Frischer Wind über den Alpen

Schweiz Der Partner der E-world 2008 öffnet jetz seinen Strommarkt schrittweise. Die Versorger benötigen für die Wertschöpfung unter Unbundling-Vorgaben eine leistungsfähige IT-Unterstützung.

17. Februar 2008

Vergleicht man die Energiewirtschaft Deutschlands mit der der Schweiz, so spricht man häufig vom Faktor 10:1. Das mag für Vergleiche der Energieproduktion oder der Größe der einzelnen Versorger gelten, nicht aber für deren Leistungsfähigkeit. Die Schweiz hat mit rund 900 Unternehmen einen historisch gewachsenen hohen Fragmentierungsgrad. Doch die Landschaft kommt in Bewegung. Ähnlich wie in Deutschland geht es dabei nicht um die Reduktion der Anzahl der Marktteilnehmer, sondern um eine Positionierung einer Vielzahl neuer Dienstleister, aber auch um Fusionen oder um die Ausgestaltung einer Reihe von Kooperations-Konstrukten.

Das Parlament in Bern stimmte 2007 dem neuen Stromversorgungsgesetz (StromVG) zu. Seit 2008 tritt ein Teil des neuen Strom-VG in Kraft, die vollständige Öffnung wird in Teilschritten von 2009 bis 2014 erreicht. Vieles bleibt zu tun, was deutschen Energieversorgungsunternehmen (EVU) allzu bekannt vorkommt: EDM, Netznutzung und Vertrieb brauchen den Liberalisierungsanforderungen entsprechende IT-Lösungen. Ähnlich wie in Deutschland haben viele Schweizer EVU große Projekte zur Vorbereitung der Marktöffnung gestartet. Oft mangelt es aber an einer verlässlichen Datenbasis, die effiziente Auswertungen gezielt nach Kunde, Produkt, Region und Lieferant ermöglicht. Diskussion um Datenaustauschformate werden aufgrund der vielen Energie- und IT-Lösungsanbieter intensiv geführt. Das provoziert IT-seitig zu der Prognose, dass Themenstellungen im Umfeld einer serviceorientierten Architektur (SOA) künftig in den Fokus rücken werden.

Kein großer ERP-Anbieter

Es hat sich auch bei den Eidgenossen die Erkenntnis durchgesetzt, dass die künftige Leistungsfähigkeit nach der schrittweisen Marktöffnung nicht ohne effiziente IT-Unterstützung funktionieren wird. Ein wichtiger Unterschied zu Deutschland tritt schnell zutage: Der Markt der Anbieter für kommerzielle und technische Informatik ist vergleichsweise noch vielfältiger. Die in Deutschland auch bei kleinen EVU häufig anzutreffende Dominanz eines großen ERP-Anbieters gibt es nicht.

Ein Trugschluss ist, dass Atel, Axpo, EOS, BKW oder die 30 Werke der swisspower in Sachen IT Defizite bezüglich der Vorbereitung auf die Marktöffnung aufweisen. Bereits vor der Gründung der Axpo-Gruppe wurde 1999 damit begonnen, die IT-Organisationen der beteiligten nordostschweizerischen Kraftwerke und mehrerer Kantonswerke zu bündeln, um Synergieeffekte bei der Einführung gemeinsamer IT-Systeme zu heben. So entstand einer der ersten und mit rund 180 Mitarbeitern auch größten IT-Dienstleister der Energiebranche der Schweiz, die Axpo Informatik AG. Im Zuge der eigenen Professionalisierung der angebotenen IT-Services und Prozess- Beratung wurden seither schrittweise regionale Drittkunden aufgebaut, später kam über weitere Energie-Beteiligungen ein zusätzliches IT-Geschäft für insgesamt 3.600 Benutzer hinzu. Heute verfügt die Axpo Informatik bereits über eine erste Auslandstochter in Genua.

Das Beispiel zeigt, dass ein Weg darin besteht, die kritische Masse als Basis der eigenen Leistungsfähigkeit zu erhalten. Doch das allein reicht langfristig nicht. So betreut die Axpo Informatik über 700 Applikationen für ihre Kunden – ein Indiz dafür, dass neben dem Bündeln auch schrittweise ein Standardisieren der IT-Lösungen und ihres Betriebes passieren muss. Zunehmend wichtig ist die Ausgestaltung der Demand-IT, also der Auftraggeberseite der IT-Dienstleister, sodass alle Anforderungen vom Business der Sparte oder durch gesetzliche Rahmenbedingungen zeitnah in die IT-Lösungen einfließen können.

Hier hat die Axpo bereits mit der Gründung ihrer IT-Tochter in 2001 ein dezentrales Informationsmanagement in jedem wichtigen Nutzerbereich aufgebaut, ergänzt durch eine zentrale Koordinierungsfunktion für die gesamte Axpo-Gruppe.

Die Berner Kraftwerke (BKW) sind bei der Vorbereitung auf die Marktöffnung IT-seitig bisher einen etwas anderen Weg gegangen, indem sie vor einigen Jahren bereits in zwei Schritten ihre Leit- und Fernwirktechnik und später auch ihre Telekommunikation in eine gemeinsame interne ICTOrganisation gebündelt haben. So können die strategischen Vorhaben wie etwa für Handelssysteme und EDM aus einer Hand und einer prozessnahen Dienstleisterrolle angegangen werden. Das Bündeln weiterer IT- und telekommunikationsnahen Services (ICT) schafft demnach Leistungs- und Zukunftsfähigkeit. Obwohl man derzeit mit 140 Mitarbeitern zu den größeren Dienstleistern der Branche gehört, steht hier auch das Partnering auf dem Mittelfrist- Programm.

Das jüngste Kind der IT-Dienstleister im Schweizer Energiemarkt ist die bâldata in Basel, wo die Industriellen Werke des Kantons Basel-Stadt (IWB) ihre ICT seit Ende 2007 bündeln. Die IWB haben im Gas- und Telekommunikationsgeschäft im Dreiländereck bereits überregionalen Wettbewerb und somit früher als andere Kantonswerke die Erfordernis, sich ICT-seitig strategisch zu positionieren. Sie arbeiteten ihre strategischen Entscheidungen für die ICT gemeinsam mit dem Management aus und setzten Veränderungen zeitnah um.

Christine Repscher, Mattias Baubkus

Das Stromversorgungsgesetz (Strom VG)

Zweistufige Marktöffnung in der Schweiz

Die eidgenössischen Räte stimmten am 23. März 2007 dem Strom VG zu. Das Gesetz sieht eine zweistufige Marktöffnung vor. In den ersten fünf Jahren haben nur Endverbraucher mit einem Jahresverbrauch von mehr als 100 MWh freien Marktzugang. Nach fünf Jahren können alle Endkunden ihren Stromlieferanten frei wählen, wobei gegen die volle Marktöffnung nochmals das fakultative Referendum ergriffen werden kann. Neu ist ein unabhängiger Übertragungsnetzbetreiber, der mit einem gesetzlichen Auftrag für den Systemvertrieb verantwortlich ist – die swissgrid. Nach fünf Jahren sollen Betrieb und Eigentum auf der Höchstspannungsebene zusammengeführt werden.

Erschienen in Ausgabe: 01/2008