Gazprom hält Kurs auf Nord

Markt - Erdgas

Nord Stream 2 - Der russische Gaskonzern Gazprom hält im Norden Kurs auf den Ausbau der Ostseegasleitung, um auf diesem Weg westeuropäische und südosteuropäische Märkte zu bedienen.

30. November 2015

Im Oktober 2015 besuchte Gazprom-Chef Alexej Miller den deutschen Vizekanzler Sigmar Gabriel in Berlin, um für die Ausbaupläne der Gasleitung Nord Stream zu werben. Denn die doppelte Transportleistung von 110Mrd.m3 Gas erfordert in Deutschland mehr Annahmekapazitäten.

Noch im August hatten sich die fünf europäischen Partner und zwei Unternehmen der Gazprom-Gruppe bereits in einer Stellungnahme an die deutsche Vereinigung der Fernleitungsnetzbetreiber Gas dafür ausgesprochen, Nord Stream2 im Szenario-Rahmen des Netzausplanes 2016 zu berücksichtigen.

Auf dem Gegenbesuch in Moskau bekräftigte Gabriel, dass die Leitung im Interesse Deutschlands und Europas sei. Er sprach gegenüber dem russischen Präsidenten Wladimir Putin davon, dass Rechtsfragen in den Händen der deutschen Behörden bleiben sollten, um »die Einflussnahme von außen« zu begrenzen.

Gemeinsam und im Tausch

Am Leitungsausbau in der Ostsee beteiligen sich von europäischer Seite her die österreichische OMV, die deutschen Unternehmen E.on, und Wintershall, die holländisch-britische Shell und Frankreichs Engie (früher GdF Suez). Anfang September hatten sie hierzu mit Gazprom in Wladiwostok das Aktionärsabkommen zum Konsortium Nord Stream2 geschlossen, das für den Bau und den Betrieb der zweiten Ostseegasleitung verantwortlich ist.

Nach Abschluss des Einstiegs in die Projektgesellschaft halten die europäischen Partner je 10%, während Gazprom 50% hält. Geschäftsführer ist wie bei Nord Stream1 Matthias Warnig.

Ganz auf dieser Linie brachten Anfang Oktober BASF und Gazprom ihren Asset-Tausch, auf den sie sich schon vor zwei Jahren geeinigt hatten und der durch die Ukrainekrise ins Stocken geraten war, nun doch noch unter Dach und Fach.

Die BASF-Tochter Wintershall übertrug die Beteiligung an dem gemeinsam betriebenen Erdgashandels- und Speichergeschäft komplett an Gazprom. Gazprom hat zudem 50% an Wintershall Noordzee B.V. übernommen, das sich in der südlichen Nordsee um die Erdöl- und Erdgaserschließung kümmert.

Wintershall baute in der Transaktion sein Förderportfolio in Russland aus und erhielt den wirtschaftlichen Gegenwert von 25,01% an den Blöcken IV und V der Achimov-Formation des Urengoi-Erdgas- und Kondensatfelds in Westsibirien.

Mit OMV ist ein ähnlicher Tausch von Vermögenswerten geplant. Darüber sprachen im Oktober OMV-Chef Rainer Seele und Miller. Sie einigten sich hierbei zunächst über Erdöllieferungen von Gazprom.

Süd via nördlicher Route

Als Zielmärkte hat Miller zusammen mit Deutschland, Frankreich und Italien Österreich im Visier und plant, über den dortigen Gashub Baumgarten den südosteuropäischen Raum mit mehr Gas zu versorgen. Dies sollten ursprünglich vier Stränge der South Stream übernehmen, die von der russischen an die bulgarische Schwarzmeerküste verlaufen sollten.

Doch das Projekt sagte Gazprom im Zug von Ukrainekrise und Sanktionen der EU gegen Russland Ende letzten Jahres ab. Dafür kam die neue Pipeline-Variante Turkish Stream auf die Tagesordnung, die die russische Schwarzmeerküste mit dem westlichen Bosporus der Türkei verbinden soll.

Von vier Leitungssträngen will Gazprom nur noch zwei im Schwarzen Meer verlegen. Diese Entscheidung sei nach dem Aktionärsabkommen zu Nord Stream 2 in Absprache mit den europäischen Partnern erfolgt, so Miller in einem Interview im russischen Fernsehen im Oktober.

Die Jahrestransportleistung von Nord Stream2 werde wie die erste Ostseeleitung 55Mrd.m³ Gas umfassen. »Mit Rücksicht darauf haben wir den gesamten Gasbedarf des europäischen Marktes überprüft, die Gasflüsse analysiert und erkannt, dass momentan keine Notwendigkeit besteht, in südlicher Richtung Gastransportkapazitäten von mehr als 32 Milliarden Kubikmeter im Jahr einzurichten«, rechnete Miller vor.

Ausbau Richtung Jamal

Zur Route von Nord Stream2 erklärte er, dass die Aktionäre entschieden hätten, sie ganz nach Maßgabe der bestehenden Ostseegasleitung zu bauen, da diese sich in der Praxis bewährt habe und höchsten Umweltstandards entspreche.

Nur der Ausgangsort an der russischen Ostseeküste ist Miller zufolge ein anderer. Befindet sich dieser bei Nord Stream1 bei Wyborg nördlich von St.Petersburg, ist für die beiden neuen Stränge Ust Luga westlich der Ostseemetropole als Start geplant. Anlanden sollen sie wieder in Lubmin bei Greifswald.

Ust Luga ist zudem als Standort für ein Werk zur Gasverflüssigung im Gespräch, das über eine Produktionskapazität von 10Mio.t LNG im Jahr verfügen soll. Hier bemüht sich Gazprom, Shell als strategischen Investor zu gewinnen.

Um vom gigantischen Vorkommen Bowanenkowo auf der Jamal-Halbinsel im russischen Norden Gasmengen für Nord Stream2 bereitstellen zu können, baut der Gaskonzern den Transportkorridor dorthin aus. Bis 2019 sollen die Gasleitungen Bowanenkowo-Uchta2 und Uchta-Torschok2 fristgerecht fertig sein, erläuterte Miller auf einer Konferenz in Uchta im Oktober.

Wenige Tage darauf gab Präsident Putin den Startschuss für den Bau von Uchta-Torschok2. Die Transportkapazität ist auf 45Mrd.m3 Gas pro Jahr veranschlagt. Acht Verdichterstationen sollen an der 970km langen Strecke eingerichtet werden, die zusammen eine Leistung von 689MW aufweisen.

Im Mai 2012 ging der erste Leitungsstrang von Bowanenkowo-Uchta in Betrieb, der sich auf etwa 1.400km erstreckt. Ein zweiter Leitungsstrang ist geplant. Die Rohre können nach Angaben des Bauunternehmens Stroygazmontazh das doppelte Gasvolumen im Jahr durchleiten 70Mrd.m3/a weil sie auf einen höheren Druck ausgelegt sind.

Alle an Nord Stream2 beteiligten Unternehmen gehen davon aus, dass die Gasförderung in Europa abnimmt und deswegen der Ausbau in der Ostsee nötig ist. Gegenwind kommt aus Polen, dem Baltikum, der Ukraine und Slowakei.

Entweder prangern sie die Abhängigkeit von Russland an oder verweisen auf hohe Verluste, die durch weniger Transitmengen über die Ukraine drohen. Auch Gabriel erinnerte Putin daran, dass die Transitrolle der Ukraine insbesondere nach 2019 geklärt werden muss.

Prüfung durch EU

Die europäische Kommission soll genau prüfen, ob Nord Stream2 mit Europas Energiepolitik und Wettbewerbsrecht vereinbar ist, war laut Agenturberichten auf einer Konferenz im lettischen Riga im November zu hören. Das Hin und Her über den Nutzen der gesamten Kapazitäten der Nord-Stream-Anschlussleitung Opal in Deutschland ist zudem ein Stolperstein für den geplanten Ausbau in der Ostsee. Der Fund einer Minenjagddrohne nahe der Ostseegasleitung scheint dagegen weniger bedrohlich zu sein.

Dr. Josephine Bollinger-Kanne

Erschienen in Ausgabe: 10/2015