Gebündeltes Know-how

Titel

Biogas Der Bremer Energieversorger swb setzt auf Nachhaltigkeit. Nach dem 100-%-Einstieg der EWE AG werden die Aktivitäten im Bereich regenerative Energie gebündelt. Neben der Windkraft hat man insbesondere das Thema Biogas im Fokus. Derzeit sind bei swb drei Anlagen in Bau oder in Planung.

09. April 2010

Was den eigenen Kraftwerks- und Anlagenpark angeht, hat sich der Bremer Energieversorger swb bis zum Jahre 2020 klare Ziele gesetzt. Das Ganze lässt sich auf den Nenner ›20/20/20‹ bringen und korrespondiert mit der gängigen EU-politischen Stoßrichtung: 20% CO2-Einsparung, 20% Steigerung der Energieeffizienz und 20% Energie aus erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2020.

Das Wachstumsfeld erneuerbare Energien wird seit Jahresbeginn als eigenständiges Ressort innerhalb des swb-Vorstands geführt. Dr. Thomas Neuber, Vorstand Beschaffung und Produktion bei der EWE AG in Oldenburg, steht nun auch als viertes Mitglied im Vorstand der swb AG dem Ressort vor. Ende Oktober 2009 hatte EWE ihren Anteil an swb auf 100% minus eine Aktie aufgestockt. Dr. Neuber soll das strategische Wachstumsfeld erneuerbare Energien – Wind, Wasser, Biogas und Sonne – gestalten. »Diese Entscheidung ist aus swb-Sicht sehr erfreulich, weil es ein klares Bekenntnis zu unserer Nachhaltigkeitsstrategie ist«, betont der Vorstandsvorsitzende der swb AG Dr. Willem Schoeber.

Die Zusammenarbeit von swb und EWE auf dem Gebiet der ›Erneuerbaren‹ ist bereits angelaufen. Die strategische Konzeption sowie die dazugehörige Ausgestaltung soll bis Mitte 2010 entwickelt sein. Dazu gehört unter anderem auch die Definition der Schnittstelle zwischen den Biogas-Aktivitäten und den technischen Dienstleistungen.

Hohe Geschwindigkeit

Dr. Neuber erläutert die Strategie wie folgt: »Um auf unserem eingeschlagenen Weg mit hoher Geschwindigkeit weiter voranzuschreiten, ist der direkte Austausch zwischen und innerhalb der Vorstände der EWE und der swb der beste und direkteste Weg zum Ziel«.

Neben der regenerativen Energieerzeugung aus Photovoltaik und Wind setzt man zunehmend auf Biomasse. So sind momentan drei Biogas-Projekte im Bau beziehungsweise in der Planung. Ende Oktober 2009 begann man in Halle/Westfalen mit der Errichtung der Gärbehälter einer neuen 1,4-MW-Biogasanlage mit einer jährlichen Gesamtleistung von rund 30 Mio.kWh. In Weyhe bei Bremen ist man schon einen Schritt weiter. Die Inbetriebnahme ist dort für April 2010 geplant.

Bei der in Schwarme geplanten dritten Anlage befindet man sich derzeit in den Bietergesprächen. In Halle und Schwarme ist eine Direkteinspeisung von aufgereinigtem Biogas in das Erdgasnetz vorgesehen. Beide Anlagen erzeugen rund 700m³/h Rohgas, umgerechnet 1,4MWel. »Ab dieser Menge rechnet sich die Aufbereitung«, sagt Wim Hahn, zuständiger Bereichsleiter bei swb Services. Viel größere Anlagen wolle man auch gar nicht realisieren, denn die Substrate sollen aus einem Umkreis von 20km kommen. »Lange Anfahrtswege halten wir für kontraproduktiv im Sinne einer positiven Ökobilanz«, betont Hahn.

In der Anlage Weyhe setzt man auf Biogasproduktion mit Direktverstromung in das öffentliche Netz. Mit den 500kW an erzeugter Wärme wird der örtliche Bedarf fast vollständig gedeckt. Eine Schule und ein Schwimmbad nehmen die Wärme ganzjährig ab. »Das Wärmekonzept ist so auf die individuellen Kundenbedürfnisse abgestimmt«, sagt Hahn. Zudem fragen die Kunden im Contracting verstärkt nach regenerativen Energien. »Das greifen wir auf und setzen dabei auf eine Wertschöpfung von Anfang an.« Um unabhängig von Lieferanten zu sein, übernimmt man die Produktion, Aufbereitung und Vermarktung von Biogas in Eigenregie.

Bei swb verfolgt man die Strategie neue Anlagen ausschließlich mit nachwachsenden Rohstoffen zu betreiben. Man hat sich unter anderem für diesen Weg entschieden, da man so den vollen Bonus für nachwachsende Rohstoffe nutzen kann.

Im Geschäftsfeld Biogas setzt man auf Wachstum: Pro Jahr sollen zwei neue Anlagen in Betrieb genommen werden. Mittlerweile kümmert sich ein eigenes Mitarbeiter-Team ausschließlich um dieses Thema.

Drei Faktoren sind wichtig

Hat man ein neues Projekt im Visier, müssen laut Hahn immer drei Faktoren zusammenkommen: der Standort, die mögliche Gasleitung für die Einspeisung und vorhandene Rohstoffe in der Region. Das derzeit viel diskutierte Biogas-Einspeisegesetz hält er nicht für erforderlich: »Wir haben einen strategischen Vorteil, da wir einen eigenen Absatzweg für das eingespeiste Biogas beispielsweise im BHKW haben. Darüber hinaus können wir den Wärmebedarf bei unseren Contracting-Kunden umweltfreundlich abdecken.« swb bilde somit die gesamteWertschöpfungskettebiszumEndkunden ab, betont der Bereichsleiter.

Erweiterter Biogas-Einsatz

Geht es nach dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) sollen sich die Einsatzchancen von eingespeistem Bioerdgas sogar noch verbessern. Das ›Integrierte Energie- und Klimaprogramm‹ (IEKP) der Bundesregierung sehe bis zum Jahr 2020 einen Bio-Erdgasabsatz in Deutschland von etwa 6 bis 10 Mrd. m³ vor. Um diese Ziele im Sinne des Klimaschutzes zu erreichen, ist laut dem BDEW ein verbesserter gesetzlicher Rahmen notwendig. Alle erneuerbaren Energieträger müssten aufgrund ihrer neutralen CO2-Bilanz im Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz gleichbehandelt werden. So sei es auch notwendig, dass Bio-Erdgas auch in Brennwertkesseln zum Einsatz kommen dürfe.

Neben Biomasse spielt auch das Geschäftsfeld Wind für swb eine »ganz wichtige Rolle«. Dafür gründete man eigens die Gesellschaft swb Crea, um schnell und flexibel am Markt zu sein. Ziel ist es, bestehende Standorte mit leistungsfähigeren Anlagen zu bestücken und intensiv neue Standorte zu eruieren.

Derzeit entwickelt und projektiert swb Crea verschiedene, kleinere Parks, darunter zwei Anlagen mit je 2 MW im Bremer Industriehafen. Das bislang größte Projekt ist der 30-MW-Windpark im brandenburgischen Märkisch-Linden.

Auch die Vermarktung ist hier bereits gesichert: Kürzlich unterschrieb man mit der Deutschen Bahn einen über 19 Jahre laufenden Abnahmevertrag über die gesamte Stromproduktion des Windparks.

swb Crea-GeschäftsführerWerner Gerke ist für die Zukunft optimistisch: »Unser ehrgeiziges Ziel ist, die Kapazitäten für Erzeugung elektrischer Energie aus Windanlagen bis 2020 auf 350 Megawatt auszubauen.«

>INTERVIEW

»Gesunde Unabhängigkeit vom Handel«

Jens-Uwe Freitag, seit 1. November 2009 Geschäftsführer der swb Erzeugung, zum Stand des Verfahrens des geplanten GuD-Kraftwerks in Bremen, zur Nachhaltigkeitsstrategie von swb und zu seinen persönlichen Zielen.

es: Welche Gesamtstrategie in der Erzeugung verfolgen Sie bei swb?

Wir konzentrieren uns auf eine Modernisierung der Erzeugung, um die Effizienz zu steigern und um den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Dies beruht auf einem Brennstoffmix von Kohle und Gas, in dem sich der Anteil der regenerativen Energien maximal entfalten kann. Hier besteht auch ein wichtiger Baustein in der effizienten Nutzung von Abfall als Brennstoff.

es: Sie planen am Standort Mittelsbüren eine GuD-Anlage mit 420 bis 460 MW. Was ist der aktuelle Stand?

Wir sind in intensiver Vorbereitung. Die Genehmigungsunterlagen sind eingereicht und die Verhandlungen mit Lieferanten und potenziellen Partnern laufen. Bis Mitte des Jahres soll die Genehmigung für den Betrieb vorliegen und anschließend eine endgültige Bauentscheidung gefällt werden. Läuft alles wie geplant, kann die Anlage 2013 in Betrieb gehen.

es: Wie sehen Sie die konkreten Realisierungschancen?

Die Realisierungschancen sind gut. Eine endgültige Entscheidung erfolgt nach Vorlage aller Daten.

es: Wie passt das Projekt in Ihre Erzeugungsstrategie?

Eine neue GuD-Anlage mit ihrem hohen Wirkungsgrad passt sehr gut in unsere Nachhaltigkeitsstrategie. Zudem ist ein solches Kraftwerk die passende Ergänzung zu regenerativen Energien, weil es flexibel – ganz nach den Anforderungen des Markts – eingesetzt werden kann.

es: Dennoch müssen CO2-Zertifikate besorgt werden. Welche Rolle spielt der Emissionshandel?

Der CO2-Emissionshandel ist bei wettbewerbsfähiger Anwendung das geeignetste Instrument CO2 dort einzusparen, wo es am effizientesten realisiert werden kann. Dies führt zum Anreiz in Investitionen zur Effizienzsteigerung durch den Bau neuer Anlagen, dem Repowering älterer Anlagen oder der Stilllegung ineffizienter Bereiche.

es: Eine weitere Herausforderung ist die Versorgung mit Erdgas. Wie stellt sich die Situation hinsichtlich der Versorgungssicherheit aus Ihrer Sicht dar?

Grundsätzlich ist eine Gasversorgung als gesichert anzusehen. Hier gibt es eine gewisse Abhängigkeit zwischen Lieferanten und Verbraucher. Trotz aller Sicherheit existieren politische und marktwirtschaftliche Situationen, in denen insbesondere eine wirtschaftliche Versorgung kritisch sein kann. Deshalb ist es wichtig, die Stromerzeugung aus einem Energiemix bereitzustellen. Hier sind wir gut aufgestellt.

es: Welche Bedeutung hat die Eigenerzeugung für Energieversorger heute generell? Wie hat sich diese verändert?

Eine effiziente Eigenerzeugung ist ein wesentlicher Wert in der Wertschöpfungskette der Energievermarktung und ein Kerngeschäft der swb. Ein Rückblick auf die letzten zehn Jahre der Liberalisierung zeigt, dass gesunde Unabhängigkeit vom Stromhandel und ein hohes Know-how in der Erzeugung die Abhängigkeiten reduziert, bei erhöhter Sicherheit und Flexibilität.

es: Sie haben in verschiedenen Positionen Erfahrung in der Energieerzeugung gesammelt, zuletzt als Gesamtprojektleiter im Neubaubereich der E.on Kraftwerke. Wie fällt Ihr Resümee nach den ersten 100 Tagen bei swb aus?

Ich bin überzeugt vom Potenzial des Unternehmens. Ich erlebe das Unternehmen als mit beiden Beinen auf dem Boden stehend und gut gerüstet für die Zukunft.

es: Was sind Ihre persönlichen Ziele?

Ich möchte die Erzeugungskapazitäten hier bei swb auf eine zukunfts- und wettbewerbsfähige Basis stellen und wichtige und innovative Projekte wie den Bau von neuen Kraftwerkskapazitäten und die Erneuerung der bestehenden Anlagen vorantreiben. (mn)

Erschienen in Ausgabe: 2-3/2010