Entlastung über Intraday-Handel braucht wirtschaftlichen Anreiz

Management

Virtuelle Kraftwerke - Trotz der Zunahme der erneuerbaren Energien im Netz müssen Systemungleichgewichte vermieden und Versorgungssicherheit gewährleistet sein. Das macht einen Ausgleich über viertelstundengenaue Bewirtschaftung erforderlich. Die Angleichung kann über den Intraday-Handel erfolgen, doch noch greifen die Maßnahmen den Markt betreffend nicht.

26. Februar 2014

Die Notwendigkeit, Schwankungen auf der Netzfrequenzseite, die sich aus der Volatilität der erneuerbaren Energiequellen ergeben, zu glätten, führt automatisch zum Thema Ausgleichsenergie. Doch ist die physische Ausregelung der Netzschwankungen das einzige und in jeder Hinsicht probate Mittel?

Die Studie des VDE ›Erneuerbare Energie braucht flexible Kraftwerke – Szenarien bis 2020‹ liefert neue Ansatzpunkte für eine Diskussion. Sie analysierte unter anderem die veröffentlichten Einspeiseprognosedaten des Übertragungsnetzbetreibers Tennet für die Solar- und Windprognose in Bayern. In den ausgewählten Regelzonen liegt der höchste Anteil des jeweiligen erneuerbaren Energieträgers vor. Die Berechnung der relativen Fehler der Vortagsprognose ergab, dass bei heutigem Stand der Prognosetechnik etwa bei der Windenergie Abweichungen bis in den Bereich von 15GW mit einer Häufigkeit von mehr als zehnmal pro Jahr auftreten.

Mehr kurzfristige Beschaffung

Diese Sachlage müsste laut den Autoren der VDE-Studie zu einem Anstieg des kurzfristigen Ausgleichsenergiebedarfs führen. Dementgegen wird in der Dena Netzstudie II: ›Integration erneuerbarer Energien in die deutsche Stromversorgung im Zeitraum 2015 – 2020 mit Ausblick 2025‹ keine Zunahme der notwendigen Regelenergie bis 2020 prognostiziert.

Da dort jedoch lediglich der Prognosefehler auf einer Zeitskala weniger Stunden als relevant für die Regelenergie berücksichtigt wurde, lässt sich daraus – nach Ansicht der VDE-Experten – implizit ableiten, dass zum Ausgleich der Fehler der Vortagsprognose immer mehr Leistung am Intraday-Markt kurzfristig beschafft werden kann. Dieses zeichnet sich bereits heute aufgrund der steigenden Umsätze am Intraday-Markt ab.

Die Bundesnetzagentur (BNetzA) sieht in diesem Kontext aber noch einen dringenden Handlungsbedarf der Beteiligten. Die Notwendigkeit zum Handeln begründet die BNetzA im ›Positionspapier zur Wahrnehmung der Pflichten nach §4 Abs.2 StromNZV und Ziffer5.2. des Standardbilanzkreisvertrages durch die Bilanzkreisverantwortlichen‹ unter anderem darauf, dass es insbesondere in den Stunden mit steilen Last- oder Produktions-Flanken »nach wie vor nahezu durchgängig zu erheblichen Systemungleichgewichten« komme, die auf eine »fehlende viertelstündliche Bewirtschaftung dieser Flanken zurückzuführen sind«. Im Positionspapier der BNetzA wird zudem eine Auswertung eines Vorfalls aus dem Jahr 2012 aufgeführt, bei dem es in einem bestimmten Zeitraum zu erheblichen Überspeisungen gekommen war.

Prognose-Abweichungen minimieren

Diese Daten zeigen laut den Verfassern des Papiers auf, dass »eine Vielzahl von Akteuren an diesen systemsicherheitsrelevanten Abweichungen beteiligt war, die offenbar die aus Sicht der Bundesnetzagentur und der Übertragungsnetzbetreiber erforderlichen Bilanzkreisbewirtschaftungsmaßnahmen nicht oder nur unvollkommen vorgenommen haben«.

Bei dem heutigen Stand der Prognosetechnik ist eine bestimmte Fehlerhäufigkeit hinsichtlich der Vortagsprognose bei erneuerbaren Energiequellen unvermeidlich. Dessen ungeachtet müssen Systemungleichgewichte vermieden und die Versorgungssicherheit gewährleistet sein. Das macht nach Meinung einiger Experten einen untertägigen Ausgleich über die viertelstundengenaue Bewirtschaftung erforderlich, denn darüber lassen sich die Abweichungen zwischen der prognostizierten und tatsächlichen Stromeinspeisung und -ausspeisung minimieren.

Schnelle Reaktionszeit gefordert

Diese Angleichung kann über den Intraday-Handel realisiert werden, weil hier die Handelsteilnehmer bis zu einer Dreiviertelstunde vor der physischen Lieferung des Stroms ihre Portfolios durch kurzfristigen Zu- oder Verkauf glätten können. Wodurch sich letztendlich, nach Meinung von Jan Aengenvoort, Sprecher beim Direktvermarkter und Regelenergieanbieter Next Kraftwerke, »auch Frequenzschwankungen in den Übertragungsnetzen reduzieren ließen«.

Flexibilität ist einer der wesentlichen Hebel beim Intraday-Handel. Aus diesem Grund entwickeln sich virtuelle Kraftwerke zu einem wichtigen Marktteilnehmer bei einem Handel im 15-Minuten-Takt. Bezüglich des geeigneten Erzeuger-Portfolios innerhalb der virtuellen Kraftwerke können verschiedene Ansätze sinnvoll sein. Nicht zuletzt richtet sich dies auch nach dem Geschäftsmodell des Betreibers.

Unter dem Aspekt einer geforderten schnellen Reaktionszeit sind nach Meinung von Aengenvoort virtuelle Kraftwerke sinnvoll, die einen großen Anteil flexibel steuerbarer Biogas-Anlagen im Portfolio haben. Gerade die modernen Anlagen seien im Sinne des viertelstundengenauen Dispatch oft hervorragend geeignet. Den Vorteil von Wind- und Solarenergie als eine Ergänzung im Energiemix sieht Aengenvoort unter anderem darin, dass sich daraus wertvolle Daten hinsichtlich der Einspeiseprognosen des Gesamtportfolios ableiten lassen.

Keine unmittelbare Entlastung

Nach Ansicht von Theodor Baumhoff vom IT-Beratungshaus Procom eröffnen virtuelle Kraftwerke mit einem ausgewogenen Erzeugungsmix aus flexibler konventioneller sowie volatiler Erzeugung aus Erneuerbaren eine gute Position am Markt. Denn deren Leistung kann »einerseits den öffentlichen Intraday-Markt bedienen sowie andererseits den internen Markt, also den Ausgleich der Erzeuger untereinander ermöglichen«. Dies bietet seines Erachtens neben den wirtschaftlichen Chancen zudem eine Möglichkeit zur Stabilisierung des Versorgungssystems, da volatile Energiequellen innerhalb eines eigenen Bilanzkreises direkt ausgeglichen würden.

Im Sinne der Netzentlastung bedarf es nach Ansicht des VDE eines Gesamtkonzepts, in dem zukünftig auch alle Beteiligten – sowohl Versorger und Anbieter von elektrischem Strom als auch Stromabnehmer – deutlich flexibler agieren müssen. Denn nach Meinung der VDE-Experten können Speicher- und Netzausbau allein »die Erzeugungsfluktuationen nicht ausgleichen«.

Doch ad hoc greifen die Maßnahmen den Markt betreffend nicht – so lässt sich auch durch den Intraday-Handel unmittelbar keine Entlastung der Übertragungsnetze erreichen. Allein aus dem Grund, weil dies ein hohes Maß an Flexibilität bezüglich einer Steuerung der Anlagen voraussetzt. Diese Voraussetzung ist in der Gesamtheit der Marktteilnehmer laut Jan Aengenvoort nicht gegeben.

Trotzdem darf der ausgleichende Effekt des Intraday-Handels nicht unterschätzt werden, etwa unter dem Aspekt, dass dieser Markt es ermöglicht, ungenutzte Flexibilität von Kraftwerken noch wirtschaftlich einzusetzen – denn nach Ansicht von Theodor Baumhoff »erlaubt das aktuelle Preisniveau im Termin- und Day-ahead-Spotmarkt für viele Kraftwerke kaum noch einen wirtschaftlichen Betrieb«.

Korrelationen wichtig

Ein wichtiges Fazit, das sowohl Baumhoff als auch Aengenvoort ziehen, ist, dass die Entlastung der Netze über den Intraday-Handel nur gelingt, wenn damit Geld zu verdienen ist. »Denn nur wenn die Preise auf dem Intraday-Markt mit einem Ungleichgewicht von Stromerzeugung sowie geplantem Verbrauch korrelieren, und das beobachten wir bereits heute«, so Baumhoff, »besteht für flexible Erzeuger der wirtschaftliche Anreiz dieses Ungleichgewicht zu kompensieren.«

Ulla Coester

Erschienen in Ausgabe: 02/2014