„Etablierte Anbieter müssen umdenken“

ERDGAS - Die Fortschritte bei der Entwicklung des liberalisierten Gasmarktes sind unübersehbar, lobt Detlef Weidemann von der Potsdamer Natgas AG. Bei näherem Hinsehen hätten alternative Anbieter allerdings noch immer mit Hemmnissen zu kämpfen.

21. Februar 2006

Die Gasmärkte sind mittlerweile internationale Märkte, also muss man auch die Preisentwicklung im weltweiten Maßstab sehen. Außerdem ist nun mal die Preisgestaltung beim Gas an Öl gekoppelt, dessen Preis ebenfalls durch die internationale Nachfrage gesteuert wird. Insofern erleben wir beim Gas das Wirken natürlicher Marktgesetze.

es: Verstärkt der Gaspreisauftrieb das Interesse der Kunden an Angeboten unabhängiger Gashändler?

Wenn die Gaspreise steigen oder Preiserhöhungen angekündigt werden, erleben wir tatsächlich eine verstärkte Nachfrage. Wir stellen aber prinzipiell ein kontinuierlich wachsendes Interesse seit Beginn der Liberalisierung fest. Industriekunden und auch Stadtwerke bewegen sich heute viel selbstbewusster auf dem Markt, um Gasbezugsalternativen zu suchen.

es: Welche preislichen Möglichkeiten kann ein unabhängiger Gashändler wie Natgas bieten?

Selbstverständlich ist der Preis ein ganz wesentliches Element beim Versorgerwechsel. Unser Bestreben ist es, bei der Preisgestaltung sehr flexibel zu sein und dem Kunden das zu bieten, was er möchte. Da gibt es eine ganze Palette von Möglichkeiten, vom Festpreis bis zur ölabhängigen Preisfindung.

es: Wie managen Sie das Risiko insbesondere bei Festpreisen?

Wenn ein Kunde für einen gewissen Zeitraum einen Festpreis haben möchte, müssen wir dafür sorgen, dass das Risiko, das bei ölpreisabhängigem Einkauf und Verkauf zum Festpreis entsteht, abgesichert wird. Das ist Standard und kann bei verschiedenen Banken abgewickelt werden.

es: Welche Vorstellungen haben die Kunden in Bezug auf die Vertragsgestaltung?

Zunächst mal möchten sie einen einfachen, leicht verständlichen Vertrag, bei dem auch die Risiken auf beiden Seiten gleich verteilt sind. Bei den Laufzeiten sind heute ein bis drei Jahre die Regel. Die Wahl zwischen Gleit- und Festpreisen hängt von der aktuellen Marktsituation ab. Wenn angenommen wird, dass die Ölpreise sinken werden, möchten die Kunden den Gaspreis tendenziell eher an den Ölpreis koppeln. Werden steigende Ölpreise erwartet, sind sie eher geneigt, Verträge zum Festpreis abzuschließen.

es: Ist der Netzzugang heute noch ein Thema mit Konfliktpotenzial?

Grundsätzlich funktioniert der Netzzugang. Was allerdings bedenklich stimmt, ist die Tatsache, dass in den letzten zwei Jahren fast ausschließlich unterbrechbare Transportkapazitäten angeboten werden. Insbesondere durch die Einführung des Entry-Exit-Modells reduzieren sich die freien Kapazitäten auf nur wenige Entry- und Exit-Punkte. Das ist natürlich untragbar, wenn man bei einem Kunden ein Band liefern möchte. Um die Gaslieferung abzusichern, benötigt man weitere Instrumente, wie Speicher- oder Bilanzausgleichslösungen. Das erschwert das Geschäft unnötig.

es: Welche Vor- und Nachteile hat das Entry-Exit-Modell gegenüber der Punktzu- Punkt-Methode?

Alle großen Netzbetreiber arbeiten inzwischen mit Entry-Exit, und wir haben mit allen Systemen Erfahrungen. Ein Vorteil ist, dass Transportkapazitäten und Gasmengen einfacher handelbar sind. Im BEB-System etwa hat sich ein virtueller Handelspunkt etabliert. Wenn es wie bei RWE viele Teilnetze gibt, wird die Durchleitung komplizierter und aufwändiger. Ist andererseits die Regelzone zu groß, werden systembedingt vermehrt Kapazitäten vernichtet. Nachteilig ist auch ein Mangel an Transparenz, weil das, was zwischen Entry- und Exit-Punkt passiert, quasi in einer Art Black Box verschwindet. Auch die Entgeltgerechtigkeit leidet: Kunden, die in der Nähe eines Entry-Punkts beliefert werden, zahlen proportional mehr als weiter entfernt ansässige.

es: Herrscht bei den Netzentgelten Diskriminierungsfreiheit?

Man muss hier unterscheiden zwischen überregionalem, regionalem und lokalem Transport. Überregional sind die Transportentgelte relativ fair. Hier sind die Unternehmen in der Regel auch schon unbundelt und es gibt kein Interesse zur Quersubventionierung. Anders sieht das auf der lokalen Ebene aus. Dort stehen wir oft mit nicht unbundelten Stadtwerken im Wettbewerb. Die dort verlangten Briefmarkentarife sind gelinde gesagt kurios, wenn 500 km Antransport genauso teuer sind wie der letzte Kilometer im Versorgungsgebiet.

es: Natgas ist jetzt fünf Jahre im Geschäft. Wie hat sich der Gasmarkt in dieser Zeitspanne entwickelt?

Es hat zweifellos große Fortschritte gegeben von Jahr zu Jahr. Vorbehalte und Misstrauen gegenüber alternativen Gaslieferanten sind komplett verschwunden. Wir - wie auch andere neue Anbieter - haben uns etabliert. Und über die Sicherheit alternativen Gasbezugs wird bei den Kunden nicht mehr diskutiert. Anfangs wollten viele Unternehmen nur ein Angebot von uns, um den Preis beim angestammten Versorger zu drücken. Die Industriebetriebe bewegen sich heute sicherer im Gasmarkt und haben hinzugelernt. Wir aber selbstverständlich auch. Man spürt rasch, ob ein Interessent wirklich wechseln möchte. Und wenn das so ist, tun wir alles, um diesem Wunsch nachzukommen. Mit diesem Ansatz hat Natgas die Zahl der Kunden und die abgesetzten Gasmengen seit 2000 kontinuierlich gesteigert.

es: Noch haben neue Anbieter allerdings nur einen kleinen Marktanteil...

Das stimmt. In Relation zum Gesamtmarkt ist der Marktanteil bei weitem nicht ausreichend. Insofern muss man sicherlich nach wie vor von einem Gasmarkt sprechen, der sich zögerlich entwickelt und noch in den Anfängen steckt. Es braucht einfach noch Zeit.

es: Welche Defizite hemmen die Entwicklung aus Ihrer Sicht? Sie sprachen den Netzzugang schon an.

Sicherlich gibt es beim Netzzugang noch einiges zu tun. In diesem Punkt bin ich aber guten Mutes, dass die Bundesnetzagentur für Fairness und Gerechtigkeit sorgen wird. Zum Zweiten muss insbesondere auf lokaler Ebene an den Netzentgelten etwas getan werden. Diese sind definitiv zu hoch, gerade wenn kleinere Kunden wie Gewerbebetriebe und Haushalte beliefert werden sollen.

es: Wie sieht es bei unterbrechbaren Transportkapazitäten aus?

Wenn ein neuer Lieferant einen Kunden mit Gas versorgt, muss der Netzbetreiber die Transportkapazitäten zur Versorgung dieses Kunden an den neuen Lieferanten abtreten. Es kann auch nicht sein, dass große Netzbetreiber Kapazitäten horten und diese nicht nutzen. Gebuchte Kapazitäten müssen in Anspruch genommen werden. Geschieht das nicht, gehören sie wieder in den Markt, also die Anwendung des Prinzips Use it or lose it. Anderenfalls wäre es ein Leichtes für Gasimporteure, die Entry-Punkte ins deutsche Gasnetz zu blockieren und so den Wettbewerb zu behindern.

es: Aber auch das Verhalten einiger Marktteilnehmer erregt Ihre Kritik. Sie haben das Thema Quersubventionierungen schon kurz angesprochen.

Mit Quersubventionierungen haben wir in der Tat ein Riesenproblem. Zum einen resultiert es aus der vertikalen Integration in der etablierten Versorgungswirtschaft. Wir stellen fest, dass einige Importeure bei Kunden, die im Wettbewerb stehen, Rabatte gewähren, die bis zum Kunden durchgereicht werden. Das ist zwar wirtschaftlich absolut unsinnig, aber es wird sehr dogmatisch getan, mit dem Ziel, neue Anbieter aus dem Markt zu halten. Auch kartellrechtlich halte ich das für sehr bedenklich. Interne Quersubventionierungen erleben wir allerdings auch bei lokalen Versorgern, und zwar insofern, als bei Industriekunden, bei denen wir oder andere Anbieter Angebote abgegeben haben, die Preissteigerung bei weitem nicht mit den Anstiegen auf den internationalen Märkten Schritt hält, dass es im Gegenteil zum Teil sogar Preissenkungen gegeben hat. Dort hingegen, wo noch kein Wettbewerb herrscht, insbesondere im Haushaltsbereich, wurden die Gaspreise um 20 oder gar 25 Prozent angehoben.

es: Haben Sie eine Erklärung dafür?

Das kann man sich nur so erklären, dass zwischen den Kundensegmenten zugunsten von Industriekunden quersubventioniert wird. Die Haushalte zahlen somit die Zeche dafür, dass ein Stadtwerk versucht, Großkunden zu halten. Hier muss die Gasindustrie umdenken. Unternehmen der etablierten Gaswirtschaft sollten endlich genügend Selbstvertrauen haben und sich dem Wettbewerb stellen. Darin liegen sehr viel größere Chancen, als das Entstehen von Wettbewerb zu verhindern.

es: Hat die Politik ihre Hausaufgaben gemacht?

Wenn man sich anschaut, wie die rotgrüne Bundesregierung mit dem Wettbewerb umgegangen ist, dann war das keine Glanzleistung. Dass die ehemalige Bundesregierung eher an den großen Unternehmen interessiert war, hat zur Folge, dass Wettbewerb bei den kleinen Verbrauchern, insbesondere bei den Haushalten, nur beschränkt oder gar nicht entstehen konnte. Hätte Brüssel nicht ständig Druck gemacht, wären wir noch viele Jahre hinter dem heutigen Marktentwicklungsstand zurück.

VitaDetlef Weidemann

- Nach dem Maschinenbau- und BWL-Studium arbeitete er drei Jahre bei BEB Erdöl und Erdgas GmbH, Hannover in der Erdgasspeicherplanung/Transport sowie als Verkaufsleiter Erdgas.

- Bis 1998 war er in leitender Position bei Schindler Aufzüge.

- 1999 bis 2002 leitete er bei Statoil das Flüssiggasgeschäft und war Präsident Statoil Gaz Sp.zo.o. in Warschau.

- Seit 2003 ist Delef Weidemann Marketing- und Vertriebsvorstand der Natgas AG.

Erschienen in Ausgabe: 01/2006