Energiewellen in Richtung Süden

WINDSTUDIE Die Integration von Windkraft ist eine zentrale Herausforderung der Netzbetreiber. Mit dem Windreport 2005 gibt E.on einen Überblick über Auswirkungen und mögliche Lösungen.

21. Oktober 2005

„Im Gebiet der E.on Netz hatten wir Ende vergangenen Jahres mit 7.050 MW installierter Windleistung über 40 Prozent der deutschen Windstromkapazitäten“, beklagt Martin Fuchs, Vorsitzender der Geschäftsführung der E.on Netz. Der größte Teil davon wiederum konzentriere sich auf Niedersachsen und Schleswig-Holstein. „Die gelegentlich immer noch als dezentral gepriesene Windenergie ist damit zu einer der geografisch konzentriertesten Erzeugungsformen überhaupt geworden“, sagt Fuchs. Er erläutert dies an einem Beispiel: „Am 12. September konnten die Windstromeinspeisungen zeitweilig bis zu 38 Prozent des Strombedarfs in unserem Netz abdecken. Dies ist der höchste Wert, der im vergangenen Jahr erreicht wurde. Am 30. September waren es dagegen nur 0,2 Prozent - der niedrigste Jahreswert.“

Gravierende Auswirkungen habe die Tatsache, dass die Schere zwischen Eigenbedarf und Stromproduktion sich im Norden Deutschlands immer weiter öffne. Bereits heute stehen in Schleswig-Holstein und Nord-Niedersachsen Windräder mit einer Leistung von 5.400 MW. „Wenn Starkwind mit Zeiten geringer Stromnachfrage zusammenfällt, dann ist Norddeutschland Stromexportland. Mit jedem Zubau verschärft sich diese Situation weiter, denn die Gebietsschwachlast der Region liegt stabil bei lediglich etwa 3.300 MW“, sagt Fuchs.

In fünf Jahren werde die Differenz zur installierten Windleistung bereits 7.000 MW betragen. Ein Vergleich zeige die Dimension: Das sei mehr, als ganz Italien zum Zeitpunkt des großen Blackouts 2003 physikalisch aus Frankreich, der Schweiz, Österreich und Slowenien importierte, so der Experte.

Die Folgen sind schon heute groß: Wenn der Wind kräftig weht, schwappt ein Großteil der zwischen Oldenburg und Rendsburg produzierten Energie wellenartig nach Süden. Entsprechend den Gesetzen der Physik sucht sie sich den? Weg des geringsten Widerstands und weicht auch nach Ost und West in europäische Nachbarnetze aus.

„Deutsche Windkraft bringt damit zunehmend auch niederländische und polnische Netze an ihre Kapazitätsgrenzen; Beschwerden dazu liegen vor. Nur mit Eingriffen in Netztopologie, europäischen Stromhandel und nationalen Kraftwerkseinsatz konnten wir die Situation im letzten Winter noch beherrschen“, hat Energieexperte Fuchs ausgemacht.

200 Mio. € in windbedingten Leitungsausbau

Deshalb brauche man in Deutschland auch dringend neue Leitungen. „Wir stellen uns darauf ein, bis zum Ende dieses Jahrzehnts über 200 Millionen Euro in den windbedingten Leitungsausbau zu investieren. So werden wir in Niedersachsen rund 180 neue Leitungskilometer bauen“, berichtet Bernhard Fischer, im Vorstand der E.on Energie für Technik verantwortlich.

Auf der Höchstspannungsebene seien konkret zwei 380-kV-Trassen geplant - in der Region Oldenburg von Ganderkesee nach St. Hülfe und in Nordbayern von Altenfeld nach Redwitz. In Schleswig-Holstein sind neue Hochspannungsleitungen mit einer Gesamtlänge von rund 110 km in Planung. „Hinzu kommen eine Vielzahl von weiteren Maßnahmen unserer Regionalversorgungsunternehmen für Netzerhaltung und -ausbau“, so der Vorstand der E.on Energie. (mn)

Erschienen in Ausgabe: 10/2005