»Gefühltes Risiko höher als reales«

Technik/Kohlendioxid

Interview - - Das Gesetz zur Abtrennung und Speicherung von CO2 (CCS) ist verschoben. Professor Andreas Dahmke von der Kieler Universität über Sicherheit und Alternativen.

08. September 2009

Es gibt momentan keine Alternative zu CCS. Für die nächsten zehn bis 30 Jahre wird die Kohle ein maßgeblicher Energieträger bleiben: Zum einen werden wir es in Deutschland nicht schaffen, die Energiepolitik in China und Indien zu bestimmen. Global gesehen stehen uns somit keine Mittel zur Verfügung, die Nutzung der Kohle zu verhindern.

es: Und zum anderen?

Bezogen auf Deutschland ist zu berücksichtigen, dass mit einem Ausstieg aus der Kohleverstromung der Verlust von sehr vielen Arbeitsplätzen verbunden wäre. Zudem gibt es in Deutschland außer der Kraftwerksbranche eine Reihe von CO2-produzierenden Industriezweigen. Die Zement-, die Stahl- und die chemische Industrie machen in Deutschland etwa zehn Prozent aus.

es: Welche Gründe gibt es dafür, dass die CCS-Technologie hierzulande nur so zögerlich umgesetzt wird, von der unsicheren Gesetzeslage einmal abgesehen?

Technologische Gründe gibt es nicht, sondern die hauptsächlichen Gründe liegen in der Tat in einer mangelnden politischen Durchsetzung zum einen und in einer fehlenden Akzeptanz dieser Technologie durch die Bevölkerung zum anderen. Das Thema wurde lange Zeit instrumentalisiert. Was die derzeitigen Bedenken in der Bevölkerung anbelangt, die sich in Form von Bürgerprotesten artikulieren, so steht das gefühlte Risiko in gar keinem Verhältnis zum tatsächlich vorhandenen Risiko.

es: Die Bürgerproteste gegen die CCS-Technologie bezogen sich ja hauptsächlich auf die geplante Einrichtung unterirdischer Speicherstätten. Welche Risiken könnten aus Ihrer Sicht auftreten?

Es gibt Risiken während der CO2-Injektion. Wird Kohlendioxid als Flüssigkeit verpresst, erhöht sich der Lagerstättendruck um drei bis fünf bar. Man muss bei der Injektion darauf achten, dass es zu keiner Kontamination von Trinkwasserreservoirs kommt. Dies lässt sich dadurch verhindern, dass man den Lagerstättendruck nicht zu groß werden lässt und zum anderen die Leckageraten möglichst klein hält. Die Gefahr, dass CO2 an die Erdoberfläche gelangt, ist relativ gering. Denn die Leckageraten sind so klein, dass dies nahezu ausgeschlossen ist.

es: Welche möglichen Sicherheitsrisiken könnten denn beim Transport auftreten und wie ließen diese sich eindämmen?

Sicherheitsrisiken sind ähnlich wie beim Transport von Erdgas vorhanden. Wir werden in Deutschland aber nicht darum herumkommen, eine geeignete Infrastruktur für den CO2-Transport aufzubauen Der Pipeline-Transport ist demjenigen durch Lastwagen in jedem Fall vorzuziehen. Hauptsächlich besteht hier als Risiko die Möglichkeit, dass das Gas bei einem Pipeline-Transport austreten und sich als Schweregas ausbreiten könnte. Es gibt aber mittlerweile genügend Monitoringtechniken, die dafür sorgen, dass dies nicht passiert. Aufgrund eines sehr engmaschigen Monitoringsystems ließe sich eine weitflächige Gefährdung der Bevölkerung verhindern.

es: Was könnte man noch tun?

Man könnte durch Hinzunahme von entsprechenden Regelmechanismen dafür sorgen, dass nicht unbegrenzt viel CO2 austritt. Und zwar indem man sich die bereits vom CH4-Transport bekannten Techniken nutzbar macht. Die für diesen geltenden Sicherheitsstandards müssten dann entsprechend für den CO2-Transport modifiziert werden.

es: Welche Möglichkeiten einer CO2-Weiternutzung gibt es?

Massenmäßig ist die Weiternutzung keine wirkliche Alternative zur Speicherung. Aber es gibt derzeit in der Tat im Wesentlichen drei relevante Forschungsansätze zu diesem Thema.

es: Und die sind?

Zum einen wird untersucht, inwieweit sich das Gas in Kunststoffe einbringen ließe. Auch an der Weiternutzung per Pflanzen- oder Algenproduktion wird sehr intensiv geforscht. An dritter Stelle wäre die Reaktion von Kohlendioxid mit Wasserstoff zu nennen. Dabei entsteht Kohlenwasserstoff, also Treibstoff. Da derzeit eine Energielücke bei Treibstoff besteht, ist diese Weiternutzung zwar nicht klimapolitisch, wohl aber energiepolitisch von Interesse.

es: Warum wird sie nicht verwirklicht?

Die momentanen Gründe dafür, dass diese Weiternutzungsoption nicht zustande kommt, liegen darin, dass das Öl derzeit noch recht günstig ist. Zudem ist der Rohstoff CO2 momentan noch nicht vorhanden und es gibt noch nicht genügend Offshore-Windparks, die genügend H2 produzieren würden.

Anette Weingärtner

Erschienen in Ausgabe: 09/2009