Funktion Schrittmacher

Interview - Über Klimaschutz und Kraftwerkserneuerungen sprachen wir mit der NRW -Wirtschaftsministerin Christa Thoben.

18. August 2008

Als bedeutende Energieregion in Europa sind wir uns unserer besonderen Verantwortung bewusst. Mit der Klimaschutzstrategie der Landesregierung wollen wir eine Schrittmacherfunktion in der Energie- und Klimaschutzpolitik übernehmen. Wir wollen zeigen, dass es möglich ist, mit intelligenten Maßnahmen Wirtschaftswachstum und Klimaschutz miteinander zu verbinden.

es: Wie stark soll der CO2-Ausstoß bis 2020 konkret reduziert werden?

Wir beabsichtigen bis 2020 die jährlichen CO2-Emissionen um 81 Millionen Tonnen gegenüber 2005 zu reduzieren. Das bedeutet eine Reduktion um 33 Prozent und ist ein sehr ambitioniertes Ziel. Dabei ist die Energieerzeugung neben dem Energiesparen das wichtigste Handlungsfeld. Die Erneuerung von alten, ineffizienten Kohlekraftwerken durch moderne, hocheffiziente Kraftwerke leistet mit einer CO2-Reduktion um 30 Millionen Tonnen den größten Einzelbeitrag.

es: Sie wollen auch auf die Kraftwerkswirtschaft zugehen. Was soll Bestandteil der Verhandlungen sein?

Wir wollen uns mit der Kraftwerkswirtschaft auf konkrete CO2-Reduktionsmengen verständigen. Das ist die entscheidende Größe zum Schutz des Klimas, nicht etwa die Strommenge, wie es auch teilweise gefordert wird. Das ist nicht die entscheidende Stellschraube und wäre zudem ein Schritt in die Planwirtschaft. Die Kraftwerkswirtschaft muss sich ihrer Verantwortung für das Klima bewusst sein und die CO2-Menge reduzieren. Wie sie das macht, ob durch Wirkungsgraderhöhung, Filterung oder CO2-Sequestrierung, soll ihr überlassen bleiben.

es: Gibt es hier schon erste konkrete Ergebnisse?

Wir befinden uns zurzeit in konkreten Verhandlungen. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich jetzt zum aktuellen Stand nichts sagen möchte.

es: Um Fortschritte zu erzielen, müssten gleichzeitig alte Kohlemeiler schließen. Noch passiert dies in zu geringem Umfange. Wie sehen Sie die Situation?

Es wird definitiv zu Stilllegungen alter, ineffizienter Kraftwerksblöcke kommen. Soviel kann ich sagen. Aber noch mal: Entscheidend ist nicht, möglichst viele Kraftwerksblöcke stillzulegen. Entscheidend ist, die absolute CO2-Menge in der Stromproduktion zu reduzieren. Der Weg soll technologieoffen bleiben.

es: Welche verbindlichen Mittel stehen Ihnen hierbei zur Verfügung?

Wir können die Genehmigung zur Errichtung neuer Kraftwerksblöcke an die Stilllegung alter Blöcke knüpfen. Das hat auch bereits stattgefunden. Gleichzeitig stelle ich auch fest, dass die Kraftwerkswirtschaft selbst ein Interesse daran hat, ineffiziente Blöcke aus der Produktion zu nehmen. Insofern bin ich zuversichtlich, dass wir zu einvernehmlichen Vereinbarungen zum Schutz des Klimas kommen werden.

es: NRW liegt beim Anteil erneuerbarer Energien unter dem Bundesdurchschnitt. Auf welchen Prozentsatz soll dieser angehoben werden?

Das ist wie immer eine Frage der Betrachtungsweise. Es stimmt, wir liegen prozentual unter dem Bundesdurchschnitt. Wir verfügen nun einmal nicht über das Windpotenzial der Küstenbundesländer. Andererseits stehen wir mit den 8,7 Terrawattstunden Strom aus erneuerbaren Energien, absolut gesehen, gar nicht so schlecht dar. Das ist immerhin ein Siebtel der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien des Bundes. Aber auch das wollen wir steigern. Unser Ziel ist es, den Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung bis 2020 auf 20 TWh anzuheben und den Anteil an der Wärmeerzeugung von 5 TWh auf über 20 TWh zu vervierfachen.

es: Welche Potenziale versprechen Sie sich konkret von den einzelnen Energieträgern Wind, Sonne, Biomasse und Geothermie?

Wir setzen unter anderem auf das Repowering, also den Ersatz alter leistungsschwacher Windenergieanlagen durch weniger, aber dafür deutlich leistungsstärkerer Anlagen. Ein weiteres großes Potenzial bietet die Geothermie. 70 Prozent der Fläche Nordrhein-Westfalens sind geeignet für die Nutzung der oberflächennahen Erdwärme. Dieses Potenzial wollen wir mit der Aktion ›Wärmepumpenmarktplatz NRW‹ weiter erschließen. Auch die Solarenergie bietet ein großes technisch nutzbares Potenzial. Dieses Potenzial muss aber auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten nutzbar sein. Insbesondere der Strom aus Sonnenenergie ist derzeit noch zu teuer.

es: Was steht bei der Förderung hierbei im Vordergrund?

Wir wollen die Entwicklungen insbesondere an den F&E- und Produktionsstandorten in der Metropole Ruhr und im grenzüberschreitenden Gewerbegebiet Avantis Aachen-Heerlen unterstützen, damit die Stromgestehungskosten aus Solarenergie runtergehen. Auch der Beitrag der Biomasse zur Energiebereitstellung kann noch gesteigert werden. Insbesondere die Vergasung von Biomasse eröffnet interessante Nutzungsmöglichkeiten.

(mn)

Erschienen in Ausgabe: 7-8/2008