Es ist Wettbewerb, aber keiner geht hin

Kritik am Strommarkt: "Wettbewerb kommt nicht voran"

((VORSPANN)) Zu wenig Dynamik sieht Dieter Stein, Partner der Personalberatung Ray & Berndtson, im Wettbewerb. Noch stecke der Strommarkt voller Hemmnisse und zum Nutzen der Kunden habe sich ohnehin kaum etwas geändert. Bei seiner Kritik nimmt Stein kein Blatt vor den Mund...

09. November 2001

Es ist Wettbewerb, aber keiner geht hin - eine kühne Behauptung? Immerhin verkündet der Wirtschaftsminister, dass die Endkunden im Zuge der Liberalisierung durch Preisnachlässe um 20 Mrd. DM entlastet wurden. In der Tat ist das einst „öffentliche Gut“ Strom seit Anfang 1999 aufgrund von Rabatten, die bis zu 70 % betragen haben sollen, zum Commodity geworden. Das Geschäft liegt mittlerweile im Low-Profit-Bereich. Und im August 1999 entbrannte der Kampf um die Farbe des Stroms. Also Wettbewerb pur?

Mitnichten, denn von den Segnungen der Liberalisierung sollen nur etwa 4 Mrd. DM bei den Endkunden angekommen sein. Dazu passt, dass bislang weniger als 3 % der Privathaushalte ihren Stromlieferanten gewechselt haben. Die Profiteure des Wettbewerbs sind eindeutig die Stadtwerke und Regionalverteiler mit geringer oder keiner Eigenerzeugung, die von den hohen Nachlässen bislang nur wenig an ihre Kunden weitergegeben haben. Außerdem verfügen sie trotz Verbändevereinbarung II über ein beträchtliches Arsenal an Folterwerkzeugen, um den Lieferantenwechsel zu blockieren. Die Fülle der anhängigen Gerichtsverfahren belegt das.

Obwohl die Liberalisierung der Strommärkte im April 1998 in Deutschland mit „einem Schlag“ vollzogen wurde, haben die Endkunden davon bisher kaum profitiert. Der geringe Nutzen wird sogar schrittweise wieder kassiert. Schon seit einiger Zeit steigen die Strompreise kräftig an. Hinzu kommen Ökosteuer, teure Durchleitungsentgelte und erhöhte Subventionen für erneuerbare Energie sowie KWK. Laut VIK sollen die Strompreise mittlerweile das Niveau vor der Liberalisierung erreicht haben. Vom VIK wird auch berichtet, dass die Energieversorger vorrangig nur noch daran interessiert wären, ihre Kundenbasis zu halten. Eine Forcierung des Neukundengeschäfts findet nicht mehr statt.

Diese defensive Vertriebsstrategie frustriert ganze Vertriebsmannschaften, wie man hört. Aber was sollten sie außer billigen Preisen auch anbieten? „Multi Utility“ ist nach wie vor nur ein schönes Wort; ebenso wenig gibt es Produktbündelungen oder attraktive neue Dienstleistungsangebote. Und die Durchleitungsregelung ist immer noch so undurchsichtig, dass sie niemand versteht. Seriös kalkulierbare Angebote für Bündelkunden sind auf dieser Basis nicht möglich.

Darüber hinaus gibt es noch keine funktionierenden MI-Systeme, die alle kundenorientierten Prozesse für alle Kundengruppen integrieren. Das heißt, Bündelkunden oder massenhaft neu gewonnene Privatkunden kann derzeit kein Versorger effizient, schnell und nachvollziehbar abrechnen. Vielmehr ist zu befürchten, dass die Branche dazu noch zwei Jahre braucht. Angesichts 440.000 offener IT-Stellen im Lande ist das sogar ein anspruchsvolles Ziel.

Bei dem klebrigen Gebräu an Wettbewerbshemmnissen tun sich ausländische Versorger schwer, den deutschen Markt aufzumischen. Sofern sie hier über keine eigene Erzeugungsbasis verfügen, sind sie praktisch chancenlos. Der Kauf einer Basis wird aber zunehmend teurer und vor allem unkalkulierbarer, nachdem einige Stadtwerke-Chefs das Gespenst der Bürgerinitiativen zur Abwehr von Übernahmen - und zwar gegen die Absichten der eigenen Stadtväter - losgelassen haben.

Vermehrt Strom aus dem Ausland zu beziehen, ist derzeit auch kaum möglich. Die Kupplungskapazitäten sind begrenzt, und niemand hat offenbar Interesse daran, sie zu erhöhen. Außerdem hat Auslandsstrom vorauseilend das pauschale regierungsamtliche Prädikat „schmutzig“ erhalten. Böse Zungen behaupten, das Wichtigste, was ein ausländischer Erzeuger für den Markteintritt braucht, wäre ein Chefsyndikus.

Es ist Wettbewerb, aber keiner geht hin. Vielmehr bewegen sich die Strommärkte in Richtung Re-Liberalisierung. Die rot-grüne Regierungskoalition verfolgt sowieso andere ordnungspolitische Ziele, und den Top-Managern der EVU fehlt es offenbar an Visionen und Phantasie, wie man den Wettbewerb zum Nutzen der Kunden organisieren und gestalten könnte, ohne dabei die eigenen Firmen zu ruinieren. Dieser Herausforderung muss man sich jedoch stellen, denn der Wettbewerb wird kommen, ob man will oder nicht.

Ohne Frage braucht es dazu einen neuen Manager-Typus, denn die erste Generation der Nachregulierungszeit hat sich verschlissen. Jetzt müssen aggressive, innovative Manager an den Start, die in einem echten Wettbewerbsumfeld erfolgreich Produkte entwickelt und vermarktet haben.

Erschienen in Ausgabe: 07/2001