Europas Gastransport überwindet alte Grenzen

Markt

Handel - Neue Gesellschaft, neuer Name, beteiligt sind Gasnetzbetreiber aus sieben europäischen Ländern: Die Transportkapazitätsplattform Prisma ist gestartet. Ab April mit weiteren Funktionen.

22. Januar 2013

Wer in den Anfangsjahren des freien Gashandels aktiv war, kann ein langes Lied von den Problemen singen. Hatte man endlich einen großen Teil des Leitungsweges zusammengebucht, ging es auf einem Abschnitt plötzlich nicht weiter, weil dort – angeblich oder tatsächlich – keine Kapazitäten zu bekommen waren. Die Folge: Während man in Deutschland 2005 als kleiner Endkunde schon zwischen Dutzenden Stromanbietern wählen konnte, waren Verbraucher selbst in mittelgroßen Städten beim Gashandel noch immer auf einen einzigen Anbieter beschränkt. Äußerst zögerlich begannen etwa Stadtwerke, ihren überregionalen Vertrieb auch auf Gas auszudehnen, die privaten Gashändler beschränkten sich auf lukrative Metropolen oder industrielle Großkunden. Das flächendeckende Geschäft lohnte einfach den Aufwand und die Risiken nicht.

2013 ist das fast schon vergessen. Der Gashandel funktioniert zumindest in Deutschland so normal, wie das Geschäft mit Strom. Wer möchte, kann beliebige Gasmengen am Termin- oder Spotmarkt der Energiebörse ordern und sich über die Auktionsplattform Prisma (bis 31.12.12: Trac-X) den Leitungsweg durch die daran beteiligten europäischen Gasfernleitungsnetze buchen.

Viele europäische FNB

Gängig sind Auktionen im langfristigen Terminmarktgeschäft oder auch Kurzfristkapazitäten als Day Ahead. Neuerdings werden sogar Stundenkapazitäten auktioniert, wobei sowohl der Primär- als auch der Sekundär-Handel möglich ist. »Das System ist für professionelle Händler, die sich für diese Plattform registrieren oder bereits auf Trac-X registriert haben, relativ einfach zu handhaben«, berichtet Ralf Borschinsky vom Netzbetreiber Ontras, jenem Unternehmen, das 2005 die Sekundärplattform Trac-X mit aus der Taufe hob. Mit Schaffung der Primärkapazitätsplattform 2011 waren alle großen deutschen Fernleitungsnetzbetreiber (FNB) bei der Plattform engagiert.

Damit war Deutschland den meisten anderen europäischen Nachbarn weit voraus, die – zum Teil bis heute – ihre Gasleitungskapazitäten noch mit Punkt-zu-Punkt-Verträgen vermarkten. Dabei wird mit jedem Netzbetreiber ein Vertrag mit Preis ausgehandelt, der dann von der jeweiligen nationalen Aufsichtsbehörde genehmigt werden muss.

Die bis Ende 2012 220 autorisierten Händler agieren seit 1. Januar 2013 auf der neuen Plattform Prisma – zunächst noch mit den bekannten Funktionalitäten der bisherigen Trac-X-Plattformen sowie Capsquare und Link4Hubs. Ab April wird Prisma dann mit neuen Funktionen auf Basis europäischer Kapazitätsvermarktungsregeln starten.

Wichtiger dabei: Sie wird dann eine offene europäische Plattform sein, an der sich nicht nur die deutschen, sondern auch die FNB aus Belgien, Frankreich, den Niederlanden, Dänemark, Italien und Österreich beteiligen. Gespräche mit weiteren FNB seien bereits weit fortgeschritten, man rechne fest mit dem Eintritt der Slowakei, Sloweniens und Ungarns, aber auch von Polen, Spanien und Portugal, berichtet Dr. Götz Lincke von Prisma.

Europaweit mit kodex NC Cam

Die neue Gesellschaft wurde bereits im Dezember nach deutschem Recht gegründet und soll künftig ihren Sitz in Brüssel haben. Der Umzug wird aber aus technischen Gründen nur schrittweise erfolgen und voraussichtlich bis 2016 dauern. Lincke begründet das einerseits mit der notwendigen Nähe zur europäischen Politik. Andererseits sei der Aufbau der neuen Plattform mit europaweiten Auktionen technisch eine große Herausforderung, bei der man zunächst die vorhandenen Strukturen nutzen wolle.

Hinter vorgehaltener Hand bedauern jedoch einige Vertreter deutscher FNB den Umzug ins teure EU-Machtzentrum: Da habe man sich dem Druck aus Frankreich und Benelux beugen müssen. Der Gegenwert dafür sei jedoch beträchtlich: Künftig wird der Handel auch über internationale Grenzen hinweg deutlich vereinfacht. Und für die deutschen Händler ändere sich mit der neuen Plattform, anders als etwa bei Link4Hubs oder Capsquare, relativ wenig.Eine erneute Registrierung für die bereits auf Trac-X primary handelnden Akteure ist nicht notwendig. Lediglich einige zusätzliche Daten wie der von der FNB-Organisation Entsog für jeden Marktteilnehmer vergebene Energy Identification Code (EIC), die Umsatzsteuer-ID oder die europäischen Bankcodes sind erforderlich.

Die Plattform wird die erste sein, auf der Transportkapazitäten europaweit auf Basis des künftigen EU-Netzkodex Kapazitätsallokation (NC CAM) vermarktet werden. Er befindet sich derzeit im Komitologieverfahren und soll Ende 2013 in Kraft treten. »NC CAM liegt bereits in einer fertigen Form vor und wird sicher der künftige Rahmen für die Nutzung der Gastransport-Kapazitäten in Europa«, versichert Henrik Schultz-Brunn von Thyssengas.

»Es ist ein großer Schritt hin zu einem integrierten europäischen Netz- und Gasmarkt«, so Götz Linke nach der Unterzeichnung der Gründungsurkunde. Man habe diesen Tag lange und intensiv vorbereitet und sei nun besonders stolz, dass nicht nur mit der ›Prisma European Capacity Platform‹ eine neue internationale Gesellschaft gegründet werden konnte, sondern man damit der europäischen Regulierung einen deutlichen Schritt voraus sei. Der neue Name stehe für Zuverlässigkeit, Stabilität und Offenheit, man werde mit der neuesten Technologie für den europäischen Markt an den Start gehen.

»Die neue europäische Kapazitätsplattform verbindet Gasmärkte in verschiedenen Ländern im Kern Europas. Damit öffnen sich neue Möglichkeiten für den grenzüberschreitenden Gastransport für Händler, die dann in der Lage sein werden, Kapazitäten an europäischen Netzwerkpunkten mit einem einzigen Werkzeug zu buchen«, sagte Annie Krist, CEO des niederländischen FNB Gasunie Transport Services (GTS) anlässlich der Unterzeichnung der Verträge im Namen der zukünftigen Aktionäre.

»Wir sind angetreten, um eine zuverlässige, dynamische und auch für weitere FNB offene europäische Plattform zu sein«, ergänzt Ulrich Ronnacker von Open Grid Europe. Die neue Auktionsplattform, die einen durchgängigen Gastransport vom italienischen Mittelmeer bis nach Dänemark möglich mache, werde mehr Wettbewerb und letztlich auch günstigere Preise bedeuten. Zudem, ergänzt Borschinsky, könne man so auch das Gasnetz besser auslasten. »Wir haben selbst ein ausgewiesenes Interesse daran, dass der Markt europäischer wird.«

Erschienen in Ausgabe: 01/2013