Facettenreiches Multi-Commodity

ENERGIEPRODUKTE Erdgas wird ab Oktober an der Börse gehandelt. Durch eine Kombination mit dem Strom- und CO2-Handel ergeben sich ganz neue Möglichkeiten.

03. Mai 2007

Gas wird nicht wie Strom (nahezu) vor Ort erzeugt, sondern kontinuierlich gefördert und zu den Verbrauchsschwerpunkten transportiert. Dort wird es teilweise in großen Kavernen gespeichert, aus denen es entsprechend dem über das Jahr deutlich schwankenden Bedarf wieder abgerufen wird.

An den Koppelstellen zwischen den einzelnen Erdgasnetzen und an den Ein- und Ausspeisestellen der Speicher sorgen Kompressoren und Druckregler dafür, dass das Gas fließt und der Druck innerhalb der zulässigen Grenzen liegt.

Wie beim Strom stellt die Regelung sicher, dass Bereitstellung und Verbrauch im Gleichgewicht sind, nur dass die passende Bereitstellung nicht über Kraftwerke, sondern über Speicher gewährleistet wird. Als Speicher stehen große Kavernenspeicher zur Verfügung, um die saisonalen Schwankungen auszugleichen, während die kleineren Schwankungen innerhalb des Tages oft über die Speicherfähigkeit der Netze kompensiert werden; letzteres bezeichnet man auch als Leitungsatmung. Das Anpassen der Bereitstellung an den Verbrauch verrechnet der marktgebietsaufspannende Netzbetreiber den Akteuren wiederum verursachergerecht. Dazu müssen die Akteure analog zum Strommarkt Bilanz kreise führen.

PRAXIS WIE BEI STROM

Analog zum Strommarkt tätigen die Bilanzkreisverantwortlichen innerhalb eines Marktgebietes untereinander Geschäfte und verschieben marktgebietsübergreifend Energien zwischen eigenen Bilanzkreisen. Beides wird den marktgebietsaufspannenden Netzbetreibern wiederum über Fahrpläne mit geteilt, nur dass bei den marktgebietsübergreifenden Fahrplänen der genutzte Koppelpunkt angegeben werden muss. Außerdem ist für die Nutzung der Koppelpunkte eine Gebühr zu entrichten.

Wie im Strommarkt existieren auch im Gasmarkt Termin- und Spotmärkte mit entsprechenden Produkten. Heute sind im Gasmarkt bei langfristigen Bezugsverträgen komplexe Preisbildungsmechanismen auf Basis von Indices üblich, um die Flexibilitäten beim Bezug richtig zu bepreisen.

Im Terminmarkt werden hingegen feste Preise vereinbart, die zunächst sicherlich eine starke Korrelation zu den Indices aufweisen werden. Es bleibt abzuwarten, ob die komplexe Preisbildung im Gasmarkt längerfristig erhalten bleibt, oder ob sie wie im Strommarkt durch eine Bepreisung auf Basis der Price- Forward-Curve abgelöst wird.

TAGESPRODUKTE BEI GAS

Der Spotmarkt der Börse wird voraussichtlich anstelle von Stundenprodukten mit Tagesprodukten arbeiten, was sich auf die Bildung der Price-Forward-Curve und eventuell auch auf die Bilanzkreisabrechnung auswirkt. Die Aufgaben des Risikomanagements entsprechen denen für ein Stromportfolio.

Erweiterungen der Aufgaben im Handel ergeben sich aus der Möglichkeit der Speicherung und der Nutzung der Koppelpunkte. Die Händler können eigene Speicher betreiben oder Nutzungsrechte erwerben. Mit dem Speichereinsatz lassen sich Risiken mindern oder Gewinne erwirtschaften, indem Gas zu Zeiten niedriger Preise eingespeichert und bei hohen Preisen ausgespeichert wird. Agiert der Händler in mehreren Marktgebieten und verfügt über verschiedene Speichermöglichkeiten, wird diese Fragestellung schnell zur komplexen Optimierungsaufgabe, die nur mit mathematischen Verfahren optimal gelöst werden kann.

Für die Nutzung der Koppelpunkte müssen die Nutzungsrechte erworben werden; die entsprechenden Kosten sind im Portfolio zu berücksichtigen und die zugehörigen Rechnungen zu prüfen. Darüber hinaus muss die Nutzung der Koppelpunkte bei der täglichen Fahrplananmeldung nominiert werden.

WICHTIGER FAKTOR CO2

Ist ein Händler sowohl im Strommarkt als auch im Gasmarkt tätig, bieten Gaskraftwerke interessante Möglichkeiten über die Umwandlung von Gas in Strom. Weil bei dieser Umwandlung auch CO2 entsteht, sind zusätzlich CO2-Zertifikate erforderlich.

Mit einen Gaskraftwerk können die Unterschiede zwischen den Strommarkt- und den Gasmarktpreisen genutzt werden. Wenn die Gas- und CO2-Preise niedrig und die Strompreise hoch sind, dann ist es lukrativ, Gas und CO2- Zertifikate zur Stromerzeugung einzusetzen und den Strom zu vermarkten.

Liegt ein umgekehrtes Preisniveau vor, ist es günstiger, bereits eingekauftes Gas zusammen mit den CO2-Zertifikaten zu veräußern und den benötigten Strom einzukaufen.

Verfügt ein Händler über ein größeres Erzeugungsportfolio, ist wiederum der Einsatz mathematischer Verfahren zur Lösung dieser komplexen Optimierungsaufgabe zu empfehlen.

Dr. Horst Wolter, Soptim AG

Erschienen in Ausgabe: 05/2007