Erdgas - die Energiequelle des Jahrhunderts

Scheitelpunkt der Ölförderung wird in einigen Jahren erreicht

Schon 2025 werden die heute absehbaren Erdölressourcen aufgebraucht sein, wenn der Verbrauch jährlich um 6 % steigt. Selbst bei weniger pessimistischen Annahmen ist der Umstieg auf andere Energieträger unausweichlich. Und weil die Wasserstoffwirtschaft noch in den Kinderschuhen steckt, hat Erdgas als Kraftstoff und Brennstoff gute Chancen.

12. November 2001

Derzeit decken fossile Energieträger über 85 % des weltweiten Energieverbrauchs. Daran wird sich auch in naher Zukunft nicht viel ändern, wie die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris feststellt. Sie geht von einem Wachstum des Energiebedarfs um rund 2 % pro Jahr aus, was etwa dem jährlichen Zuwachs während der vergangenen drei Dekaden entspricht. Und ähnlich wie heute werden in Zukunft überwiegend fossile Energieträger zur Verstromung, zur Wärmeerzeugung und als Kraftstoff verwendet werden.

Dennoch ist abzusehen, dass ein fossiler Energieträger in den kommenden Jahrzehnten Marktanteile abgeben wird: Erdöl. Selbst bei stagnierendem Verbrauch würden die bekannten Vorräte an Erdöl, das heute rund zwei Fünftel des Primärenergiebedarfs deckt, lange vor Erdgas und Kohle zur Neige gehen.

Laut Udall and Andrews wird zwischen 2010 und 2020 das Maximum der Erdölförderung erreicht, manche Quellen sagen sogar für einen früheren Zeitpunkt die Förderspitze voraus. Zwar werden in dem ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends die Preise für Erdöl (und auch Erdgas) relativ niedrig bleiben, aber ab 2010 ist wegen der verstärkten Nachfrage bei verringerter Förderung mit massiven Preisanstiegen auf dem Ölmarkt zu rechnen, so die IEA. Ein weiterer Aspekt, der für Alternativen zum Erdöl spricht, ist die zunehmende Abhängigkeit der ölimportierenden Nationen von den OPEC-Ländern.

Spätestens wenn sich die Ölpreise in die Höhe schrauben und neben Umweltaspekten handfeste wirtschaftliche Gründe dafür sprechen, alternative Brenn- und Kraftstoffe einzusetzen, werden alternative Energieträger mehr Beachtung finden. Beispielsweise könnte Erdgas für etliche Jahrzehnte als Kraftstoff zum Einsatz kommen, meint Volker Etzbach, Geschäftsführer bei der Bayerngas GmbH, München. „Bis sich Wasserstoff im Auto etabliert hat, werden sicherlich noch 30 Jahre vergehen“, gibt er zu bedenken. Für diese Zeit sind praktikable Lösungen gefragt, denn bei weiter wachsendem Fahrzeugbestand werden Benzin und Diesel knapp und teuer.

Statt 800 Millionen Kraftfahrzeugen, die heute über die Erde rollen, werden es 2030 etwa doppelt so viele sein, zitiert Etzbach aus Studien. Einen Teil davon mit Erdgas zu betreiben ist ein Anliegen der deutschen Gaswirtschaft. Deshalb engagieren sich Erdgasimporteure und Regionalversorger ebenso wie die Weiterverteiler für das Erdgasauto. Die Gründe liegen auf der Hand: Erdgasautos erzeugen weniger Schadstoffe als vergleichbare Diesel- und Benzinfahrzeuge. Das könnte unter anderem helfen, das Problem des Sommersmogs in Städten in den Griff zu bekommen, wie Deutschlands größter Erdgasimporteur, die Ruhrgas AG, betont.

Dass die Gasbranche neben den Umweltvorteilen gleichzeitig auch ihren Absatz im Visier hat, ist nicht zu verdenken. Der sinkende Erdgasverbrauch bei den deutschen Endkunden (wegen der besser isolierten Häuser und wärmeren Temperaturen) will kompensiert sein. Das ist alleine mit dem Gewinnen neuer Haushaltskunden nicht zu bewerkstelligen. Der deutsche Fahrzeugbestand stellt ein erhebliches Potenzial dar, wie Etzbach anmerkt: „Das sind sozusagen 22 Millionen Einfamilienhäuser auf Rädern.“

Deutschland ist jedoch nur einer der Märkte, in dem Autofahrer als Erdgaskunden erkannt wurden - und das sogar relativ spät. In Italien beispielsweise existiert schon heute ein nennenswerter Fahrzeugbestand an Erdgasautos rund 370.000 und auch Südamerika und Russland können einen erheblich größeren Bestand an Gasautos vorweisen als Deutschland. Interessant wird es jedoch in Nationen wie China: Dort steckt die Mobilität der Masse noch in den Kinderschuhen, doch schon jetzt bekunden chinesische Politiker ob der landeseigenen Erdgasvorkommen Interesse für den gasförmigen Kraftstoff.

Interessant ist der sauberste aller fossilen Energieträger ebenfalls im Kraftwerksbereich: Industrieheizwerke und öffentliche Kraftwerke könnten in stärkerem Maße als heute Erdgas einsetzen. Zu einer weltweit höheren Akzeptanz des Brennstoffs trägt nicht zuletzt die schnelle Verfügbarkeit und der hohe Wirkungsgrad von modernen Gas- und Dampfturbinenanlagen bei. In den vereinigten Staaten beispielsweise werden etliche Engpässe bei den Erzeugungskapazitäten mit den schnell zu realisierenden Anlagen beseitigt, und auch in Nationen wie der Türkei erfreuen sich die Kombikraftwerke großer Beliebtheit. Voraussichtlich wird Erdgas deswegen 2020 nach Erdöl zweitwichtigster Energieträger sein und etwa 2010 Kohle von diesem Platz vertreiben, so die IEA.

Die Vorräte an Erdgas werden deutlich länger reichen als beim Erdöl. Hilmar Rempel von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover: „Bei einem jährlichen Zuwachs im Verbrauch von zirka drei Prozent, der im Bereich der IEA-Prognose liegt, sind 2025 knapp 40 % des Gesamtpotenzials verbraucht, was in etwa der heutigen Situation beim Erdöl entspricht.“ Selbst bei einer Steigerungsrate von 6 % sei zu diesem Zeitpunkt der depletion mid-point (der Punkt, an dem die Vorräte zur Hälfte aufgebraucht sind) gerade erreicht. Außerdem habe der depletion mid-point nicht eine so gravierende Bedeutung wie beim Erdöl, sagt Rempel. „Bedingt durch einen anderen Förderverlauf mit langjähriger Plateauförderung kann das Förderniveau auch weit über den depletion mid-point hinaus fast konstant gehalten werden mit nur leicht abfallender Tendenz.“

Allerdings ist Erdgas als Energieträger nicht für alle Regionen der Welt attraktiv. Wegen der geringeren Energiedichte fallen Transportkosten stärker ins Gewicht als bei Erdöl oder Kohle, erläutert Rempel. „Aus diesem Grunde gibt es beim Erdgas keinen Weltmarkt, sondern regional begrenzte Märkte, die in sich recht geschlossen sind. Innerhalb dieser Märkte binden sich Produzenten und Verbraucher durch langfristige Lieferverträge aneinander, um die hohen Investitionen für den Aufbau der Infrastruktur abzusichern.“ Um längere Distanzen zu überwinden, muss Erdgas verflüssigt werden - eine auch heute häufig praktizierte, aber deutlich teurere Lösung.

Inwiefern andere, nicht konventionelle Gasvorkommen für die Gaswirtschaft eine Rolle spielen werden, ist noch nicht abzuschätzen. Bislang fehlt eine gesicherte Vorstellung, wie beispielsweise Erdgas in Kohleflözen, in dichten Speichergesteinen sowie Gashydrate und Aquifergase genutzt werden können. Aquifergase sind Erdgase, die in tief unter dem Meeresboden liegenden Wasserreservoiren in porösen Gesteinsschichten gelöst sind; Gashydrate sind feste schneeförmige Verbindungen zwischen Erdgas und Wasser, die vorwiegend in Permafrostgebieten und an den Kontinentalabhängen der Ozeane vorkommen.

Trotz der Reichweite der konventionellen Vorkommen von 60 Jahren (bezogen auf die sicher gewinnbaren bekannten Reserven) wird sich die Gasbranche nicht auf dem Marktwachstum ausruhen, das für die kommenden Jahrzehnte erwartet wird. Selbst angesichts der 150 Jahre Reichweite, die bei Einbeziehen der bekannten Ressourcen als Reichweite herauskämen, denkt die Erdgasbranche über das Erschließen der nicht konventionellen Vorkommen nach.

Laut Ruhrgas steht fest: Nicht konventionelle Erdgasvorkommen werden ab der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts eine Rolle in der Energieversorgung spielen. Verlockende Aussichten: Die gewinnbaren Ressourcen an nicht konventionellem Erdgas sollen rund fünfmal so viel ausmachen wie die sicher gewinnbaren Vorräte und die zusätzlichen Ressourcen an konventionellem Erdgas zusammen - vorsichtig geschätzt.

Erdgas kann also für bestimmte Regionen der Schlüssel sein zur Energieversorgung von morgen. Nordeuropa gehört zu diesen Regionen, denn zu Großbritannien, Norwegen und Sibirien sind nur wenige tausend Kilometer zu überbrücken. Erdgas kann aber auch der Schlüssel zu anderen Techniken sein. Zu nennen wäre hier insbesondere die Brennstoffzelle. Die wird in wenigen Jahren als Serienprodukt auf den Markt kommen, an größere Mengen regenerativ erzeugten Wasserstoffs - als idealen Brennstoff für diese Anwendungstechnik - ist allerdings mittelfristig nicht zu denken. Prädestiniert für die industrielle Wasserstoffproduktion oder die Reformierung vor Ort ist Erdgas, denn es hat ein besonders günstiges Verhältnis von Kohlenstoff- zu Wasserstoffatomen von eins zu vier.

Gute Chancen also für Erdgas, Energie Nummer Eins zu werden. Energieexperte Rempel bestätigt: „Erdgas wird im 21. Jahrhundert eine zunehmende Rolle spielen, Erdöl teilweise ersetzen und dieses wahrscheinlich von der führenden Position verdrängen.“ Dann aber, so Ruhrgas-Vorstandsvorsitzender Dr. Burckhard Bergmann, wird die Versorgungssicherheit für die Gasversorgung insbesondere in Westeuropa stark an Bedeutung gewinnen, da sich die Abhängigkeit von Importen aus wenigen Produzentenländern erhöht. Dies, so Bergmann mit Blick auf die Liberalisierungsbestrebungen der Brüsseler EU-Kommission, könne nur mittels langfristiger Lieferverträge gewährleistet werden, die nicht nur die Mengen, sondern auch wettbewerbsfähige Preise sichern.

Erschienen in Ausgabe: 09/2001