Erosion in der Brandung

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Windkraft - Noch ist Verlass auf den Binnenmarkt: Das stabile Wachstum der Windenergie in Deutschland erweist sich als Stabilitätsanker in der globalen Flaute. Mit der geplanten Kurzfristreform der Ökostromförderung könnte sich das ändern.

04. März 2013

Über tausend neue Windräder mit 2.500MW Leistung wurden im vergangenen Jahr in Deutschland aufgestellt. Damit gingen rund 20% mehr Kapazität neu ans Netz als 2011. Auch für dieses Jahr erhoffen sich der Bundesverband WindEnergie (BWE) und der VDMA Power Systems (VDMA PS) einen steten Zubau. 3.000 bis 3.500MW, lautet die Prognose. Weltweit wird ein Einbruch bis zu 10% befürchtet.

»Deutschland ist der Fels in der Brandung in einem turbulenten Weltmarkt«, so VDMA-PS-Geschäftsführer Thorsten Herdan. Angesichts düsterer Aussichten für das Geschäft in USA und China konzentrierten sich Hersteller derzeit auf die europäischen Kernmärkte, um die Zeit zu überbrücken, bis sich der Weltmarkt wieder erholt hat. Absehbar sei dies ab 2014.

Starkes Wachstum in der Heimat könnte die nötigen Fertigungskapazitäten sichern, »wenn die Windenergie nicht in den Mühlen des Wahlkampfes zerrieben wird«, so Herdan bei der Präsentation der Jahreszahlen. Der »Fels in der Brandung« drohte bereits »dahinzuerodieren.«

Unkalkulierbares Glücksspiel

Bundesumweltminister Peter Altmaier hatte gerade Vorschläge für eine Reform des EEG publik gemacht und für erhebliche Irritation in der Branche gesorgt. Anlagenbetreibern einen EEG-Solibeitrag aufzuerlegen, sei ein rechtlich fragwürdiger Eingriff in den Bestandsschutz. Diese im Ergebnis nachträgliche Absenkung der Vergütung »erschüttert die Grundlagen des EEG«, so BWE-Vizepräsidentin Sylvia Pilarsky-Grosch. Herdan warnte davor, die Investitionssicherheit zu zerstören und appellierte an Bundesumwelt- und -wirtschaftsminister von derart »kontraproduktiven« Schritten Abstand zu nehmen.

Die gemeinsamen Reformvorschläge, die Altmaier und Philipp Rösler dann Mitte Februar präsentierten, sehen etwa eine pauschale Senkung der EEG-Anfangsvergütung für die Onshore-Windenergie auf 8ct/kWh vor. Aus Sicht des BWE markieren sie einen »neuerlichen Tiefpunkt«. Die geplante Kürzung werde zu einem Ausbaustopp vor allem in Süd- und Mitteldeutschland führen. Länder, die gerade mit dem Ausbau begonnen haben, hätten künftig das Nachsehen.

Zwar liegt der Norden im Ländervergleich noch immer vorn: Niedersachsen mit einem Zubau von 360MW, gefolgt von Schleswig-Holstein mit 332MW und Mecklenburg-Vorpommern (307MW). Die Plätze vier und sechs gingen 2012 aber bereits in südlichere Gefilde: Rheinland-Pfalz mit 287MW und Bayern mit 200MW.

Windenergie sei mittlerweile weithin akzeptiert, so Pilarsky-Grosch. Das zeige sich auch daran, dass Energiegenossenschaften und Bürgerwindparks seit einiger Zeit vermehrt gegründet werden. Damit könnte Schluss sein, sollte das Altmaier-Rösler-Papier zum 1. August Gesetz werden. Maßnahmen wie die Deckelung der Umlage, die Reduzierung der Entschädigungen beim Einspeisemanagement, der Eingriff in den Bestandsschutz und die verpflichtende Direktvermarktung für Neuanlagen machten die Projektierung zum »unkalkulierbaren Glücksspiel«. Gerade Mittelständler und Bürgerwindparks würden Schwierigkeiten mit der Finanzierung bekommen, so der BWE.

Überkapazität und Unsicherheit

Die Hoffnung, dass die heimischen Rahmenbedingungen zu einem »Vorbild auch für unsere Exportmärkte werden«, wie sie die beiden Verbände im Januar äußerten, ist erst einmal dahin. Es bräuchte einen »systemischen Umbau« nicht nur des EEG, sondern auch des Strommarktdesigns, so Herdan.

Sichtbar wird die Kahlschlagwirkung von Förderkürzungen derzeit in den USA. Nach einem Rekordjahr mit geschätzt 13.200MW neu installierter Windkapazität werden dieses Jahr voraussichtlich kaum mehr als 5.000MW zugebaut werden, schätzt der VDMA PS. Keinerlei Entlastung bietet der zweite wichtige Markt, China: Nach einem rückläufigen Wachstum von 14.000MW im vergangenen Jahr wird hier für 2013 mit stagnierenden Installationen gerechnet.

Überkapazitäten im Weltmarkt kommen erschwerend hinzu. Laut Herdan sind die Hersteller auf einen jährlichen Zubau von rund 80.000MW eingerichtet. Das übersteigt den Bedarf um bald das Doppelte: Bei einem Wachstum von 10 bis 15% seien 2012 nur 44.000 bis 46.000MW neu installiert worden. Die Märkte seien »extrem instabil«, ein Einbruch bis zu 10% werde befürchtet.

Unsicher ist, wann der deutsche Offshore-Bereich Fahrt aufnimmt. Gegenwärtig speisen in Nord- und Ostsee 68 Anlagen mit zusammen 280MW Strom ins Netz. Davon kamen 80MW im letzten Jahr hinzu. Riesig ist demgegenüber das Projektvolumen, das derzeit »vor sich hergeschoben« wird. »1.700MW sind fix eingebucht«, berichtete Herdan. Die Fundamente für die sechs Offshore-Windparks mit über 350 Anlagen stehen, aber es braucht auch die Netzanschlüsse. Dieses Jahr werde zeigen, ob die neuen Haftungsregelungen den »gordischen Knoten« bei der Landanbindung lösen können und so die Finanzierung gesichert ist.

»Noch sind die Produktionshallen voll«, sagt Herdan. »Doch noch wissen die Projektteams nicht, wie sie die Hallen weiterhin füllen sollen, wenn diese 1.700MW abgewickelt sind.« Die große Hoffnung liege darin, dass die Klärung der Haftungsfrage den Glauben an die Offshore-Technik wiederbeleben kann. »Sonst sieht es in zwei Jahren düster aus.« Aufgrund des Vorlaufs für Planung, Finanzierung und Auftragsvergabe könnte es sein, dass dann erst einmal Flaute ist im Offshore-Geschäft. »Gerade wird viel analysiert, ob tatsächlich Investitionssicherheit besteht.«

Erschienen in Ausgabe: 02/2013