Europa im Abstiegskampf

Markt

PV - Die Solarindustrie steht vor großen Umwälzungen. Der globale Photovoltaik-Markt schaut einerseits in eine glänzende Zukunft, auch wenn sich die Marktstrukturen ändern. Doch Preisverfall und Überkapazitäten lassen altgediente Spieler auf dem europäischen Markt taumeln. Nicht betroffen sind die europäischen Ausrüster.

04. November 2011

Die Photovoltaik-Industrie präsentiert sich in diesen Tagen zwiespältig. Einerseits sind die Aussichten auf eine globale Karriere der PV so gut wie nie. Auf der anderen Seite steckt die Branche in einer Konsolidierungsphase, die auf lange Sicht etliche Unternehmen nicht überstehen dürften.

Das betrifft in besonderem Maße die europäischen Anbieter von Zellen und Modulen. Sie werden, so schätzt Wolfgang Weger, Solarexperte der Managementberatung Oliver Wyman, keineswegs alle von dem globalen Solarboom profitieren. Im Gegenteil: »Nur noch wenige der hiesigen Zell- und Modulhersteller werden mit von der Partie ein.«

Die zwiespältige Situation der internationalen PV-Branche blieb den aufmerksamen Besuchern der diesjährigen 26. European Photovoltaic Solar Energy Conference and Exhibition (EU PVSEC) in Hamburg nicht verborgen. Keineswegs alle Aussteller zeigten sich in Topform, hinter vorgehaltener Hand kam die schwierige wirtschaftliche Phase der Branche und des eigenen Unternehmens zur Sprache.

Man tröstete sich mit einem Blick zurück. Der zeige eine imponierende Erfolgsgeschichte der Photovoltaik, so das Joint Research Center (JRC) der Europäischen Kommission. In den letzten 20 Jahren habe sich das globale solare Marktvolumen um den Fak-tor 500 erhöht. »Damit gehört die Photovoltaik zu den heute am schnellsten wachsenden Industrien der Welt«, stellt Giovanni De Santi fest, JRC Senior Manager und Direktor des Instituts für Energie.

Auch der Blick nach vorn verheißt Gutes. Noch nie haben so viele Länder ein PV-Unterstützungsprogramm auf die Beine gestellt, noch gab es je so viele große Märkte für die Erzeugung von Strom aus Sonnenlicht. De Santi zählte vor: »Im letzten Jahr gab es drei Märkte mit einem Jahresvolumen von mehr als einem Gigawatt PV-Installationen. Mit Japan, Indien, USA, China, Italien und Deutschland sind es 2011 schon sechs Märkte in dieser Größenordnung.«

Auf mindestens 24GWp schätzt der Europäische Photovoltaik Industrieverband (EPIA) den weltweiten Zubau im Jahre 2015. Es könnten aber auch, so die EPIA in ihrem neuesten ›Global Market Outlook‹, 44GWp werden – wenn die Politik weltweit die nötigen Fäden zieht und mit Fördermaßnahmen den Ausbau befeuert. Nicht ohne Grund liebäugelt der Verband eher mit diesem politisch getriebenen Szenario: In den letzten zehn Jahren hat es sich immer gegenüber dem moderaten Szenario durchgesetzt. Die Vorhersagen der Marktexperten wurden teilweise in grotesker Weise von der Wirklichkeit übertroffen.

Der prognostizierte Zubau an PV-Kapazitäten geht mit einer veränderten Marktstruktur einher. Der europäische Markt, mit rund 80% des Zubaus 2010 mit Abstand der größte Markt, verliert an Bedeutung. »Der Anteil Europas am globalen Zubau wird Schätzungen zufolge bis 2015 auf 37 Prozent abrutschen«, so Solarexperte Weger.

Andere Absatzgebiete rücken damit ins Licht. Besonders zwei Märkte sind es, die der Branche Spaß bereiten: China und die USA. In den Vereinigten Staaten wird sich die Kapazität der installierten PV-Systeme aller Voraussicht nach in diesem Jahr von einem Gigawatt auf zwei verdoppeln.

Und das ohne die bequeme Hängematte einer üppigen Förderung aufzuspannen, wie zum Beispiel noch bis vor wenigen Jahren in Deutschland. »Der Markt trägt sich fast selbst, vor allem im sonnenstarken Südwesten«, sagte Charlie Gay, Chef der Solarsparte von Applied Materials, einem der größten Lieferanten von Produktionsausrüstungen für die Solarbranche.

50 Gigawatt in CHina Bis 2020?

Gay ist einer der wenigen Solarmanager, die nicht mehr mit starrem Blick auf die teilweise hoch subventionierten Märkte schauen, sondern marktwirtschaftlich denken. »Wir müssen die Märkte in den Blick bekommen, die keine Anreizprogramme haben.« Mit dieser Auffassung unterscheidet sich der Amerikaner stark von den meisten seiner europäischen Kollegen.

Erfrischend auch sein Blick über die konventionellen Solarmärkte hinaus: »Die Kosten für die Herstellung von Solarzellen sind so schnell gefallen, dass Märkte, an die viele Menschen nicht gedacht haben, plötzlich relevant werden«, stellt er fest. »Da sind etwa die Märkte mit dezentraler Energieerzeugung, die wir erreichen müssen – Indien, afrikanische Staaten. Dort wird Energie mit Dieselgeneratoren erzeugt, zu einem Durchschnittspreis von 0,5 Dollar per kWh. Solarenergie ist dort absolut wettbewerbsfähig. Das ist ein Multigigawatt-Markt.«

Noch liegt aber Asien näher: Einen verheißungsvollen Ausblick gewährt China der PV-Branche. Das Land dominiert mit einem Anteil von über 50% die weltweite Modulproduktion, das ›PV-Mutterland‹ Deutschland liegt bei nur 13%. China zog sich in der Vergangenheit heftige Kritik zu, weil es zwar den Export von PV-Systemen, aber nicht den heimischen Markt entwickelte. Der Chinaexperte Frank Haugwitz konnte nun von mehreren Programmen berichten, die das Land zu einem der größten PV-Märkte weltweit machen könnten. »Der neue Fünfjahresplan strebt für die Photovoltaik ein Marktvolumen von zehn Gigawatt in 2015 und 50 in 2020 an«, erklärte er die Ziele der Pekinger Führung.

Die langfristig glänzenden Aussichten der Solarenergie sind nur die eine Seite der Medaille. Die andere heißt Konsolidierung. Viele europäische Unternehmen werden in den nächsten Jahren in schweres Fahrwasser geraten. Hintergrund sind die erbitterten Preiskämpfe, ausgelöst durch asiatische Anbieter sowie weltweite Überkapazitäten.

»Die Preise gehen weiter herunter. Unternehmen werden verschwinden oder müssen sich ganz neu aufstellen«, sagte John West, Präsident des Beratungsunternehmens VLSI Research. Sein Kollege von der EU-Kommission De Santi betonte »Es wird schwierig, wir brauchen neue Geschäftsmodelle.«

Die europäischen Unternehmen – insbesondere die deutschen – leiden ausgerechnet unter dem PV-Boom der vergangenen Jahre. Zum einen führte das rasante Wachstum zu einer teilweise drastischen Verengung der Förderwege. Das ließ Märkte schrumpfen oder gar, wie den spanischen Markt, nahezu zusammenbrechen.

Zweitens führte der PV-Boom zu einem fast ungebremsten Ausbau der Fertigungskapazitäten vor allem im asiatischen Raum. De Santi bezifferte auf der Hamburger Konferenz das globale Produktionsvolumen in diesem Jahr auf rund 40GW. Das Problem: Die Nachfrage ist nur halb so groß.

Preisverfall und Überkapazitäten lassen altgediente Spieler auf dem europäischen Markt taumeln. Florian Holzapfel, CEO von Calyxo, riet daher den Kollegen: »Überleben werden die Unternehmen, die eine sehr gute Technologie vorweisen können bei gleichzeitig konservativem Cash-Management.«

Exportschlager Anlagentechnik

Die Probleme der Branche sind teils hausgemacht. In den Boomjahren »haben es zahlreiche Unternehmen versäumt, in Forschung und Entwicklung beziehungsweise in neue Produktionstechnologien zu investieren und sich finanziell abzusichern«, so Weger.

Allerdings wird die Arbeit der Strategieabteilungen und Unternehmensführungen durch die zunehmende Unübersichtlichkeit der Branche erschwert. Allein zur Vorhersage des zukünftigen Bedarfs sind in jüngster Zeit ein Dutzend Studien erschienen, die Wachstumsraten zwischen 17 und 44% vorhersagen – kaum ein Beitrag zur wirtschaftlichen Unternehmensplanung.

In technischer Hinsicht war die Eu PVSEC geprägt von den üblichen Heureka-Meldungen über neue Wirkungsgradrekorde. Die Fokussierung der Solarbranche auf den Wirkungsgrad der von ihr vertriebenen Produkte ist aber verständlich, steht sie doch deswegen immer wieder in der Kritik.

Zu ineffizient und damit zu teuer ist ein Standardargument der Kritiker aus Politik und Wirtschaft. Deswegen und weil tatsächlich die Umwandlungs-Effizienz einen entscheidenden Beitrag zu einem günstigen Euro-pro-Watt-Preis leisten kann, forschen die Entwicklungsabteilungen an neuen Zellkonzepten und schrittweiser Verbesserung der Prozesstechnik.

So konnte Schott Solar eine auf der Licht einfangenden Vorder- und der passivierten Rückseite optimierte Solarzelle vorzeigen. Die Zelle im Industrieformat wandelt mit einer Effizienz von 20,2% das Sonnenlicht in Strom um und hält damit den aktuellen Weltrekord. Viel versprechend auch die Arbeiten des Equipmentlieferanten Manz an einer Dünnschichtzelle mit sogenanntem CIGS-Halbleiter. Hier konnte der Wirkungsgrad des Moduls auf 14% erhöht werden – auch das ein Weltrekord.

Nicht nur diese beiden Unternehmen repräsentierten auf der Eu PVSEC die Technologieführerschaft der europäischen PV-Industrie. Gerade die Produktionsausrüster halten das Entwicklungstempo hoch. Sie haben dadurch mit einem Anteil von weit über 50% eine dominierende Stellung auf dem globalen Equipment-Markt erobert und stehen wesentlich besser da als die Hersteller von Solarzellen und -modulen.

Die Ausrüster haben ein überaus starkes erstes Halbjahr 2011 hinter sich, meldete im September der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Zuletzt brach aber im dritten Quartal 2011 der Absatz ein – Folge der weltweiten Finanzkrise. Auf lange Sicht schmälert das aber nicht die positiven Aussichten. Doch die Kundenliste der Equipmentlieferanten dürfte die europäischen Hersteller von Zellen und Modulen beunruhigen: Zu den Hauptabnehmern vor allem deutscher Hightech-Produktionsanlagen gehören die Chinesen. Der VDMA schätzt dass »deutlich über 70 Prozent der Umsätze« deutscher Equipmentlieferanten in Fernost eingefahren wurden.

Jörn Iken

Erschienen in Ausgabe: 09/2011