Flexibel auf Kundenwünsche reagieren

Innovative Gaspreisprodukte für Stadtwerke und Regionalversorger

In einem von zunehmendem Wettbewerb gekennzeichneten Gasmarkt werden von Stadtwerken und regionalen Versorgungsunternehmen in Zukunft verstärkt Innovation, Flexibilität und Orientierung an den Kundenwünschen erwartet. Da der Gaspreis als Wettbewerbsargument an Bedeutung gewinnen wird, ist ein professionelles Preismanagement unerlässlich, um mit Erfolg am Markt zu bestehen. Jedoch ist der Aufbau einer eigenen Handelsabteilung nicht zwingend notwendig, wenn der Lieferpartner über das entsprechende Know-how verfügt und die passenden preispolitischen Instrumente bietet.

19. September 2003

Erdgas ist ein weitgehend homogenes Produkt. Teilweise nur graduelle Unterschiede in der Zusammensetzung sind für die meisten Gasverbraucher nicht erkennbar oder von untergeordneter Bedeutung. Viele Stadtwerke und regionale Versorgungsunternehmen bieten daher seit Jahren neben der reinen Gaslieferung umfangreiche Dienstleistungs- und Serviceprogramme, um den Kunden an sich zu binden. Es ist jedoch zu erwarten, dass der Preis bei zunehmendem Gas-zu-Gas-Wettbewerb immer stärker in den Focus der Kunden-/Lieferantenbeziehung rückt. Dies gilt um so mehr, wenn es sich um energieintensive und preissensible Großverbraucher handelt. Um sich rechtzeitig am Markt zu positionieren und Absatz- sowie Margenrückgängen vorzubeugen, ist es zielführend, sich frühzeitig mit der Entwicklung innovativer, intelligenter und für den Kunden attraktiver Preisprodukte zu beschäftigen.

Doch das ist leichter gesagt als getan, denn Preisbasis in den Gaslieferverträgen zwischen Stadtwerken beziehungsweise regionalen Versorgungsunternehmen und dem Lieferpartner sind in den meisten Fällen auch heute noch sogenannte Standardpreisklauseln mit fest definierten Arbeits- und Leistungspreisen. Mit einem solchen „Sorglospaket“ konnten in einem Markt, der nahezu ausschließlich von einem Substitutionswettbewerb gekennzeichnet war, alle Marktteilnehmer gut leben. Doch reichen derartige preisliche Rahmenbedingungen aus? Sind nicht vielmehr flexible, auf die jeweiligen Bedürfnisse des Kunden zugeschnittene Preisprodukte notwendig, um im zukünftigen Gasmarkt bestehen zu können?

Für Stadtwerke und regionale Versorgungsunternehmen stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage nach der Einführung eines professionellen Preismanagements, um die Preisproduktwünsche ihrer Kunden risikoneutral erfüllen zu können. Das erfordert gleichzeitig auch den Aufbau einer eigenen Handelsabteilung. Hiermit ist jedoch ein erheblicher technischer, personeller und insbesondere finanzieller Aufwand verbunden. Daher bietet es sich für viele Unternehmen an, sich gemeinsam mit dem Lieferpartner einen indirekten Zugang zum Handelsmarkt zu verschaffen. Auf diesem Wege können Synergien gehoben und die nicht zu unterschätzenden finanziellen Risiken minimiert werden.

RWE Gas hat sich bereits frühzeitig mit dieser Thematik beschäftigt und bietet den von ihr belieferten Stadtwerken und regionalen Versorgungsunternehmen eine Vielzahl innovativer Preisprodukte an, von denen im Folgenden einige dargestellt werden.

Die Bindung des Gaspreises an den Preis des leichten oder schweren Heizöls führt zu einer einseitigen Abhängigkeit von der Entwicklung des Heizölpreises, zu Unsicherheiten aufgrund der teilweisen starken Volatilität der Heizölpreise und zu mangelnder Vertragsflexibilität. Um diese Risiken zu vermeiden, besteht die Möglichkeit, den Heizölpreis - somit auch den Gaspreis - über einen längeren Zeitraum zu fixieren. Dadurch erreicht man Planungssicherheit und außerdem eine Erhöhung der Kundenbindung.

Beim individuellen Fixpreis wird der Heizölpreis und somit auch der Arbeitspreis für einen bestimmten, vom Kunden gewünschten Zeitraum fixiert. Um ein gewisses Preissenkungspotenzial durch rückläufige Heizölpreise nutzen zu können, gleichwohl aber den Gaspreis nach oben zu begrenzen, wird der sogenannte Min-Max-Preis eingesetzt. Dabei wird ein oberer und unterer Heizölpreis festgelegt, sodass der Gaspreis bestimmte Preise nicht über- oder unterschreiten kann. Innerhalb dieses vereinbarten Collars schwankt der Gaspreis entsprechend der in die Arbeitspreisklausel einfließenden Heizölpreise.

Beim Extendable Swap handelt es sich um einen Festpreis mit einer Verlängerungsoption über einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren. Bei diesem Produkt liegt der vereinbarte Festpreis deutlich unter dem üblichen Marktniveau für einjährige Festpreise. Der Swapanbieter besitzt jedoch die Option, nach der Hälfte der vereinbarten Laufzeit zu entscheiden, ob er die Belieferung in der zweiten Laufzeithälfte zu den vereinbarten Konditionen fortführt oder nicht.

Beim sogenannten Cap wird eine Preisobergrenze für das Heizöl und somit auch für den Arbeitspreis des Gases festgelegt. Unterhalb dieser Höchstgrenze entwickelt sich der Gaspreis entsprechend der vertraglichen Preisklausel. Während beim individuellen Fixpreis, Min-Max-Preis und Extendable Swap keine Gebühren anfallen, ist für den Cap eine Optionsprämie zu bezahlen, deren Höhe von der seitens des Kunden gewünschten Obergrenze für das Heizöl und den Heizöl-Forwards abhängig ist.

Eine Variationsmöglichkeit von Festpreisen sind die sogenannten Zielpreise. In diesem Fall versucht RWE Gas in einem mit dem Stadtwerk oder regionalen Versorgungsunternehmen vereinbarten Zeitraum den gewünschten Zielpreis für ein bestimmtes Festpreisprodukt zu realisieren.

Allen Festpreisprodukten ist gemeinsam, dass bestimmte Mindestmengen zu berücksichtigen sind. Diese betragen zwischen 5 und 60 Mio. kWh/a. Kleineren Stadtwerken bietet RWE Gas an, Festpreisanfragen unterhalb der Mindestmengen zu bündeln.

Alternative Möglichkeiten der Gaspreisbindung

Gerade für größere, energieintensive Industriebetriebe kann die Abhängigkeit des Gaspreises vom Heizölpreis zu Planungsunsicherheit und teilweise zu temporären Liquiditätsengpässen führen, weil sich die Heizölpreise nicht parallel zu den Preisen der hergestellten Produkte oder des eingesetzten Hauptrohstoffs entwickeln. Um eine Parallelität sicherzustellen, bietet RWE Gas alternative Arbeitspreisformeln mit Bindung an den Preis anderer Produkte oder Indizes. Hierbei kann das Anbindungsgut grundsätzlich frei gewählt werden. Voraussetzung ist, dass das Alternativprodukt finanziell handelbar ist (wie Aluminium, Magermilchpulver, Kohle oder Papier).

In die neue Alternativpreisformel gehen - analog zur bekannten Heizölpreisformel - exakt vereinbarte Notierungen beziehungsweise Indizes zu ebenfalls festgelegten Bedingungen ein. Die Alternativpreisformel wird erst zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses fixiert und basiert auf den dann aktuellen Marktpreisen. Zu diesem Zeitpunkt entsprechen sich die Arbeitspreise in der Heizöl- und der Alternativpreisformel. Ab diesem Zeitpunkt folgt der Gaspreis der Preisentwicklung des neuen Anbindungsgutes.

Auch eine Bindung des Arbeitpreises an Gasspotindizes ist generell möglich, zum Beispiel die Kopplung an die Preisentwicklungen von Gashandelspunkten wie Bunde oder Zeebrügge. Aufgrund der derzeit geringen Liquidität an diesen Handelspunkten verzögert sich jedoch die Umsetzung dieser Preisbindungsvariante einige Zeit.

Andere Arten des Preissystems

Weitere Flexibilitäten im Gasbezug zu nutzen und sich gleichzeitig Spielräume im Verkauf zu verschaffen, gelingt Stadtwerken und regionalen Versorgungsunternehmen bei RWE Gas mit preislichen Alternativen. Um größere, energieintensive Industriekunden stärker an sich zu binden und deren Energiekosten zu reduzieren, kann bei Kunden mit einem Jahresgasbedarf von mehr als 5 Mio. kWh anstelle der 40-50-hl-Notierung die 500-t-Notierung gewählt werden. Im langjährigen Mittel beträgt die Differenz zwischen diesen beiden Notierungen etwa 12 %. Die 500-t-Notierung kann auch ein probates Mittel sein, um in einem aufkommenden Substitutionswettbewerb bestehen zu können.

Preisliche Flexibilität bietet auch die Reduktion des Bindungsfaktors in der Arbeitspreisklausel bei hohen Heizölpreisen bei gleichzeitig leichter Erhöhung des Ersatzarbeitspreises. Zur Optimierung der Beschaffungskosten im Leistungsbereich können Stadtwerke und regionale Versorgungsunternehmen zwischen Tages- und Stundenleistungspreis wählen.

Nach dem Volksmund ist gegen das Wetter kein Kraut gewachsen. Das ist richtig, doch gleichzeitig falsch: Finanzgeschäfte bieten die Chance, sich gegen unliebsame Witterungseinflüsse abzusichern. Mit dem Gradtagszahlen-Swap bietet RWE Gas ein Instrument, um wetterbedingte Absatz- und somit Margenschwankungen zu begrenzen. Zwischen einem Stadtwerk oder regionalen Versorgungsunternehmen und RWE Gas wird ein fester Gradtagszahlenwert an einer einvernehmlich festgelegten Wetterstation vereinbart. Außerdem legt der Kunde die Höhe des Ausgleichsbetrages je Gradtagszahl fest. Wird in einem milden Gaswirtschaftsjahr der vereinbarte Gradtagszahlenwert unterschritten, erhält das Stadtwerk eine Ausgleichszahlung. In einem kalten, absatzstarken Winter leistet dagegen das Stadtwerk eine Ausgleichszahlung an RWE Gas. Da für beide Seiten Symmetrie der Zahlungsströme gegeben ist, ist für dieses Produkt keine Prämie zu zahlen.

Auch das Risiko eines hohen Leistungspreisbetrages in einem milden Winter kann durch ein Absicherungsgeschäft begrenzt werden. Hierbei vereinbaren der Kunde und RWE Gas, dass eine im voraus festgelegte Tagesdurchschnittstemperatur nur an einer bestimmten Anzahl von Tagen innerhalb eines Gaswirtschaftsjahres unterschritten werden darf. Treten die Bedingungen ein, erhält der Kunde eine Sonderzahlung, deren Höhe von dem individuell von dem Stadtwerk oder Regionalversorger festgelegten Sockelbetrag abhängig ist. Die hierfür zu zahlende Absicherungsprämie errechnet sich entsprechend der gewählten kritischen Temperatur, der Anzahl der kritischen Tage und dem gewünschten Sockelbetrag.

Steuern der Bezugsmengen

Als Alternative zum Bau eines Röhrenspeichers oder der Anmietung von Kapazitäten in Untertagesspeichern bietet RWE Gas ihren Kunden mit der virtuellen Bezugsmengensteuerung ein modular aufgebautes Produkt. Dieses System besteht aus zwei Steuerungselementen, die vom Stadtwerk oder Regionalversorger beliebig oft gebucht werden können. Element I ist ein kombiniertes Leistungs- und Volumenelement, während Element II ein reines Volumenelement darstellt. Die Auslagerung erfolgt im Zeitraum vom 1. Oktober bis 31. März, die Einlagerung im Zeitraum vom 1. April bis 30. September eines Gaswirtschaftsjahres.

Aus der Anzahl der gebuchten Elemente resultiert das gesamte Steuerungsvolumen (die gesamte Einlagerungs- und Auslagerungsleistung) die dem Kunden für den von ihm gebuchten Zeitraum - in der Regel ein Gaswirtschaftsjahr - zur Verfügung steht. Die Ein- und Auslagerung des Steuerungsvolumens erfolgt per Nominierung gegenüber RWE Gas, wobei die Nominierungen auf Basis von Stundenwerten für ganze Tage erfolgen.

Renominierungen sind bis zu einer Größenordnung von ± 15% der jeweilig geltenden Nominierungen zulässig und müssen für den jeweils laufenden Gastag bis zum Mittag (12 Uhr) in schriftlicher Form eingereicht werden.

Um den Kunden zusätzliche Flexibilität und eine Ausweitung des Optimierungsvolumens zu bieten, wird das System der virtuellen Bezugsmengensteuerung um ein drittes Element erweitert, das auch während der Wintermonate die Einspeisung von Erdgasmengen in der virtuellen Speicher ermöglicht. Darüber hinaus bietet RWE Gas ihren Kunden weitere Serviceleistungen rund um dieses Speicherprodukt, zum Beispiel umfangreiche tagesaktuelle Wetterdaten.

Erschienen in Ausgabe: 09/2003