Geld verdienen mit Smart Metering

Management/Messung

Studie - Smart Meter sind in Kombination mit neuen Tarifen und Produkten für EVU interessant. Experten raten zum flächendeckenden Rollout.

05. Oktober 2009

»Versorger müssen sich durch eigene Analysen und Konzepte in die Lage versetzen, ab dem 1.1.2010 die gesetzlichen Anforderungen im Messwesen zu erfüllen und zugleich die Chancen der weiteren Marktentwicklung zu nutzen«, sagt Andreas Gnilka, Geschäftsführer der LBD Beratungsgesellschaft. Das Unternehmen hat im Auftrag der EVB Energie AG und Diehl Energy Solutions die Studie ›Smart Metering – Erfolgreich durch Prozesseffizienz und Produktinnovation‹ erstellt. Gnilka ist davon überzeugt, dass wenn die Branche die Vorgaben nicht von selbst umsetzt, der Gesetzgeber aktiv werden wird. »Aufgrund des starken politischen Willens zur Einführung elektronischer Zähler gehen wir davon aus, dass gegebenenfalls über weitere Festlegungen nachjustiert wird.«

Der LBD-Geschäftsführer rechnet bis 2017 mit »einer nahezu vollständigen Marktdurchdringung«.

Die Bundesnetzagentur werde in diesem Jahr, so Gnilka, zwar keine Aussagen zu inhaltlichen und funktionalen Standards machen, jedoch würden »Mindestanforderungen an den Umfang der im Rahmen des regulären Entgelts für Messstellenbetrieb und Messung bereitzustellenden Funktionen und Daten« kommuniziert werden. Denn je rascher und vollständiger die Unklarheiten bei Standards, Verträgen, Prozessen oder Anerkennung der Kosten beseitigt werden, desto schneller werde es zu einem flächendeckenden Rollout kommen.

Die Studie rechnet einen Deckungsbeitrag in Höhe von rund 54 € pro Zähler und Jahr aus und das bei durchschnittlichen jährlichen Kosten von 43 € pro Smart Meter. Die Autoren stellen ganz klar fest, dass Smart Metering keine Lösung ist, die nur die Technik betrifft. Es sei vor allem der Vertrieb, der Deckungsbeiträge generieren muss – und kann. »Ohne die Entwicklung neuer Tarife und Produkte wird kein wirtschaftlicher Messstellenbetrieb mit digitalen Zählern möglich sein«, heißt es dort. Zukünftig habe nur das EVU am Markt Chancen, das eine klare Vertriebsstrategie habe und bei dem alle damit zusammenhängenden Prozesse automatisiert ablaufen. Die Wirtschaftlichkeit von Smart Metering stellt sich laut Studie dann zwangsläufig fast von selbst ein – und zwar durch eine gesteigerte Prozesseffizienz.

Sparpotenzial bei Ablesung

Bei den Einsparungen zeigen sich deutliche Spannbreiten. So liegt das größte Potenzial im Ablesungsprozess: Hier lassen sich die Kosten pro Jahr und Zähler zwischen 1,20 und 12€ reduzieren. Im Forderungsmanagement, bei der Sperrung und Entsperrung sowie bei der Leerstandsüberwachung bieten sich Einsparmöglichkeiten von bis zu 75 %.

Die LBD-Experten empfehlen den EVU sich zuvor ausführlich mit der Kundenstruktur zu beschäftigen, denn für den Erfolg sei »der echte Kundennutzen entscheidend«. Vier Gruppen sind laut einer Analyse des Instituts ISOE für die neue Zählertechnik besonders empfänglich: ›Jüngere Singles, Doppelverdiener ohne Kinder‹, ›Familien mit Kindern im modernen Mainstream‹, ›ältere Aufgeschlossene in der postfamiliären Phase‹ sowie ›ökologisch Sensibilisierte‹. Die Studie stellt die Nutzenerwartungen dieser Kunden möglichen Tarif- und Produkten gegenüber. Wie in einem Baukasten ließen sich systematisch aus den Eigenschaften Tarifmodelle und Produkte zusammenstellen, die genau auf bestimmte Kundensegmente und Nutzenerwartungen zugeschnitten sind.

Experten sind sich einig, dass ein wichtiger Zeitpunkt die Einführung von zeit- und lastvariablen Tarifen ist, die zum 30.12.2010 Pflicht wird. Für den Vertrieb ist hier ein wirtschaftlicher Vorteil drin, wenn sich durch die resultierende Lastverschiebung die Beschaffungskosten verringern. Die EnergieAgentur NRW schätzt den Anteil der verschiebbaren Energiemenge je Haushalt auf rund 20 bis 25 %. Laut Studie lässt sich ein Beschaffungskostenvorteil von 7 bis 14 € pro Jahr und Kunde realisieren.

Voraussetzung für den Erfolg sind laut Gnilka neben »Tarifen mit entsprechend starken Anreizen zur Lastverschiebung für die Letztverbraucher«, auch die Ablösung des Standardlastprofils durch gemessene Profile. Die Vertriebe seien hierbei auf die Kooperation der Netzbetreiber angewiesen.

Der LBD-Geschäftsführer betont, dass Energieversorger grundsätzlich die strategische Entscheidung treffen müssen, ob sie nur die Commodity Energie verkaufen wollen oder zusätzliche Produkte. Geschäftsansätze könnten hier die Verknüpfung weiterer Geschäftsfelder bieten, wie Verkehr (Elektroautos) mit Smart-Metering-/Home-Automation-Produkten oder integrierte Angebote über alle Energiearten, in Verbindung mit Sub-Metering/Kooperation mit Hausverwaltungen und Wohnungsgesellschaften.

Wichte EinführungsPhase

Eine wichtige Hürde, die es zu nehmen gilt, ist die Einführungsphase. Laut Experte Gnilka kommen »die potenziellen Deckungsbeiträge erst nach einiger Zeit voll zum Tragen«. In der Übergangsphase könnten die Kosten deutlich über den Erlösen liegen. Maßgeblicher Kostentreiber seien neben der Effizienz der Leistungserbringung, die Hardware der Zähler und Kommunikationseinrichtungen. Gnilka beziffert die kritische Größe eines Rollout mit 10.000 Smart Metern. Bei geringeren Anzahlen oder starker Streuung im Netzgebiet stiegen die spezifischen Betriebskosten deutlich an.

Dies sieht auch Rolf Benken so. Der Vorstand der EVB Energie empfiehlt einen möglichst flächendeckenden Rollout im jeweiligen Netzgebiet: »Eine große Zahl von Zählern kann nur strassenzugweise in kurzer Zeit verbaut werden. Ein Nebeneinander von manueller Ablesung und Smart Metering ist erheblich teurer, auch für den Endkunden.« Benken betont, dass die Systeme bestimmte Standards erfüllen müssten: sie sollten kommunizierend, bidirektional und interoperabel sein. Nur so könne ein Anbieter allen Kunden neue Dienstleistungen und Produkte anbieten.

Als spezielle Lösung für EVU hat EVB jetzt den ›Smart Meter Operator‹ im Angebot. Dieser umfasst die Hardware (inkl. Inbetriebnahme), den Zählerwechsel, die IT-Systeme (mit Hard- und Software sowie Personal), die Kommunikation (inkl. aller Geräte und Verbindungskosten) sowie einen Field Service. Die jährlichen Kosten betragen 36€ pro Zähler, die Vertragslaufzeit acht Jahre. Bedingung ist ein Voll-Rollout im Netzgebiet oder eine Mindestanzahl von 10.000 Zählern.

EVB-Vorstand Benken rät die notwendigen Schritte jetzt zu tun. Kosten seien nur dann entscheidend, wenn kein zusätzlicher Nutzen entstehe. Wichtig sei zu überlegen: »Was passiert, wenn ich etwas nicht tue.« Eventuell haben dann schon andere das Geschäftsfeld besetzt.(mn)

Erschienen in Ausgabe: 10/2009