Flexibilität in Produkt und Prozess

Individuelle Industrieturbinen preiswert in Modulbauweise fertigen

Deutlich mehr „Fingerspitzengefühl“ als bei Kraftwerksanwendungen verlangt das Industrieturbinen-Business: Die Frischdampfmenge, der auszukoppelnde Prozessdampf und weitere Parameter nehmen starken Einfluss auf das Design der Dampfturbinen. Zudem fordern Betreiber niedrige Kosten über den gesamten Produktlebenszyklus. Diese Ziele zu vereinen ist die Spezialität der Siemens PG Industrial Applications.

22. Juli 2003

Nicht nur die rund 3.500 denkmalgeschützten Gebäude machen Görlitz zu einem Ort mit Tradition. Auch der Maschinenbau hat die östlichste Stadt Deutschlands geprägt. Schon 1858 wurde hier die erste Dampfmaschine gefertigt, 1906 wurde die erste Dampfturbine ausgeliefert (Lizenz von Escher-Wyss), 1910 schloss sich die Entwicklung der ersten eigenen Dampfturbine an. 1991 hat der Bereich Power Generation (PG) der Siemens AG das Werk übernommen und zur High-Tech-Fertigung ausgebaut. Höhepunkt der Modernisierungsmaßnahmen war die Anschaffung einer Reihe von Präzisionsmaschinen für die Schaufel-, Rotor- und Gehäusefertigung zwischen 1997 und 2000. Seitdem wird laufend weiter investiert.

Heute gehört der Standort zum Geschäftsgebiet Industrial Applications, das im Oktober 2001 aus der Zusammenlegung des Industrieturbinen- und Industriekraftwerksgeschäfts von Siemens mit den Aktivitäten von Demag Delaval hervorgegangen ist. In Görlitz werden Dampfturbinen für die Energieerzeugung sowie die kombinierte Stromerzeugung und Prozessdampfauskopplung für die Industrie bis 150 MW sowie Turbinen als Kompressorantriebe gefertigt. Zurzeit ist die größte Antriebsturbine mit mehr als 70 MW im Bau.

Nicht zuletzt der moderne Maschinenpark ermöglicht die Qualität der Dampfturbinen, auf die Dr. René Umlauft stolz ist. „Doch ohne das Fingerspitzengefühl unserer Mitarbeiter wäre all die Technik nichts“, meint der Leiter des Geschäftszweigs Turbosets bei der Siemens PG Industrial Applications. Beispielweise beim Beschaufeln der Turbinen ist Handarbeit angesagt. Keine Technik kann den sicheren Sitz der Schaufeln so sicherstellen wie es die erfahrenen Mitarbeiter können.

Fingerspitzengefühl wird aber nicht nur von den Mechanikern verlangt: Auch Vertriebsmitarbeiter und Konstrukteure müssen Einfühlungsvermögen beweisen, denn gerade Industriekunden stellen hohe Anforderungen an das Design der Turbinen. Umlauft: „Im Gegensatz zu Kraftwerksturbinen müssen bei Industriemaschinen viel mehr Parameter berücksichtigt werden, zum Beispiel das Auskoppeln von Prozessdampf bei den richtigen Drücken und Temperaturen.“

Die Randbedingungen, die Verdichteranlagen oder Industrieprozesse mit sich bringen, verlangen nach einem hohen Maß an Individualität. Andererseits wünschen sich die Kunden jedoch preiswerte Lösungen. Dem scheinbaren Widerspruch begegnet das Siemens-Werk mit seiner Modulbauweise. Holger Brauer, Leiter Marketing Dampfturbosätze, erklärt: „Wir führen verschiedene Baureihen für Turbinen mit ein paar Megawatt bis hin zu 150 Megawatt. Innerhalb der Baureihen erlauben aufeinander abgestimmte Module ein individuelles Design, bei dem zum Beispiel auf die gewünschte Frischdampfeinströmung, die Abströmung sowie Dampfentnahmen Rücksicht genommen werden kann.“

Beispielweise stehen bei den Dampfturbinen mit der thermodynamisch günstigen Mitteneinströmung Vorderabschnitte zur Verfügung, die entweder normale Frischdampfzustände (bis 100 bar und 500 °C, die N-Baureihe) oder aber hohe Zustände bis zu 140 bar und 540 °C (HN-Serie) verarbeiten können. Diverse Geometrien erlauben das Abstimmen auf die Volumenströme. Die Mittelabschnitte bestehen unter anderem aus unterschiedlich vielen und in der Geometrie angepassten Verlängerungs- und Erweiterungsabschnitten zur Aufnahme der Trommelstufenabschnitte. Den Abschluss bilden die standardisierten Hinterabschnitte für Gegendruck- oder Kondensatausführung. In Kombination mit den passenden Generatoren entstehen so zum Beispiel Anlagen für die Zellstoff-, Auto- oder Papierindustrie. Im Programm sind zudem einfachere Maschinen mit bis zu 15 MW, die bis 65 bar und 480 °C Frischdampf ausgelegt sind, die so genannte G-Baureihe. Für extrem große Frischdampfvolumina gibt es außerdem die zweiflutigen Kondensationsturbinen der WK-Reihe.

Trotz zahlreicher technischer Finessen, welche die verschiedenen Turbinenbaureihen auszeichnen, sehen Umlauft und seine Mitarbeiter in der Technik nicht das wichtigste Alleinstellungsmerkmal: „Die hohe Verfügbarkeit unserer Produkte, intensive Kundenbeziehungen und niedrige Life-Cycle-Costs tragen maßgeblich zur Zufriedenheit der Kunden bei“, so Umlauft. Dazu kommen kurze Montagezeiten. „Viele unserer Anlagen lassen sich im Werk weitgehend vormontieren und gelangen als Package zum Zielort.“ Quasi en bloc erreichen die geprüften Turbinen-Generator-Stränge die Baustelle. „Das spart viel Zeit vor Ort und bewahrt uns vor ungeliebten Überraschungen bei der Montage.“

Wesentlich sei außerdem, dass Siemens PG Industrial Applications schon Projekte in den unterschiedlichsten Branchen realisieren konnte, ergänzt Brauer. So könnten sich die Siemens-Mitarbeiter gut in die Anforderungen des Kunden hineinversetzen und die passende Anlage projektieren. Zu den Referenzen des Geschäftsbereichs Industrial Applications zählen unter anderem die Erdgasbranche (Verdichter für Erdgasförderungs- und -reinigungsanlagen), die Prozessindustrie und die Stromwirtschaft.

Ihren bislang größten Auftrag konnten die Görlitzer vor wenigen Wochen verbuchen: CSPC, ein Joint Venture der Chinese National Offshore Oil Co. und der Shell Petrochemicals Company Limited, hat über Anlagenbauer SEPCO (Shandong Electric Power Construction) vier Dampfturbosätze mit je 60 MW bestellt. Das Auftragsvolumen, das zudem vier Kondensationsanlagen und ein Reserveteilpaket umfasst, beläuft sich auf über 30 Mio. €.

Dieses Projekt wird die Findigkeit und Flexibilität der Görlitzer Siemens-Mannschaft wieder fordern - genauso wie die ehrgeizigen Pläne, die Umlauft und seinen Mitarbeiter gefasst haben: Sie wollen noch mehr Kundennähe, was sich in engeren Beziehungen und einem dichten Vertriebsnetz niederschlagen soll. Zudem sollen Service und Schulung an Stellenwert gewinnen. Umlauft bringt es auf den Punkt: „Wir wollen unsere Lösungskompetenz weiter ausbauen und so noch mehr Nutzen für den Kunden schaffen können.“

Erschienen in Ausgabe: 04/2003