Forum für Aufholer

Messe - Die neuen EU-Staaten haben einen großen Nachholbedarf in der Energietechnik - ein interessantes Betätigungsfeld für deutsche Unternehmen. Die Anfang März stattfindende enertec will beide Partner zusammenbringen.

31. Januar 2007

Die TerraTec als einzige deutsche Umweltfachmesse im Jahre 2007 sowie die enertec legen ihren Fokus traditionell auf die wachsenden Märkte in Mittel- und Südosteuropa (MSOE). Besonderes Augenmerk des Messedoppels 2007 (5. bis 8. März 2007 in Leipzig) gilt neben Russland den neuen EU-Staaten Bulgarien, Litauen, Polen, Rumänien, Slowakische und Tschechische Republik sowie Ungarn. In diesen Ländern müssten gegenwärtig wie auch in den nächsten Jahren Milliardensummen in den Bereichen Energieeffizienz und erneuerbare Energien, Wasser und Abwasser sowie Abfallbeseitigung investiert werden, um den EU-Anforderungen bis 2010 zu entsprechen, informiert Dr. Hans-Peter Barkenthien.

Der Osteuropaexperte leitet in Magdeburg das Umweltinstitut IWU sowie das angeschlossene Internationale Dialogzentrum Umwelt und Entwicklung (IDCED). Barkenthien prognostiziert, dass „aufgrund des anhaltenden Wirtschaftswachstums sowie der voranschreitenden Marktliberalisierung in den MSOE-Ländern in den nächsten 15 Jahren mit einem Investitionsvolumen von 60 Milliarden Euro“ zu rechnen ist. Nur ein sehr geringer Prozentsatz davon könne durch EU-Mittel abgedeckt werden, „der Löwenanteil muss aus nationalen Budgets und von privaten Investoren kommen“, so der Experte.

Obwohl der Primärenergieverbrauch pro Kopf in den neuen EU-Mitgliedsländern gegenwärtig weit unter dem EU-Durchschnitt liegt, wird er mit wachsendem Wohlstand in den Ländern zunehmen und sich langfristig westeuropäischem Niveau annähern. „Mit dem Übergang zur Marktwirtschaft haben mittlerweile alle MSOE-Staaten ihre Energieeffizienz wesentlich verbessert. Dessen ungeachtet existiert ein großes kosteneffektives Potenzial für weitere Energieeinsparungen sowohl in der Energiewirtschaft als auch in anderen Industriezweigen sowie im Bereich der Wohnungswirtschaft“, betont IDCED-Direktor Barkenthien.

Nach Schätzungen von OECD und EZB liegt das technische Einsparpotenzial in MSOE insgesamt zwischen 25 und 50 %, das wirtschaftliche Potenzial bei rund 20 % und das Marktpotenzial immerhin noch bei etwa 10 bis 15 %. Den Hauptanteil daran haben Industrie (40 %) und private Haushalte (30 %), Dienstleistungen, Transportsektor und Landwirtschaft tragen mit jeweils 10 % bei. Für die Tschechische Republik wird das technische Potenzial für Energieeinsparungen mit 50 % des Endenergieverbrauchs veranschlagt, das wirtschaftliche Potenzial mit 31 %.

Nachholbedarf bei KWK

Nachholbedarf haben die neuen EU-Länder unter anderem im Bereich Kraft-Wärme- Kopplung (KWK). Zwar werden in den MSOE-Ländern rund 40 % des Gebäudebestandes mit Fernwärme beheizt, verglichen mit 10 % in Westeuropa, jedoch stammen im Osten der EU nur 52 % der Fernwärmeerzeugung aus KWK-Anlagen, verglichen mit 67 % in der alten EU. Wie in Westeuropa dominieren fossile Energieträger den Energiemix. So deckt Polen seinen Primärenergiebedarf zu 64 % aus Kohle, zu 20 % aus Erdöl und zu 12 % aus Erdgas, in Bulgarien liegen die entsprechenden Zahlen bei 37 %, 23 % und 12 %, in Rumänien bei 21 %, 29 % und 35 % und in Ungarn entfallen 17 % auf Kohle, 29 % auf Erdöl und 39 % auf Erdgas.

In einigen Ländern spielt die Nutzung der Kernenergie eine überaus wichtige Rolle. In 5 der 10 neuen EU-Staaten werden derzeit 19 Kernreaktoren betrieben. 2007 kamen mit dem Beitritt Rumäniens und Bulgariens 6 weitere Reaktoren hinzu. Damit verfügen 15 der 27 Mitgliedsländer über Kernkraftwerke. „Die Staaten, die in der EU Kernenergie erzeugen, bilden also weiterhin eine Mehrheit, was bei künftigen Entscheidungsprozessen zur Atompolitik durchaus von Bedeutung ist“, erwartet Barkenthien. Wie allgemein in der EU wird die Abhängigkeit von Energieimporten weiter zunehmen. So soll etwa der Einfuhrbedarf Rumäniens von 34 % im Jahr 2003 auf 47 % im Jahr 2010 steigen. Lediglich Polen ist aufgrund der intensiven Nutzung eigener Kohlevorkommen relativ unabhängig. Das Land erzeugt rund 54 % der gesamten EU-Steinkohleproduktion.

Eine Möglichkeit die Abhängigkeit zu mindern ist der Ausbau regenerativer Energien. „Einige Länder wie etwa Lettland oder Rumänien liegen bei der Nutzung erneuerbarer Energieträger bereits heute deutlich über dem EU-Durchschnitt“, sagt Barkenthien. So decke etwa Lettland 36 % seines Primärenergiebedarfes aus erneuerbaren Energieträgern und erzeugt 65 % seines Stroms aus Wasserkraft. Wachsende Bedeutung hat speziell das Thema Bioenergie. In Estland decken heute erneuerbare Energieträger den Gesamtprimärenergiebedarf zu 11 %. Daran ist die Nutzung von Holz mit 95 % beteiligt. In Ungarn liegt der Holzanteil an den Erneuerbaren bei 82 %. In Polen sieht die Strategie zur Nutzung erneuerbarer Energien bis 2010 vor allem die Schaffung von Kapazitäten bei Biomassekesseln, bei der Fernwärmeerzeugung mittels Stroh und Holz sowie bei Biomasse-BHKW vor.

Das Thema Bioenergie will die Messe auch 2007 weiter forcieren. „Vor allem die Nachfrage nach dezentralen Lösungen verschafft der enertec kräftigen Rückenwind“, sagt Claudia Anders, Projektdirektorin der Veranstaltung. Anknüpfend an den Erfolg der letzten enertec würden die Ausstellungssegmente KWK und Bioenergie ausgebaut. Anders: „Die enertec ist für diesen Bereich die größte Plattform in den neuen Bundesländern.“ Auch beim Bundesverband BioEnergie (BBE) ist man überzeugt. „Die enertec hat gute Chancen, sich zum Info-Treffpunkt für Bioenergiegewinnung und -nutzung des Ostens zu entwickeln und zwar über die Grenzen hinaus“, sagt Helmut Lamp.

Russland in 2007 im Fokus

Diese Internationalität soll weiter augebaut werden. Im Fokus in diesem Jahr steht insbesondere Russland. „Richtig finden wir die Bemühungen der Messe, das Nachfragepotenzial nach innovativen Energien in Mittel- und Osteuropa stärker einzubinden“, sagt Wolfgang F. Eschment, Vorstand Gasverkauf/Technik Verbundnetz Gas (VNG). „Wir werden deshalb unsere eigenen Beteiligungsgesellschaften in diesen Ländern, etwa der Slowakei, nach Leipzig einladen.“

Mehr als 240 Aussteller werden zur enertec präsent sein - ein Plus von etwa 20 % gegenüber der Veranstaltung vor zwei Jahren. Ein Kennzeichen sei das umfangreiche Rahmenprogramm, betont Anders. „Die enertec bietet ein einzigartiges Forum für direkte Kontakte mit Entscheidungsträgern in den MSOE-Ländern“, sagt Barkenthien, der mit dem IDCED den 'Marktplatz der Märkte' auf der Leipziger Veranstaltung organisiert. Er hofft, damit gute Ansatzpunkte für strategische Konzepte deutscher Unternehmen im Hinblick auf ein künftiges Engagement auf den Energiemärkten der erweiterten EU vermitteln zu können.

Rahmenprogramm der enertec

Von CO2-freien Kraftwerken bis Bioenergie

Ein Kennzeichen der enertec ist das umfangreiche Rahmenprogramm. In diesem Jahr finden unter anderem folgende Veranstaltungen statt:

• Internationales G8-Expertentreffen: Am 6. und 7. März 2007 berichten Fachleute auf dem vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie durchgeführten Kongress unter anderem über CO2-arme fossile Kraftwerke.

• Energiebinnenmarkt aus Sicht der Industrie: Am 7. März erhält man Informationen zur preisgünstigen, umweltverträglichen und effizienten Energieversorgung.

• CDM und JI: Die Veranstaltung ›Kyoto-Mechanismen als Instrumente für einen optimierten Klimaschutz‹ des Bundesumweltministeriums am 6. und 7. März 2007 führt Interessierte aus Wirtschaft und Politik zusammen.

• Gemeinschaftsstand Bioenergie: Das viertägige Vortragsprogramm informiert über Biogas, Biokraftstoffe, Biogas-betriebene KWK und feste Biomasse.

• Marktplatz der Märkte: Auf dem internationalen Kontaktforum stellen ausgewählte Länder im Rahmen individueller Kontakt- und Informationsgespräche ihren Investitionsbedarf vor.

Erschienen in Ausgabe: 01/2007