seite gestanden. Der Trocknungsvorgang mehrerer Papiermaschinen sollte umgestellt werden – von indirekter Trocknung mit Dampf auf direkte, gasgefeuerte Trocknung. Das bestehende Heizkraftwerk ließ sich aber damit nicht mehr effizient betreiben. »Die Lösung wäre eine neue, moderne Anlage mit Gasturbine, die selbst bei reduziertem Dampfbedarf eine Erhöhung der Eigenstromerzeugung ermöglicht«, führt Michael Werner, Partner ECG, aus. »Allerdings kostet die Umrüstung etwa zehn Millionen Euro.« Diese Investitionshöhe widersprach jedoch den internen Vorgaben, nach denen die Kapitalrückflusszeit nur zwei und nicht wie in diesem Fall vier Jahre betragen darf.

Um die wirtschaftlich und betrieblich interessante Lösung ohne eigene Investitionen umzusetzen, wurde ein Contracting-Modell gewählt. Neben der Planung und Errichtung der Nutzenergie-Erzeugungsanlage sollte der Contractor auch Betrieb, Wartung und Instandhaltung übernehmen.

Als Aufgabe definierten die Partner fünf Hauptziele: Der Betriebs- und Verwaltungsaufwand sollte reduziert, das Reservestromproblem gelöst, die Anlage außerhalb der Bilanz der Papierfabrik (Off-Balance) finanziert, die Kreditlinie geschont und die Kosten minimiert werden.

Leistungen präzise regeln

»Um die Anlage Off-Balance realisieren zu können, muss das wirtschaftliche Risiko beim Contractor bleiben«, so Werner. »Dies bedeutet aber, dass die Papierfabrik auf eine quantitative Endschaftsregelung verzichten muss: Sie weiß nicht, was nach Ablauf der Laufzeit mit der Anlage passiert, oder zu welchem Preis sie diese erwerben kann und geht an dieser Stelle ein gewisses Risiko ein.«

Insgesamt haben die Papierproduzenten fünf erfahrene Contracting-Unternehmen mit einer standardisierten Ausschreibung angefragt. Dabei durfte jeder Anbieter zusätzlich eine eigene, von den vorgegebenen Standard-Varianten abweichende Lösung anbieten, die mit Hilfe der Basisvarianten kalibriert wurde.

Das Auswahlverfahren brachte innerhalb eines Jahres einen Anbieter hervor, der die Anforderungen der Papierfabrik zu einem akzeptablen Preis am besten erfüllen konnte. »Verglichen mit einer Eigenrealisierung musste das Unternehmen allerdings einen Kostennachteil von vier Prozent in Kauf nehmen, da finanzstarke Contractoren mit einer hohen Renditeerwartung kalkulieren«, führt Werner aus. Die technische Umsetzung des zukunftsfähigen Konzepts sei dennoch in Angriff genommen worden, da sie zu einer Kostenentlastung führte.

Der ausgearbeitete Vertrag stellte auf verschiedene Rahmenbedingungen ab. Darunter befand sich etwa die schon erwähnte Off-Balance-Finanzierung der Anlage. Außerdem waren eine kosteneffiziente Belieferung, Planungssicherheit, minimale Kapitalbindung und die Beachtung der energiewirtschaftlichen Randbedingungen in Bezug auf Energie- und Stromsteuer sowie EEG weitere Punkte.

Die Laufzeiten für Contracting-Vorhaben liegen üblicherweise zwischen 10 bis 15 Jahren. In diesem Fall vereinbarten Contractor und Unternehmen 15 Jahre. »Leistungen und Liefermengen müssen im Vertrag sehr präzise und umfangreich geregelt werden«, so Werner weiter. Als ein konkretes Beispiel dafür führt er an: »10 Tonnen Dampf pro Stunde mit einem Druck von mindestens 3,5 bar und einer Überhitzung von mindestens 10 Kelvin an der Übergabestelle; die Kondensatrücklieferung muss mindestens 85 Prozent betragen, nicht geliefertes Kondensat unterhalb von 85 Prozent ist mit 4,50 Euro pro Tonne zu vergüten.«

Auch der Umgang mit deutlichen Änderungen, die sich während der langen Laufzeiten ergeben können, sei zu vereinbaren. Da Preise im Regelfall von energiewirtschaftlichen Entwicklungen abhängen, werden diese Regelungen an Preisgleitklauseln gebunden. Dabei basiert beispielsweise die Grundpreisbindung auf einem Basisgrundpreis und ist abhängig von den vom statistischen Bundesamt veröffentlichten Lohn- und Investitionsgüterindizes.

»Contracting eröffnet Unternehmen somit neue und vielfältige Möglichkeiten, hochinvestive Maßnahmen abseits der Konzern-Investitionsrichtlinien umzusetzen«, sieht Hahn Vorteile. Dadurch, dass keine Investitionen in die Energieanlage getätigt werden müssen, könnten die frei werdenden Mittel an anderer Stelle verwendet werden. So ermögliche es darüber hinaus die Freisetzung ökologischer und ökonomischer Potenziale, welche vom Unternehmen unter Umständen sonst nicht genutzt werden könnten.

Erschienen in Ausgabe: 05/2011