Erneuerbare in die Pflicht

Markt

Energiewende - Die hohe Kunst des Klagelieds gehört zum politisch-gesellschaftlichen Geschäft. Doch das Prinzip der konstruktiven Kritik sollte dabei nicht auf der Strecke bleiben. Positiv fällt daher auf, wer Ideen in die Diskussion bringt, mehr Markt zu wagen und die Erneuerbaren mit in die Systemverantwortung zu holen.

01. August 2012

Es ist notwendig, wunde Punkte zu benennen. Und so hat der Energiewende-Index, den A.T. Kearney und Wirtschafts-Woche gemeinsam entwickelt haben, eine wichtige Bedeutung: »Er macht deutlich, dass die Wirtschaftlichkeit der Stromerzeugung sogar noch weiter zurückgegangen ist – der Indikator dafür fiel von 53 Prozent im Jahr 2010 auf 48 Prozent im Jahr 2011«, sagt Dietrich Neumann, Leiter des Beratungsbereiches Energiewirtschaft bei A.T. Kearney.

Allerdings darf nicht übersehen werden, dass der im Juni vorgelegte Index Bezug auf eine Zeitspanne nimmt, die nicht unter dem direkten Einfluss der Energiewende-Dynamik steht, also dieser nicht angelastet werden kann. Trotzdem fällt die Präsentation der Index-Zahlen in eine Zeit, in der auch Energiewende-Pessimismus und EEG-Bashing Konjunktur haben. So überlagern sich zwei Problemfelder, die nur mittelbar miteinander zu tun haben:

1. In Deutschland wird Strom zunehmend unwirtschaftlich produziert. Er ist zu teuer und es zeigt sich immer deutlicher, dass im System ein Fehler steckt.

2. Die Energiewende ist ein kostspieliger Kraftakt und wird mit auf Dauer untauglichen Instrumenten betrieben. Diese werden der Wirtschaft Schaden zufügen und sind ein Fehler im System.

Das Klagelied der vertanen Zeit

Ebenfalls im Juni klagte die Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw): Ein Jahr nach dem Beschluss der Bundesregierung, die Stromerzeugung auf neue Beine zu stellen, »ist nichts passiert. Weder beim Ausbau der Netze noch beim Strommarktdesign, das den Bau grundlastfähiger Ersatzkraftwerke und Speicher ermöglicht, gab es Fortschritte. Auch die dringend notwendige Reform des EEG ist im Gesetzgebungsverfahren steckengeblieben. Alles in allem war das ein verlorenes Jahr«, so Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der vbw.

Dabei hatte die vbw bereits im Frühjahr 2011 die Bundesregierung aufgefordert, so Brossardt, zügig einen belastbaren Investitions- und Zeitplan für die Energiewende vorzulegen. »Bis heute haben wir für die Energiewende weder Drehbuch noch Fahrplan. Bei den erneuerbaren Energien, allen voran der Photovoltaik, explodieren aufgrund der überhöhten EEG-Förderung die Ausbauzahlen und damit die Kosten. Das führt zu einem Überangebot bei günstiger Witterung. Dagegen fällt an Tagen ohne Sonne und Wind diese Erzeugung weitgehend weg,« so Brossardt. Soweit ein Beleg für die Klagen – in den letzten Monaten nicht die einzigen.

Umso positiver fiel auf, als Thüga-Chef Ewald Woste bei der Bilanz-Pressekonferenz der Stadtwerke-Holding Mitte Juni ein EEG2.0 in die Diskussion brachte: »Die Erneuerbaren müssen Versorgungsverantwortung übernehmen.« Machbar wäre das, so Woste, indem volatile Erzeuger mit Grundlasterzeugern oder Systemdienstleistern immer im Gespann auftreten – ob es sich um ein Kohlekraftwerk, flexible GuD, Pumpspeicher, virtuelle Kraftwerke oder in Zukunft möglicherweise um eine Power-to-Gas-Anlage handelt.

Auch wenn sich so die Erneuerbaren nicht mehr uneingeschränkt auf festgeschriebene Vergütungssätze und Einspeisevorrang verlassen könnten, wären durch dieses Modell beide Seiten in die Pflicht genommen. Denn insbesondere die fossilen Energieträger können ihrerseits durch Partnerschaften mit Erneuerbaren Punkte für eine positive CO2-Bilanz holen. Das würde dem versandeten Thema Emissionszertifikate neue Optionen eröffnen.

Eine festgeschriebene Bestandsgarantie für die Fossilen wäre das aber nicht, denn die volatilen Erneuerbaren können sich ja genauso gut bei regelbaren oder grundlastfähigen Erneuerbaren ihren Wunschpartner suchen (siehe dazu auch das Interview S. 20). Als potenzielle Partnerkandidaten würden sich also unterschiedliche Wettbewerber präsentieren – und somit entstünde ein Markt. Das Thema Wettbewerb im Energiemarkt bekäme durch diesen Denkansatz insgesamt neue Impulse.

Die Markt-oder-Staat-Debatte

In der Debatte wird zunehmend betont, dass staatlicher Eingriff in die falsche Richtung führt. Jede konstruktive Kritik am Status quo zielt auch immer in Richtung Marktmodelle und Wettbewerbsmechanismen. So sieht der Thüga-Ansatz vor, ein konsistentes, langfristig angelegtes Marktmodell zu schaffen, »welches statt auf Subventionen auf unterschiedliche Marktelemente in einem in sich abgestimmten System setzt. Das System muss geeignet sein, um die Ausbauziele bei den erneuerbaren Energien zu erreichen, die Energieeffizienz zu fördern und Anreize für den Leitungs- und Speicherbau zu schaffen. Darüber hinaus stellen Versorgungssicherheit und Preisstabilität Schwerpunkte dar. Und schließlich sollte das neue Marktmodell mit dem europäischen Energiemarkt kompatibel sein. «

Politik kommt in Bewegung

Unterdessen hat sich auch die Politik erneut bewegt: Während des BDEW-Kongress 2012 Ende Juni in Berlin konnte Hildegard Müller die Ergebnisse des Bund-Länder-Vermittlungsausschusses präsentieren: »Bund und Länder haben ein für alle Beteiligten wichtiges Signal gesendet.« Insbesondere die Einigung bei der Solarförderung, deren kontrollierter Sinkflug-Pfad nun definiert wurde, wird von der Energiewirtschaft begrüßt – zumal nun auch das Ende der Förderung festgelegt ist: Sind 52GW installierte PV-Leistung erreicht, ist Schluss mit der Förderung. Neue Bewegung kam auch in das festgefahrene CCS-Thema. Ob das die bereits abgesagten deutschen CCS-Projekte wiederbelebt, bleibt abzuwarten. Das sind erkennbar erste Schritte auch in Richtung des Vorschlags von Woste – allerdings noch Welten von dessen Idee vom Marktmodell entfernt. P.S. Um der vbw nicht Unrecht zu tun: Auch sie treibt Themen konstruktiv – etwa die Energieeffizienz . (vt)

Erschienen in Ausgabe: 06/2012