Europäische Perspektive gefordert

Markt

Veranstaltung - Europa braucht einen einheitlichen Binnenmarkt mit einer gemeinsamen Energie- und Klimapolitik. Das zeigte sich auch auf der diesjährigen Handelsblatt-Jahrestagung.

16. März 2011

Am 4. Februar 2011 traf sich der Europäische Rat zum Energie-Sondergipfel. Auf ein verbindliches Ziel zur Energieeffizienz oder eine EU-weite Ökostromförderung konnte man sich nicht einigen, dafür aber auf den Ausbau der Gas- und Stromnetze und die Schaffung eines EU-Binnenmarktes bis 2014.

Die Eckpfeiler einer gesamteuropäischen Energiestrategie waren auch Hauptthema der Handelsblatt-Jahrestagung Energiewirtschaft. Die Hochkaräter der Branche diskutierten Mitte Januar in Berlin, wie sich die energiepolitische Trias aus Versorgungssicherheit, Umweltverträglichkeit und Wirtschaftlichkeit umsetzen lässt.

Dabei waren sich die 1.200 Entscheider so einig wie selten zuvor: Oberste Priorität haben die Modernisierung der Netze sowie die Auflösung des Investitionsstaus bei der Weiterentwicklung der Technologie zur Abscheidung und Speicherung von CO2 (CCS). Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle forderte zum Auftakt der Veranstaltung einen »nationalen Pakt für neue Netze«. Deutschland müsse ein »Chancenland« werden.

Ohne Akzeptanz der Bevölkerung gebe es keinen Netzausbau, und ohne zukunftssichere Netze gebe es keine Weiterentwicklung der Erneuerbaren. Anerkennung für das Energiekonzept der Bundesregierung gab es von den großen Stromkonzernen.

Gleichzeitig sei aber auch »eine europäische System-Perspektive anstelle nationaler Perspektiven« erforderlich, »um die Planungssicherheit für Investitionen zu erhöhen und Investitionsmittel in die effizientesten Verwendungen zu lenken«, so Johannes Teyssen, Vorsitzender des Vorstands von E.on.

Übergreifend koordinieren

Eine Einbindung nationaler Konzepte in ein europaweit integriertes Energieprogramm forderte auch Tuomo Hatakka, Vorsitzender des Vorstandes von Vattenfall Europe. Der Ausbau der Netze müsse auf gesamteuropäischer Ebene geschehen und übergreifend koordiniert werden.

Dringend notwendig sei ein »real deal« – die Rückbesinnung auf das tatsächlich Machbare. Um langfristig der Vision der Klimaneutralität gerecht zu werden, bedarf es eines neuen »Generationenvertrages«.

Für Hatakka erfordert dies aber auch den Mut zuzugeben, dass nachhaltiger Klimaschutz seinen Preis hat und Investitionen nötig macht. Dieser komplexe Prozess ginge nicht ohne das Engagement aller Europäer und gesamtgesellschaftliche Impulse.

Die konkreten Ausprägungen europäischer Energiepolitik brachte Matthias Kurth, Präsident der Bundesnetzagentur, auf den Punkt. Er steckte den Gesamtrahmen eines Smart Market Designs mit den Teilaspekten Smart Generation, Smart Metering, Smart Consumption und Smart Storage ab.

Die Grundvoraussetzung zur Integration der Erneuerbaren seien intelligente und gut ausgebaute Netze, wobei es im Verteilnetzbereich noch erhebliche Optimierungs- und Flexibilisierungspotenziale gibt.

Im Spannungsfeld aus Erzeugung, Netzausbau, Verbrauch und Speicherung sieht Gerhard Holtmeier, Mitglied des Vorstandes der Thüga, vier zentrale Herausforderungen: die Steuerbarkeit der Energiegewinnung, den steten Ausbau von IT und Kommunikation, kundengruppenspezifische Marktanalysen sowie den Ausbau der Erdgasnetze.

Smart Grids schaffen dabei neue Marktrollen und -mechanismen sowie Produkte. Als Investition in ein dezentrales Energiemanagement bilden sie zugleich die Basis zum Ausbau grüner Energien. In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass China 1,5Bio.$ in die Bereiche Elektromobilität, Ressourcenschutz und Umwelttechnik investiert und bereits die Nr. 1 bei der Erzeugung Erneuerbarer ist.

Auch Deutschland braucht eine ökologisch orientierte, europaweit harmonisierte Wirtschaftspolitik, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

EU in die Pflicht nehmen

Eine ganzheitliche Sicht auf die Wertschöpfungskette, die Fokussierung auf das Kerngeschäft, eine dezentrale, kundennahe Aufstellung sowie ein intelligentes Innovationsmanagement sind Erfolgsfaktoren für die Erneuerungsfähigkeit der Branche.

Dies gilt für Stadtwerke und Netzbetreiber ebenso wie auf europapolitischer Ebene. »Energieeffizienz, effizienter Klimaschutz und eine nachhaltige gemeinsame Energiestrategie könnte das heute fehlende Leitthema für die nächsten Dekaden sein. Hierzu müssen sich die nationalen Staaten aber strategisch bekennen und die EU-Kommission in die Pflicht nehmen«, so Teyssen.

Anke Schäfer

UMFRAGE

Energiekonzept: nur Note Befriedigend

Auf der Handelsblatt Jahrestagung bat das Marktforschungsinstitut trend:research die Teilnehmer um die Vergabe einer Schulnote für das neue Energiekonzept der Bundesregierung. Im Durchschnitt erhielt das Konzept dabei nur eine 3,3.

Knapp ein Drittel der Befragten beurteilte es mit der Note 3, jeweils rund 23% vergaben entweder eine 2 oder eine 4. Nur sehr wenige sehen das Konzept hingegen als sehr gut an (5,6%), selbst die Noten 5 (9,6%) und 6 (7,9%) erhielten mehr Stimmen. Dies verdeutliche, dass am Energiekonzept aus Sicht der Energiewirtschaft noch Verbesserungen nötig sind, so die Marktforscher.

Erschienen in Ausgabe: 02/2011