Erneuerbar macht planungssicher

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Konzepte - »Erneuerbare Energien machen den Strom nicht teurer, sondern wirken preisdämpfend«, sagt der Projektentwickler juwi. Ein neues Produkt ist die Direktvermarktung von Grünstrom. Das Unternehmen profitiert vom Umdenken in Industrie und Kommunen: In 2011 will man 500 neue Arbeitsplätze schaffen.

16. März 2011

Das europäische Zentrallager von Goodyear Dunlop in Philippsburg zählt zu den weltweit größten und modernsten Logistik- und Distributionszentren der Reifenbranche. Anfang des Jahres ging dort eine der größten Solar-Dachanlagen der Welt in Betrieb. Sie hat eine Leistung von rund 7,4MW und erzeugt pro Jahr rund 7,3Mio.kWh Strom, was dem Jahresbedarf von rund 1.800 Haushalten entspricht. Nach Angaben der beiden für die Realisierung verantwortlichen Unternehmen PV julist und juwi ist die PV-Anlage damit zugleich die größte Solarstrom-Aufdachanlage Deutschlands.

Projektentwickler juwi stellte zum Jahreswechsel auch bei anderen Unternehmen PV-Anlagen fertig. So nahmen das Wörrstädter Unternehmen und die Stadtwerke Mainz Ende Januar beim Autohaus Roth, einem Opel-Vertriebspartner, solare Carports sowie eine PV-Anlage auf einer Lagerhalle mit einer Gesamtleistung von 225kW in Betrieb. Etwa zeitgleich erfolgte der Netzanschluss des ersten Solarcarports einer Mercedes-Benz-Niederlassung. Auf einer Fläche von fast 1.000m2 erzeugt der Carport pro Jahr etwa 125.000kWh sauberen Strom. Damit können 72 smart fortwo electric drive etwa 15.000km weit fahren. Beauftragt hat das Projekt Rio Energie – ein Gemeinschaftsunternehmen der Stadtwerke Mainz AG und der juwi-Gruppe. Neben dem Solarcarport ist auf dem Gelände der Mercedes-Benz-Niederlassung in Mainz-Bretzenheim eine Strom-Ladesäule installiert worden, an der bis zu vier Elektrofahrzeuge gleichzeitig aufgeladen werden können.

»Viele Unternehmen und Konzerne verfolgen schon seit einiger Zeit eine Clean-Energy-Strategie. Wenn Sie diesen Weg glaubwürdig gehen möchten, ist eine Vollversorgung aus erneuerbaren Energiequellen ohne Alternative«, heißt es in der entsprechenden Unternehmensbroschüre für Industrie und Gewerbe. Matthias Willenbacher, Gründer und Vorstand von juwi, sieht große Potenziale: »Wir registrieren, dass die Anfragen von Unternehmensseite steigen und gehen davon aus, dass dies auch in Zukunft so sein wird.«

»SOLARSTROM BEREITS 2012 WETTBEWERBSFÄHIG«

Vor wenigen Jahren sei der allgemeine Chorus noch so gewesen, dass man mit erneuerbaren Energien keine Vollversorgung hinbekommen könnte. Ende Januar habe der Sachverständigenrat der Bundesregierung nun festgestellt, dass eine Vollversorgung schon 2030 möglich sei. »Windstrom von Anlagen aus dem Binnenland ist schon heute konkurrenzfähig«, sagt Willenbacher.

Auch die PV spielt nach Ansicht von juwi bei der Energiewende eine entscheidende Rolle. Die Degression der Solar-Vergütung mache Solarstrom vom eigenen Dach bereits 2012 wettbewerbsfähig gegenüber konventionellem Haushaltsstrom aus der Steckdose. »2013 wird Solarstrom von der Freifläche sogar günstiger sein als Windstrom, der in Offshore-Windparks auf dem Meer produziert wird«, rechneten die Wörrstädter auf ihrer Jahrespressekonferenz vor.

Unternehmen würden diese Zeichen der Zeit erkennen und möchten sich angesichts der steigenden Preise für konventionelle Energien unabhängig machen oder auch von Pachteinnahmen profitieren. »Im Gegensatz zu den konventionellen Energien sinken die Preise für Strom aus erneuerbaren Energien – dank des technischen Fortschritts. Diese geben also Planungssicherheit.« Drei Modelle hin zur Unabhängigkeit bietet juwi Interessierten an:

•Vollversorgungskonzept für den jeweiligen Standort,

•Strombezug aus einem Direktvermarktungsangebot,

• Direktversorgung mit Windstrom.

Modell 1 erlaubt es, einen kompletten Produktionsstandort in eine Null-Emissions-Fabrik zu verwandeln. Die Potenziale zeigt das Beispiel Energielandschaft Morbach. Seit 2001 hat juwi auf dem Gelände eines ehemaligen Munitionslagers im Hunsrück 14 Windräder, mehrere Solarkraftwerke, eine Biogasanlage, eine Holzpelletsfabrik und ein Holzhackschnitzel-Heizwerk errichtet. »Morbach ist ein Musterbeispiel dafür, wie eine ganze Gemeinde auf Grundlage eines regenerativen Energiemixes zu einer energieautarken Region ausgebaut werden kann«, betont der Projektentwickler. Dieser 100%-Ansatz lasse sich auch auf Unternehmen übertragen.

DIREKTVERMARKTUNG IM TREND

Große Chancen sieht man bei juwi im direkten Verkauf von Grünstrom. Wie dieser im zukünftigen Strommarkt auch ohne EEG-Förderung wettbewerbsfähig sein kann, zeigt ein Blick in die rheinhessische Verbandsgemeinde (VG) Wörrstadt. Hier hatte sich juwi gemeinsam mit den Elektrizitätswerken Schönau (EWS) an einer Ausschreibung von Stromlieferverträgen beteiligt und den Zuschlag bekommen. Seitdem verkauft man einen Teil des Stroms, den fünf Windkraft-Anlagen mit je 2MW Leistung in der Nähe des Firmensitzes erzeugen, direkt und ohne Einspeisevergütung an kommunale Abnehmer der VG: an sechs Ortsgemeinden, die Verwaltung sowie die Gemeindewerke der VG. Auf knapp 2Mio.kWh beläuft sich das Gesamtkontingent.

Physisch erfasst und dokumentiert wird die Liefermenge von einem separaten Stromzähler. Wenn der Wind nicht weht, stellen die EWS die Restmengenversorgung sicher. Dank Wetter- und Windvorhersagen lässt sich ein bis zwei Tage vorher ermitteln, wie viel Strom die Anlagen liefern werden. Der Windstrom der Anlagen fließt dann direkt zum Abnehmer und deckt im Schnitt mehr als die Hälfte des Bedarfs. Für die Wörrstädter Gemeinden zahlt sich der Direktverkauf des erneuerbaren Stroms auch finanziell aus. So sparen die belieferten Orte pro ausgeschriebenen Stromliefervertrag zwischen drei und zehn Prozent der Kosten.

Aufgrund ihrer positiven Erfahrungen mit der direkten Belieferung hat die VG inzwischen ihre grünen Ziele höher gesteckt: Statt 2017 soll der jährliche Strombedarf nun schon 2012 vollständig mit erneuerbaren Energien gedeckt werden.

Dass der Projektentwickler seinen Kunden, den regionalen Energieversorgern, durch den Stromverkauf verstärkt Konkurrenz macht, sieht Vorstand Willenbacher nicht: »Das haben wir nicht im Fokus, wir setzen stattdessen auf Kooperationen mit den Versorgern.« Mit der juwi renewable IPP GmbH & Co. KG (IPP) hat man bereits eine Reihe von Gemeinschaftsunternehmen mit regionalen Energieversorgern zum Bau und Betrieb von Erneuerbare-Energie-Anlagen gegründet, wie zum Beispiel mit den Stadtwerken Mainz oder den Pfalzwerken. Zusammen mit ihren Kooperationspartnern baut die IPP regenerative und regionale Stromerzeugungskapazitäten auf.

Die erzeugte Energie wird zunächst im Rahmen des EEG eingespeist. Sobald die wirtschaftliche Direktvermarktung an Endkunden möglich ist, soll diese mit den Kooperationspartnern in Form von Kommunal-, Bürger- und Industriestrommodellen in den Regionen umgesetzt werden.

Gespannt blickt man auch bei juwi auf die zur Jahresmitte geplante Kürzung der EEG-Förderung von PV-Strom. »2011 wird kein einfaches Jahr. Nicht nur in Deutschland, auch in anderen Ländern Europas wurde und wird die Solarstrom-Förderung mitunter deutlich zurückgefahren«, hat Willenbacher ausgemacht. Dennoch werde man weiter wachsen. »Wir sind breit aufgestellt, sodass wir die großen Chancen nutzen, die sich in anderen Ländern und in den anderen Segmenten der erneuerbaren Energien eröffnen.«

IN VIELEN LÄNDERN AKTIV

Insgesamt spiegelt die Entwicklung des Unternehmens eine hohe Dynamik wider. Gegründet wurde die juwi-Gruppe 1996 von Matthias Willenbacher und Fred Jung. Gemeinsam haben die beiden Vorstände das Unternehmen von einem Zwei-Mann-Büro für die Projektentwicklung von Windparks zu einer weltweit tätigen Gruppe mit mehr als 1.200 Mitarbeitern und rund 800Mio.€ Umsatz entwickelt. Zum Portfolio zählen neben Solar- und Bioenergie auch Wind- und Wasserkraft sowie die Geothermie. Bislang hat juwi im Windbereich mehr als 450 Windenergieanlagen mit einer Leistung von über 700MW realisiert; im Solarsegment sind es über 1.500 PV-Anlagen mit gesamt über 700MW. Die Gruppe verfügt über Niederlassungen in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Tschechien, Griechenland, Polen, den USA und Costa Rica. Erst kürzlich öffnete man Büros in Indien, Großbritannien, Südafrika und Chile.

So wird das Geschäft immer internationaler, doch der Fokusmarkt Deutschland bleibt bestehen. Allein die juwi Wind GmbH plant in diesem Jahr Anlagen mit einer Gesamtleistung von mehr als 300MW, der weitaus größte Teil davon in Deutschland. Im Solarbereich sollen weltweit PV-Anlagen mit insgesamt rund 330MW installiert werden, davon gut 200MW in Deutschland. Im Sektor Bioenergie stehen bis zu vier Holzpelletier- und Brikettieranlagen mit einer Jahreskapazität von insgesamt rund 180.000t, ein Holzheizkraftwerk sowie bis zu drei Biogasanlagen in den Planungsbüchern. (mn)

Arbeitgeber-Benchmark

juwi landet bei ›Great place to Work‹-Wettbewerb unter den Top 20

Die juwi-Gruppe landete im Wettbewerb ›Deutschlands beste Arbeitgeber 2011‹ des Great Place to Work Institute in der Kategorie 501 bis 2.000 Beschäftigte unter den Top 20. Der Auszeichnung vorausgegangen war eine Befragung der Mitarbeiter zu zentralen Arbeitsplatzthemen, wie Führung, Zusammenarbeit, Anerkennung, berufliche Entwicklung – sowie eine Überprüfung der eingesetzten Maßnahmen und Programme der Personalarbeit durch das international tätige Forschungs- und Beratungsinstitut. Zentrale Bewertungskriterien waren Glaubwürdigkeit, Respekt und Fairness des

Managements gegenüber den Beschäftigten, der Stolz der Mitarbeiter auf die eigenen Leistungen und das Unternehmen insgesamt sowie der Teamgeist im Unternehmen. Insgesamt wurden 100 Unternehmen ausgezeichnet. Beworben um die Auszeichnung hatten sich in diesem Jahr bundesweit 290 Unternehmen aller Branchen, Größenklassen und Regionen. Dabei wurden rund 120.000 Mitarbeiter in den Unternehmen befragt. Die Ergebnisse zur Überprüfung und Weiterentwicklung der Arbeitsplatzkultur lassen laut Great Place to Work Institute Aussagen über die wahrgenommene Qualität und Attraktivität des eigenen Unternehmens als Arbeitgeber für insgesamt rund 300.000 Beschäftigte in Deutschland zu.

Erschienen in Ausgabe: 02/2011