Fliegender Wechsel

Leittechnik bei laufendem Kraftwerksbetrieb umgerüstet

Seit Februar 2003 ist die neue Leitwarte des Gemeinschaftskraftwerks Hannover offiziell in Betrieb. Das besondere beim Umstellen auf die moderne Technik: Der Kraftwerksbetrieb musste unterbrechungsfrei weiterlaufen.

30. Juli 2003

Das Kraftwerk im Zuge der Arbeiten komplett herunterzufahren war unmöglich - sonst wäre die Produktion bei Volkswagen und dem Reifenhersteller Continental ins Stocken geraten. „Unseren Partnern beim Umstellungsprozess eine sichere Versorgung zu garantieren, hatte oberste Priorität“, stellt Harald Noske, Leiter des Center Produktion bei den Stadtwerken Hannover, heraus. Um dies zu ermöglichen, führten enercity-Fachleute das neue Bedien- und Beobachtungssystem schrittweise ein. Dabei ließ sich das Kraftwerk zeitweise parallel per Monitor- und Tastensteuerung (Kleinwartentechnik) fahren.

Der Umbau machte es notwendig, sämtliche Bedienelemente der Leitwarte neu zu projektieren. Fachleute stellten die bestehende Hauptleittechnik auf das Bedien- und Beobachtungssystem Teleperm-XP (TXP) von Siemens um. Siemens-Mitarbeiter leisteten bei der Rechnerinstallation Starthilfe. Die individuelle Programmanpassung führte das enercity-Personal des Gemeinschaftskraftwerks hingegen selbst durch. „Wir haben uns für diesen Weg entschieden, um das Know-how im Unternehmen zu halten und die Identifikation der Mitarbeiter mit dem System zu fördern“, erläutert Kraftwerksleiter Heiner Kemnitz.

Das nötige Fachwissen hat sich das Mess- und Prozesstechnik-Team fortlaufend angeeignet: 1996 sammelten die Mitarbeiter im Fernheizungsbereich erste Erfahrungen mit TXP. Zwei Jahre später führten die Fachleute die Monitorbedienung unter anderem für die Rauchgasentschwefelungsanlage ein. Von 1999 bis Ende 2002 stellte enercity das Bedien- und Beobachtungssystem komplett von Pult- auf Anlagenbildbedienung um. „Eine spannende Phase, bei der jeder Handgriff sitzen musste“, resümiert Kemnitz. Sein Team testete die gesamte Funktionsweise unter anderem durch probeweises An- und Abfahren eines der beiden Kraftwerksblöcke - konnte hierbei aber immer noch auf die Pultbedienung zurückgreifen. Um den Prozess abzuschließen, baute enercity eine provisorische Warte auf; innerhalb von zwei Monaten verwandelten die Fachleute die alte Leitwarte in eine moderne Schaltzentrale. Das neue System vereinfacht die Betriebsabläufe erheblich: Von jedem der fünf Bildschirmarbeitsplätze in der Leitwarte lassen sich alle Prozesse der Kraftwerksblöcke nachvollziehen und bedienen.

„Die Art und Weise, wie wir die neue Technik eingeführt haben, ist bisher einmalig.“ Üblicherweise wären Blockstillstände von insgesamt mehr als einem halben Jahr notwendig gewesen. „Dies konnten wir so umgehen“, weist Kemnitz auf die enormen Vorteile der Vorgehensweise hin. Die verbesserte Steuerungstechnik zahlt sich aus: Sie hat dazu beigetragen, dass sich die Wirtschaftlichkeit des Kraftwerks merklich erhöht hat. Auch andere Energieversorger interessieren sich für den „hannoverschen Weg“. So will die e.on-Tochter Braunschweigische Kohlenbergwerke AG ein Kraftwerk nach ähnlichem Prinzip umrüsten.

Erschienen in Ausgabe: 05/2003