Erdgas als Platzhalter für Geothermie

WÄRMENETZE - In Rheinland-Pfalz wird derzeit das Erdwärme-Potenzial intensiv eruiert. Als Übergang sollen Erdgas-BHKW dienen.

18. April 2006

Rheinland-Pfalz möchte langfristig den Ausbau der Geothermie fördern, indem es in Ballungsräumen den Aus- und Neubau von Wärmenetzen unterstützt. Diese sollen übergangsweise mit Gas-Blockheizkraftwerken (BHKW) betrieben werden, bis die Geothermiekraftwerke realisiert sind. Dann könnte man auf Erdwärme umschalten.

Vieles spricht für die Nutzung von Wärmenetzen: So setzt sich 60 % des deutschen Energiebedarfs aus dem Niedertemperaturbereich unter 100°C zusammen. Diese Nachfrage könnte aus der Abwärme aus Stromerzeugung in geothermischen Anlagen in wachsendem Maße bedient werden.

Bei einem Kraftwerk mit 4 MWel Leistung fallen rund 40 MW Wärmeleistung an. Weit über 80 % sind demnach Abwärme, die bei fehlender Verbraucherstruktur ungenutzt durch Trocken-, Nass- oder Hybridkühlung an die Umgebung abgegeben werden müssen.

Wärmenetze bereiten also der Geothermie den Weg, indem deren Potenziale besser ausgenutzt werden können: Auch wenn ein BHKW am Anfang steht, sind Wärmenetze eine interessante Alternative für eine effiziente Wärmeversorgung, urteilt Werner Bußmann von der Geothermischen Vereinigung in Geeste. Insbesondere dann, wenn dadurch die Option für die Geothermie geschaffen und offengehalten wird.

Wie sähe nun eine Strategie für die Zukunft aus? Zunächst ist zu klären, wo im Oberrheingraben die geologischen Voraussetzungen zur Nutzung der Tiefengeothermie gegeben sind. Arbeiten zu einem solchen Geothermiekataster haben inzwischen das Landesamt für Geologie sowie das neue Institut für Geothermisches Ressourcenmanagement (IGeM) an der Universität Mainz und der Fachhochschule Bingen aufgenommen.

In einem zweiten Schritt ist zu klären, wo sich die möglichen Wärmeverbraucher befinden. Hierzu müsste ein Wärmesenkenatlas erstellt werden. Als solche Wärmesenken könnten landwirtschaftliche Betriebe mit Gewächshäusern, aber auch Unternehmen mit Aquakulturen, also Fisch- oder Krebszuchtanlagen, dienen.

Man sollte hier querdenken und sich auf die Suche nach neuen Wärmeverbrauchern machen, so Professor Dr. Ralf Simon, Leiter des IGeM in Bingen. So können, sobald Wärme im Überfluss vorhanden ist, glatteisgefährdete und als Unfallorte bekannte Straßen- oder Brückenabschnitte oder Bus- und Bahnsteige beheizt und eisfrei gehalten werden. Der Wärmesenkenatlas könne auch zum wirtschaftlichen Betrieb von Biogasanlagen eine Planungshilfe sein.

Neben der Hauswärmeversorgung sind für die ganzjährige Wärmeabnahme aber auch Industrie und Gewerbe als Abnehmer unabdingbar. Dies ist nach Ansicht von Professor Simon auch für Kommunen hinsichtlich einer attraktiven Ansiedlungspolitik interessant. Das Abfallprodukt Wärme könne zu einem günstigen Preis angeboten und so ein Standortvorteil geschaffen werden.

Modellort Rülzheim

Um die Wärmesenken an die Wärmequelle anzuschließen, bedarf es des Ausbaus vorhandener beziehungsweise des Baus neuer Wärmenetze. Die pfälzische 8.000-Einwohner-Gemeinde Rülzheim bei Landau könnte Modellort für den Ausbau eines bestehenden Fernwärmenetzes werden.

Hierzu legt das rheinland-pfälzische Umweltministerium in diesen Wochen eine Studie vor, die nach Einschätzung der Beteiligten vielversprechende Ergebnisse zur Wirtschaftlichkeit bringen wird. Neustadt an der Weinstraße könnte eine der nächsten Kommunen sein, wo ein vorhandenes Netz für spätere geothermale Nutzung ausgebaut wird. In einem weiteren Schritt ist zu prüfen, wo auch der Neubau von Nah- und Fernwärmenetzen sinnvoll erscheint.

Derzeit laufen Planungen für rund 20 geothermische Kraftwerke im Oberrheingraben, vor allem im Bereich des Dreiecks Landau - Speyer - Karlsruhe, wo eine Anomalie des Untergrundes besonders hohe Temperaturen verspricht.

Solange kein geothermisches Kraftwerk in Betrieb ist, wird ein übergangsweiser Betrieb der Netze mit Gas-BHKW oder Heizkesseln als Platzhalter-Anlagen in Betracht gezogen. Dabei amortisieren sich wahrscheinlich Gas-BHKW infolge höherer Investitionskosten langsamer.

Adi Golbach, Geschäftsführer des Bundesverbandes Kraft-Wärme-Kopplung e.V. (B.KWK) in Berlin weist hier auf eine Möglichkeit hin, die Flexibilität bei der BHKW-Lösung zu erhöhen: BHKW in Containerbauweise können bei Bedarf zu relativ geringen Kosten an einen anderen Standort verlagert und dort weiterbetrieben werden.

Für Michael Nast vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) ist es wichtig, auch die Gasversorger mit ins Boot zu holen: Es sollte ein Konsens gesucht werden. Zwar steige zunächst deren Absatz, da die Gas-BHKW mehr Gas benötigten als die Einzelheizungen. Wenn die BHKW durch Geothermie ersetzt werden, sinkt allerdings der Gasabsatz entsprechend kräftig.

Zahlen zur Wirtschaftlichkeit

Dies ist letztendlich auch das Ziel des Plans: Nach erfolgreicher Bohrung und dem Bau des geothermalen Kraftwerkes geht die Stromproduktion ans Netz und die Umschaltung des Wärmenetzes auf geothermischen Betrieb kann erfolgen.

Zur Beurteilung der Wirtschaftlichkeit wird sicherlich das Fernwärmekonzept für die Gemeinde Rülzheim erste überprüfbare Zahlen liefern. Bis dahin ist festzuhalten, dass Wärme zu Festkosten, ähnlich einer Flatrate beim PC (Prof. Simon) in greifbare Nähe rückt. Die Abnehmer werden unabhängig von Öl- und Gaspreisen. Kosten entstehen hauptsächlich durch den Aufbau der Infrastruktur aus dem Nahwärmenetz und dem Bau der Platzhalter-Anlage.

Beim späteren Geothermieprojekt fallen 72 % der dann fälligen Projektkosten für die Förder- und Reinjektionsbohrung an, der Rest für die oberirdischen Anlagen. Zwar könne es sein, dass sich Anbieter an den fossilen Energiepreisen orientieren werden, aber langfristig hält dies Professor Simon für nicht wahrscheinlich, da die Kommunen Mitspracherechte an vielen Projekten hätten.

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz sieht übrigens keinen Kraft-Wärme-Kopplungs-Bonus für geothermische Kraftwerke vor. Werner Bußmann von der geothermischen Vereinigung weist darauf hin, dass es hier keinerlei Fördermöglichkeiten gibt: Die Möglichkeit, mit geothermischer Abfallwärme gespeiste Netze aus dem Marktanreizprogramm zu fördern, wurde noch in Trittins letzten Monaten gestrichen.

Erschienen in Ausgabe: 04/2006