Fristverlängerung

Effektiveres Ausnutzen kleiner Lagerstätten möglich

Wie groß die Reserven an Erdöl und Erdgas wirklich sind und ob sie sich wirtschaftlich nutzen lassen, ist nicht zuletzt eine Frage der Explorations- und Produktionstechniken. Verfahrensfortschritte ermöglichen ein leichteres Aufspüren neuer Felder und erlauben das Fördern auch unter schwierigen Bedingungen - das Ende des Erdöl- und Erdgaszeitalters rückt so weiter in die Zukunft.

11. Februar 2003

Es ist immer eine Sache des Standpunktes: Während die eine Studie den Zeitpunkt, ab dem die Ölförderung abnimmt, schon bald kommen sieht, ist das Ende des Erdölzeitalters für andere noch Jahrzehnte entfernt. Doch egal wann: Erdöl wird knapp. Damit kommt dem Erdgas eine bedeutendere Rolle zu, denn es wird bei vielen Anwendungen Erdöl ersetzen (müssen). „Zur Zeit findet ein Energieträgerwechsel von Erdöl zu Erdgas statt. Die chemische Industrie ist weitgehend auf Erdgas als Rohstoff umgestellt, auf dem Raumwärmesektor und in der Industrie gewinnt Erdgas rasch Marktanteile“, erklärte Kurt Pollak von der OMV AG.

Dies ist einer der Gründe für das Wachsen des weltweiten Erdgasverbrauchs in den kommenden Jahren. So prognostiziert zum Beispiel die Energy Information Administration (EIA), Washington, einen Anstieg bis 2020 gegenüber den Werten von 1999 um fast 100 %.

„Die globale Verfügbarkeit von Erdgas wird in den kommenden zehn Jahren gegeben sein. Ob dies auch noch in 15 bis 20 Jahren so sein wird, hängt vor allem daran, in welchem Maße Erdgas Erdöl ersetzen wird.“ So die LB-Systemtechnik, Ottobrunn in einem Bericht, den sie vor zwei Jahren dem Büro für Technikfolgenabschätzung vorlegte.

Neue Märkte und die Substitution des Erdöls führen also dazu, dass sich die wirtschaftlich gewinnbaren Vorräte an Erdgas früher ihrem Ende neigen, als diese bei stagnierendem Verbrauch der Fall wäre. Das zwingt zum Umdenken: Einerseits stellt sich die Frage nach den wichtigen Energieträgern der Zukunft - ob Sonnenenergie, Wind, Biomasse oder gar die Kernfusion -, andererseits spornt die drohende Verknappung Techniker und Ingenieure an, bessere Verfahren zum Finden und Fördern fossiler Energieträger zu entwickeln. Besonders in Westeuropa liegen oft ungünstige geologische Gegebenheiten vor, sodass „Hightech rund um den Bohrturm“ unentbehrlich ist.

Verfeinerte Techniken erlauben es, heute nicht (oder nicht wirtschaftlich) erschließbare Vorkommen, so genannte Ressourcen, zu nutzen. So zitiert der BGW in seinem Jahresbericht 2000 eine Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe: „Die vorhandenen weltweiten konventionellen Erdgasreserven bieten eine statistische Reichweite von 66 Jahren. 150 Jahre sind es, bezieht man die Erdgasressourcen mit ein.“ Unabhängig davon, ob diese Zahlen realistischer sind als die der LB-Systemtechnik, zeigt das Verhältnis: Verbesserte Technik könnte Zugriff auf Öl- oder Gasfelder verschaffen, deren Erschließung sich mit heutigen Mitteln nicht lohnt oder sogar unmöglich ist.

Im technischen Fortschritt ist auch begründet, dass der Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung e.V. (WEG) seit Jahrzehnten eine Reichweite der deutschen Gas- und Ölreserven von etwa 15 Jahren nennt. „Der kontinuierliche Reservenzuwachs konnte nur durch erhebliche technologische Anstrengungen mit entsprechend ansteigenden Kosten erzielt werden“, stellte Norbert Liermann auf der diesjährigen Jahrestagung des WEG fest, in dessen Vorstand er Mitglied ist. Er ist als Geschäftsführer der Mobil Erdgas-Erdöl GmbH (MEEG) in Celle vertraut mit Technik rund um den Bohrturm.

Nur mit steigendem Aufwand - und damit höheren Kosten - lässt sich also in Deutschland Erdgas fördern. Das selbe gilt für Erdöl. Auch in den anderen Ländern Westeuropas nehmen die Anstrengungen zu, die bei Exploration und Produktion unternommen werden. Es ist also nur eine Frage der Zeit, wann die Abhängigkeit von den außereuropäischen Erdöl- und Erdgasproduzenten steigt. Dabei gilt es, die Balance zwischen dem Verzehr hiesiger Ressourcen, dem Aufwand zur Produktion und der zunehmenden Abhängigkeit zu finden. Das immer aktuelle Thema Versorgungssicherheit bekommt dadurch eine stärkere politische Komponente, denn technischer Fortschritt löst das Problem knapper werdender Ressourcen nicht. Es gewährt nur eine Fristverlängerung.

Erschienen in Ausgabe: 09/2002