Europa in Bewegung

Markt & Meinung

Skandinavien, Italien, Deutschland: Pilot-Projekte lassen immer mehr Brennstoffzellen-Fahrzeuge auf Europas Straßen rollen. Netzwerke spielen dafür eine wichtige Rolle. Überall gilt: Unterstützung bleibt nötig.

02. September 2010

••• Wenn es um Fahrzeuge geht, ist die europäische Position im weltweit entstehenden Markt für Brennstoffzellen (BZ) mehr als vielversprechend. »Automobilhersteller und Infrastruktur-Unternehmen investieren nicht nur in die Technologie, sie haben sich auch zusammengeschlossen«, betont das Programm-Büro des European Fuel Cells and Hydrogen Joint Undertaking (FCH JU) in Brüssel.

Die Initiative H2-Mobility in Deutschland beispielsweise, in der sich die Unternehmen Air Liquide, Air Products, Daimler, EnBW, Linde, OMV, Shell, Total, Vattenfall und die Nationale Organisation Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie (NOW GmbH) engagieren, treibt den Prozess voran. Sie hat sich auf den Aufbau der nötigen Wasserstofftankstellen-Infrastruktur für einige 100.000 Brennstoffzellen-Autos verständigt, die – so sagten die Fahrzeug-Hersteller zu – bis 2015 auf deutschen Straßen rollen sollen.

Durch H2-Mobility und aktuell 30 Wasserstoff-Tankstellen nimmt Deutschland beim Infrastruktur-Aufbau eine führende Position in Europa ein. Damit besitzt es das Potenzial zum Einstiegsmarkt für Brennstoffzellen-Fahrzeuge auf dem Kontinent zu werden. Gleichzeitig intensivieren andere Länder wie die Benelux-Staaten, Großbritannien, Italien, Spanien, Frankreich und Skandinavien ihre Bemühungen, die Technik voranzutreiben.

Netzwerke als zentrale Option zur Verbreitung der Technik

»In Skandinavien starten wir gerade das H2-Moves Projekt. Es ist ein 19,5 Millionen Euro schweres, von der EU unterstütztes Leuchtturm-Demonstrationsprojekt mit 17 Brennstoffzellen-Autos und einer großen Wasserstoff-Tankstelle in Oslo«, erzählt Mikael Sloth von H2Logic. Die Fahrzeug-Flotte besteht aus zehn Mercedes-Benz B-Klasse F-Cell, zwei Alfa Romeo MiTO BZ-Fahrzeugen und fünf Elektroautos mit Brennstoffzellen Range Extender von H2Logic.

Das dänische Unternehmen, das sich auf BZ-Gabelstapler und Wasserstoff-Tankstellen spezialisierte, wird im Rahmen von H2-Moves auch die Tankstelle in Oslo bauen. Eine Kombination von Wasserstoff-Erzeugung vor Ort und der Anlieferung per LKW soll dort die Versorgung sicherstellen. Die Wasserstoffherstellung basiert auf norwegischer Elektrizität, die zu mehr als 90% aus Wasser- und Windkraft stammt.

H2-Moves ist Teil eines größeren Bildes: Die Scandinavian Hydrogen Highway Partnership wird bis 2015 mindestens 15 Wasserstoff-Tankstellen installieren. Der Plan sieht vor, dass bis dahin 500 Brennstoffzellen-Autos und 100 Busse fahren werden. Bis jetzt sind sieben der Tankstellen bereits installiert und 26 Fahrzeuge auf den Straßen. »Wir planen, die Tankstellen in den Metropolregionen Oslo und Kopenhagen/Malmö zu konzentrieren und diese Cluster mit Korridoren zu verbinden. Dieses Netzwerk bedeutet eine Erweiterung für die deutschen Cluster Hamburg und Berlin«, so Mikael Sloth.

Mitglieder der Scandinavian Hydrogen Highway Partnership sind hauptsächlich kleinere Unternehmen, zum Beispiel lokale Energieversorger. »Sie verfügen über Windkraft, die es teilweise zwischenzuspeichern gilt. Wasserstoff eignet sich dafür hervorragend«, erklärt Sloth, der während des Brennstoffzellen-Forums ›f-cell‹ am 27. und 28. September 2010 in Stuttgart über die dänischen und skandinavischen Pläne für Wasserstoff und Brennstoffzellen sprechen wird.

Während des H2-Moves-Projektes werden einige der Fahrzeuge auf eine Demonstrations-Tour durch Europa gehen. Hydrogen Sweden organisiert die Tour gemeinsam mit der Initiative ›European Regions and Municipalities Partnership on Hydrogen and Fuel Cells‹ (HyRaMP).

Davide Demosso ist Mitglied des Vorstands von HyRaMP und unterstreicht die Bedeutung der Zusammenarbeit in der Branche: »Netzwerke sind eine der zentralen Optionen, um die Technologie zu verbreiten und anzuwenden. Es ist wichtig für uns zu erfahren, was in diesem Bereich in anderen Teilen Europas und der Welt passiert. Das ist auch der Grund, warum wir am f-cell-Forum teilnehmen.«

Demosso arbeitet für Envipark in Turin und dessen Hydrogen Systems Laboratory HYSYLab, ein Kompetenz-Zentrum für Brennstoffzellen und Wasserstoff. »Unser Ziel ist es, Unternehmen anzuregen, ihren Platz in Lieferketten für Brennstoffzellen und für die Wasserstoff-Produktion zu finden. Wir bauen diese Lieferketten sys-tematisch auf und binden dabei unterschiedlichste Unternehmen ein. Außerdem unterstützt unser Forschungslabor kleine und mittlere Betriebe und bildet Techniker für die anwendungsnahe Forschung aus«, erklärt er. Im Auftrag dieser Unternehmen entwickeln die Experten des Labors gerade Komponenten für BZ-Systeme, verbessern Notstromversorgungen und arbeiten an Zusatzstromversorgungen für Flugzeuge sowie an Brennstoffzellen-Geräten mit 1bis 2kW, die in Gebäuden Wärme und Strom liefern.

Generell betreibt HYSYLab anwendungsnahe Forschung. Das trifft allerdings nicht ganz auf die Pilot-Anlage zur Herstellung von Wasserstoff aus Biomasse zu. »Bei Umgebungstemperaturen und unter Prozessbedingungen erzeugen wir Wasserstoff direkt aus unterschiedlichen Bakterien. In einem zweiten Schritt ist auch die Biogas-Produktion möglich. Dieser Bereich ist schon näher an einer realen Anwendung«, erklärt Davide Demosso. Der Spezialist wird während der f-cell einen Überblick über die italienischen Aktivitäten zu Wasserstoff- und Brennstoffzellen geben.

Italienische Projekte bringen Elektrofahrzeuge auf die Straße

Demosso unterstreicht die Bedeutung von regionalen Clustern für Wasserstoff und Brennstoffzellen in Italien. Die größten seien Piemont und die Region um Venedig. In Mailand gibt es neben dem europäischen CHIC-Projekt für Busse ein weiteres, das Wasserstoff als Brennstoff einführt. Zehn Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor tanken dort ein Gemisch aus Erdgas und Wasserstoff.

Für eine künftige batterie-elektrische Mobilität gibt es in Italien derzeit zwei große Projekte: ›E-Mobility Italy‹ verfügt über 100 smart fortwo elektric drives und 400 Ladestationen in Mailand, Rom und Pisa. Es ist ein Projekt von Daimler und Enel, dem größten italienischen Stromlieferanten. Eine große Zahl öffentlicher Ladestationen sind in Italien wichtig, da die Mehrzahl der Fahrzeuge auf den Straßen geparkt werden.

Ein weiteres E-Mobilitäts-Projekt führt der Energieversorger a2a zusammen mit Renault in der Lombardei durch. Es heißt ›e-moving‹ und umfasst 60 Fahrzeuge und 270 private sowie öffentliche Ladestationen. Zum ersten Mal werden damit neben den BZ auch andere Bereiche der Elektromobilität Thema der f-cell sein.

Die beschriebenen Pläne und Projekte suggerieren, dass der Einführung von Brennstoffzellenfahrzeugen im europäischen Markt nichts mehr entgegensteht. Ein wichtiger Punkt ist nun, besonders beim Aufbau der Infrastruktur, die Koordination auf europäischer Ebene. Die zentrale Herausforderung liegt aber auch darin, von der technischen Entwicklung und Demonstration zur Kommerzialisierung voranzuschreiten. »Wir brauchen Maßnahmen, die Investitionen anregen, damit wir die nötige Infrastruktur aufbauen und eine Erhöhung der Stückzahlen erreichen können«, heißt es beim FCH JU. »Eine Serienproduktion geht dann auch mit Preisreduktionen einher.« Doch es gibt ökonomische Hemmnisse: Bis 2020 sind 3 bis 5Mrd.€ nötig, um die Infrastruktur aufzubauen.

Regierungsunterstützung bleibt bis 2025 notwendig

Die Entwicklung von neuen Fahrzeug-Technologien und deren Markteinführung geht für die Industrie zudem mit einer enor-men Finanzierungslücke einher. Sie beläuft sich Schätzungen zufolge auf 25Mrd.€ bis 2020, denn die Hersteller müssten die Fahrzeuge zu Preisen unterhalb der Herstellungskosten verkaufen. Wenn nur einige der Autobauer in den Markt einstiegen, müsste jeder von ihnen rund 1Mrd.€ im Jahr finanzieren, um die Lücke zu schließen, errechnete das Programm-Büro des FCH JU. »In den ersten Jahren bis 2020 oder 2025 wird Regierungsunterstützung nötig sein, um einen Teil dieser Finanzierungslücke zu schließen. Sonst wird nichts passieren«, ist man sich dort sicher.

Mikael Sloth ergänzt: »Seit das European Fuel Cells and Hydrogen Joint Undertaking seine Arbeit aufnahm, hat sich bezüglich der Finanzierung von Forschung und Entwicklung viel verbessert. Als nächsten wichtigen Schritt brauchen wir jetzt Marktanreize, denn Wasserstoff und BZ spielen eine herausragende Rolle, wenn es darum geht, die CO2-Einsparziele zu erreichen.«

Passende Finanzierungssysteme sollten daher Investitionen in diesem Bereich erleichtern. Steueranreize können den Einsatz von Wasserstoff und Brennstoffzellen außerdem fördern. Strafen für hohe CO2-Emissionen spielen ebenfalls eine Rolle. Auch Städte und Regionen können viel tun, um die Markteinführung zu unterstützen und Akzeptanz für Wasserstoff und Brennstoffzellen in der Bevölkerung aufzubauen, so Sloth weiter. Indem sie Brennstoffzellen-Busse, -Taxis sowie -Liefer- und -Nutzfahrzeuge zu ihrem Markenzeichen machten, generierten sie Nachfrage und trügen dazu bei, BZ-Fahrzeuge zur einer alltäglichen Technologie werden zu lassen.

Projekte

Das geplante europäische CHIC-Projekt für Brennstoffzellen-Hybrid-Busse wird vom European Fuel Cells and Hydrogen Joint Undertaking unterstützt. CHIC steht für Clean Hydrogen in European Cities und ist Nachfolger von CUTE (Clean Urban Transport in Europe) und HyFleet:CUTE. Auch italienische Städte nehmen an CHIC teil. Zum Beispiel werden in Bozen fünf und in Mailand drei Busse fahren. Weitere teilnehmende Städte sollen Turin, London, Oslo sowie der Kanton Aargau sein. Das Projekt startet 2011 und geht über fünf Jahre bis 2016.

Erschienen in Ausgabe: 03/2010