"Für effizientes Netzwerkmanagement sind die Daten nötig"

Menschen Interview

Der Ausbau grüner Energien stellt die Energie vor große Herausforderungen. Die passende Medizin dafür bieten Smart Meter, sagt Martin Czermin von Itron. Sie könnten zudem vom bewussteren Umgang mit Energie führen.

28. Mai 2013

Derzeit stellen sich die politisch-rechtlichen Rahmenbedingungen für EVU noch zu vage dar, um entschiedener auf Smart Grids zu setzen. Ich gehe davon aus, dass die Bedeutung der Smart Meter nach der endgültigen Abkehr von der Atomenergie in den nächsten Jahren stark zunehmen wird.

Der Ausbau erneuerbarer Energien stellt die Netze vor große Herausforderungen, für die intelligente Messsysteme die passende Medizin bereithalten. Die bidirektionale Kommunikation von Verbrauchern und Erzeugern mithilfe solcher Systeme schafft durch dynamische Strompreise – günstig bei Überschuss, teurer bei Knappheit – den Markt, um diese Ungleichgewichte auszugleichen.

Die Stromabnahme energieintensiver Verbraucher kann automatisch geschehen, sobald ein bestimmtes Tarifniveau unterschritten wird. Bei einem Überangebot steigt automatisch die Nachfrage und umgekehrt. Endabnehmer sparen dabei sogar noch Geld – eine Win-Win Situation.

Was sind die wichtigsten Anforderungen an den Smart Meter?

Prinzipiell sehe ich drei zentrale Anforderungen, die ohne die jeweils anderen wertlos wären und daher unbedingt alle gemeinsam erfüllt sein müssen. Zum einen Genauigkeit – valide Messdaten sind das A und O. Es sind die Informationen, anhand derer sich Verbrauchsmuster errechnen und Maßnahmen des Netzwerkmanagements abgeleitet werden.

Zweitens Vernetzbarkeit – die Daten für sich genommen sind relativ nutzlos. Sie erhalten ihren Wert erst durch die Kontextualisierung mit anderen Messwerten des Netzwerks, dem sie angehören. Auch in Hinblick auf mögliche künftige, paneuropäische Energienetzwerke müssen Smart Meter unbedingt vernetzbar sein. Und zum dritten Sicherheit – nicht zuletzt müssen sich intelligente Messsysteme gegen Angriffe von außen schützen.

Dabei ist nicht nur der physische Schutz der eigentlichen Geräte gemeint, sondern ebenfalls Cyber-Attacken auf die zugrunde liegende Software. Diese könnten andernfalls sogenannte Denials of Service provozieren und Teile der Versorgungsinfrastruktur lahmlegen.

Können wir auf einen Massen-Rollout an richtig smarten Metern verzichten?

Nein. Um effizientes Netzwerkmanagement zu betreiben, bedarf es möglichst aufschlussreicher Daten und Verbrauchsmuster. Dies können nur Smart Meter und Smart Grids leisten.

Sind smarte Lösungen auf der Verteilnetzebene und im Schaltkasten nicht entscheidender?

Hierdurch würde man sich wertvoller Informationen berauben. Daten werden umso wertvoller und aussagekräftiger, je klarer man sie in den Kontext anderer Messwerte setzen kann – wobei andere Hierarchieebenen ausdrücklich miteinbezogen werden müssen.

Sofern eine zentrale Messstelle erhöhte Verbräuche ihres Einzugsbereichs meldet, bleibt die Quelle des Mehrverbrauchs ohne intelligente Messtechnologie auf der darunterliegenden Hierarchieebene unerkannt. Sollten hierfür einzelne Abnehmer verantwortlich sein, die möglicherweise unbewusst Energie verschwenden, könnten ihnen intelligente Messstellen auf Haushaltsebene unmittelbar Rückmeldung zu ihrem Energiekonsum geben. Ein bewussterer Umgang mit Energie jedes Einzelnen wäre die Folge.

Mit welchen Fragen kommen EVU beim Thema Smart Meter auf Sie zu?

Aufgrund eines unsicheren Planungshorizontes existiert bei EVU noch Klärungsbedarf bezüglich der extrapolierten Wirtschaftlichkeitsbetrachtung intelligenter Messgeräte. Letztendlich wird deshalb häufig die Frage gestellt: »Soll ich in Smart Meter investieren?«

Die Frage müsste hingegen lauten, wie die Einführung zeitlich, technisch und ökonomisch am sinnvollsten durchführbar ist. Denn es ist sicher, dass die forcierte Energiewende nach durchdachten Maßnahmen verlangt, um die Energieversorgung effizienter zu gestalten. Die Politik muss hier für eine Initialzündung sorgen, die Infrastrukturbetreibern auch mittelfristig einen Gewinn in Aussicht stellt, um die benötigten Anschubinvestitionen der Privatwirtschaft zu bewirken.

Vita

Hans Martin Czermin

Der Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik ist Geschäftsführer, Managing Director Energy, Central Europe bei Itron. Er verantwortet das Strom- und Gasgeschäft. Dazu gehören intelligente Software- und Zählerlösungen sowie Services. Vor seinem Wechsel war er bei eCircle und in verschiedenen Positionen bei Siemens tätig.

Erschienen in Ausgabe: 05/2013