Gas geht an die Börse

HANDEL - Ab 1. Oktober wird die Leipziger European Energy Exchange (EEX) Gas an die Börse bringen. Vieles spricht dafür, dass der Taktgeber im Strommarkt auch mit Erdgas europäisches Format erlangen könnte.

30. April 2007

Deutschland zählt mit einem Jahresverbrauch von etwa 1.000 Mrd. kWh zu den interessantesten Märkten. Hier kreuzen sich Pipelines aus den wichtigsten Förderländern. Und schließlich formen rund 700 Stadtwerke einen »sehr feingliedrigen und diversifizierten« Absatzmarkt, der den Wettbewerb in Bewegung bringen kann. Zu dieser Einschätzung kommt eine gemeinsame Untersuchung der Bonner E-Bridge Consulting und der Londoner Brattle Group.

Aus Sicht des Auftraggebers, der Mannheimer MVV Energie, ist der Markt »reif für eine Gasbörse«. Sie könne für Transparenz sorgen, neue Player zum Markteintritt bewegen und werde mittelfristig einen verlässlichen Referenzpreis für strukturierte Produkte herausbilden, sagt Vorstandschef Dr. Rudolf Schulten. Dem Handel hinderliche »Schwachstellen beim Netzzugang« würden zudem rascher offenkundig.

Erdgas soll für die EEX zum zweiten Standbein werden, erhofft sich deren Vorstandsvorsitzender Dr. Hans-Bernd Menzel. Die Blickrichtung ist eine europäische. »Wir müssen auch in der öffentlichen Diskussion weg von der Sichtweise, wir hätten einen deutschen Markt.« Mit derzeit 158 Teilnehmern aus 19 Ländern ist die Leipziger größte und umsatzstärkste Energiebörse Kontinentaleuropas ? in 3 Jahren soll es möglichst die einzige sein. Die Strompreise der EEX sind schon jetzt wichtige Signale für den Handel über die Landesgrenzen hinaus. Beim Gas soll das ähnlich werden, doch besteht hier Nachholbedarf zu einigen Nachbarländern, betont Menzel.

Aufgrund der Zersplitterung des deutschen Markts in 19 Marktgebiete wird der Börsenauftakt ein eher regionaler sein. Er ist beschränkt auf zwei Handelspunkte: die H-Gas-Marktgebiete BEB und E.on Gastransport ? letzteres wird sich aus der für Oktober angekündigten Verschmelzung der drei E.on-Regionen Nord, Mitte und Süd zusammensetzen.

Die beiden Marktgebiete verfügen nach Analysen von PricewaterhouseCoopers (PwC) aber auch nach der MVV-Studie über die besten Voraussetzungen für den Börsenhandel: ausreichend Speicherleistung, die Einbindung wichtiger Importund Exportpunkte sowie eine gewisse Grundliquidität. So entfallen rund 45 % des Transportvolumens im deutschen H-Gasmarkt auf E.on Gastransport, etwa 15 % auf BEB.

An den virtuellen Handelspunkten von E.on waren nach Unternehmensangaben bisher 21 Marktteilnehmer aktiv. Im Januar bewegten sie über 1 Mrd. kWh. Die Zahl der aktiven Händler habe sich in den letzten drei Monaten ? der Zeit nach Einführung des Entry-Exit-Systems für den Netzzugang - nahezu verdoppelt. Die monatliche Steigerungsrate der Handelsmenge liege bei 23 %, und die so genannte Churn-Rate, das Verhältnis von gehandelter zu physisch transportierter Menge, sei von 1,15 auf 1,35 gestiegen und damit die höchste in Deutschland. Die Zusammenarbeit mit der EEX werde diese »positive Dynamik« noch beflügeln, glaubt man bei E.on.

Die Leipziger Börse wird in beiden Marktgebieten parallel mit einem Spot- und Terminmarkt starten. Letzterer bietet Futures für Monat, Quartal und Jahr mit Laufzeiten von bis zu sechs Jahren.

MARKET MAKER FÖRDERN HANDEL

Besonders dem Spothandel mit Lieferkontrakten für den nächsten Tag und das Wochenende sieht der Markt erwartungsvoll entgegen. Denn damit werden ab Oktober zur kurzfristigen physischen Optimierung des Portfolios garantiert Handelspartner zur Verfügung stehen. Dafür sorgen die Market Maker - Börsenteilnehmer, die sich verpflichten, für alle Produkte verbindliche Kauf- und Verkaufsgebote zu stellen. Dies soll den kontinuierlichen Handel fördern und die Liquidität verbessern. Für beide Marktgebiete wollen diese Rolle Electrabel, Essent Energy Trading sowie RWE Trading übernehmen - E.on Ruhrgas lediglich im Marktgebiet der eigenen Transportschwester. Ferner hätten auch Actogas, EDF Trading und die VNG Verbundnetz Gas starkes Interesse an Market Making bekundet.

Im Markt stoßen die Leipziger Pläne auf positives Echo. Da Produkte aufgelegt werden, die es für Strom seit langem gibt und sich neue Software-Applikationen somit erübrigen, dürfte der Gasbörsenstart abwicklungs- und IT-technisch reibungslos verlaufen. »Ich gehe davon aus, dass es ein Erfolg wird«, sagt Tobias Krause von der BHF-Bank. Gerade für Termingeschäfte sei ein belastbarer Referenzpreis im Spotmarkt wichtig. Etwa drei Jahre werde man brauchen, so Menzel, um »den Markt abzubilden« und einen Referenzpreis mit Signifikanz zu bekommen.

Voraussetzung dafür ist ausreichend Liquidität. Die Autoren von E-Bridge Consulting und Brattle Group haben sich die Entwicklung an den heute stabilsten Hubs angesehen, in Zeebrugge sowie am National Balancing Point in Großbritannien. Sie folgern, dass in Deutschland drei Jahre nach Börsenstart etwa 10 % des physischen Absatzes über die EEX laufen müssten - 100 Mrd. kWh/a.

Erst dann könne von einer stabilen Entwicklung des Handels und einem aussagekräftigen Referenzpreis die Rede sein. Ergo: Die beiden börsenunterstützten Markgebiete seien für einen liquiden Handelsplatz zu klein. So rät das Gutachten zur Ausdehnung der E.on-Region in Richtung BEB, Ontras sowie der südlichen Marktgebiete. Wesentliche physikalische Engpässe, die dem entgegenstünden, sehen die Autoren nicht.

Die Bundesnetzagentur sei dabei, die Marktgebiete weiter zu reduzieren, erklärte Behördenchef Matthias Kurth, »allerdings nicht mit scharfem Schwert«. Man führe Gespräche. Insgesamt seien die Rahmenbedingungen aber günstig. Einen wesentlichen Beitrag dazu habe die BNetzA selbst geleistet: Die Missbrauchsentscheidung gegen das Einzelbuchungsmodell und damit das sukzessive Auslaufen der City-Gate-Verträge wird auch nach Auffassung der EEX mehr Liquidität an den virtuellen Handelspunkten bringen. Zudem führe die Entkopplung von Durchleitung und Erdgas als Handelsprodukt zu größerer Preistransparenz. Gleichwohl seien damit noch lange nicht alle Fallstricke aus dem Weg geräumt, so Kurth: Der physische Gastransport müsse funktionieren, ehe die Börse kommt.

KÖNIGSWEG: WENIGER GEBIETE

Das MVV-Gutachten listet eine Reihe »signifikanter Handelshemmnisse« auf, die nicht nur die Börse, sondern auch den OTC-Handel betreffen. Da sind zum einen überhöhte Netzentgelte bei Transaktionen über Marktgebietsgrenzen hinweg: das so genannte pan-caking. Um das Aufsummieren der Entry- und Exitentgelte der beteiligten Netzunternehmen zu verhindern, sollte ein Kompensationsmodus zwischen den Leitungsbetreibern etabliert werden, empfiehlt Dr. Jens Büchner von E-Bridge. Darüber hinaus wäre eine Harmonisierung aller deutschen Entry-Exit-Entgeltsysteme geboten.

Königslösung wäre freilich die Zusammenlegung der Marktgebiete. Deren hohe Zahl erschwere auch den Bilanzausgleich im Handel, so Büchner. Um die Kosten für Ungleichgewichte in der Energiebilanz zu verringern, sollte daher »wenigstens anfänglich der Bilanz-Zeitraum von einer Stunde auf einen Tag verlängert werden« - so wie in den meisten Nachbarstaaten. Schließlich, so die Gutachter, fehlten einheitliche und transparente Regeln zur Beseitigung »echter physischer Netzengpässe«. Von einem Großteil wird vermutet, dass diese nur vertraglicher Natur sind. So müsse geklärt werden, welche Verträge Vorrang haben.

Für die Entwicklung der Börse entscheidend sei ein geeignetes Engpassmanagementsystem für den Entry nach Deutschland, sagt Dr. Michael Redanz von Essent: »Es ist wichtig, dass nicht nur das Gas, das sowieso schon im Land ist, für Liquidität sorgt, sondern zusätzliche freie Mengen hereinkommen.«

Hans Forster

Erschienen in Ausgabe: 03/2007