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Titelstory

Rollout - Mit Verabschiedung des Messstellenbetriebsgesetzes haben Stadtwerke eine klare Zeitvorgabe. Für kleine und mittelständige Unternehmen sind dabei Kooperationen und Partner auf Augenhöhe wichtig. Nur wenn alle Räder ineinander greifen, lässt sich Strecke machen.

12. Dezember 2016

Der Countdown läuft: 36 Monate haben Energieversorger Zeit, um die verbindliche Mindest-Umbau-Quote an modernen Messeinrichtungen (mME) und intelligenten Messsystemen (iMSys) von zehn Prozent zu erreichen. Für den Einbau der mME gilt: Sobald der Energieversorger die Grundzuständigkeit anzeigt oder übernimmt, startet die Stoppuhr.

Etwas anders sieht es bei den intelligenten Messsystemen aus: Sobald die technische Verfügbarkeit der Gateways gegeben ist, beginnt hier der Countdown. Schafft es das Stadtwerk nicht innerhalb des gesetzlich vorgegebenen Zeitrahmens, droht der Verlust des eigenen Messstellenbetriebs.

Die technische Verfügbarkeit tritt ein, wenn drei zertifizierte Messsysteme am Markt sind. »Nach unserer Erwartung wird dies innerhalb des dritten Quartals 2017 gegeben sein«, so Co.met-Geschäftsführer Peter Backes.

Für Stadtwerke, die mit ihrer Rollout-Vorbereitung noch ganz am Anfang stehen, bedeute dies, dass ihnen noch etwa 18 Monate verbleiben, um alle Vorbereitungsmaßnahmen für den regulären iMsys-Betrieb zu planen, zu organisieren und umzusetzen. »Denn spätestens Mitte/Ende 2018 sollten schon die ersten Messsysteme produktiv ins Feld kommen, damit die Zehn-Prozent-Marke bis Ende 2020 nicht gerissen wird.«

Orientierungsphase

Während die großen Verteilnetzbetreiber sich schon früh mit dem Thema auseinandergesetzt haben und relativ gut vorbereitet starten, sieht die Situation bei den kleinen und mittelständischen Werken anders aus, berichtet Backes.

»Die Mehrheit der KMU-Werke steht gerade am Anfang einer Orientierungsphase, in der bis Anfang 2017 unter anderem die traditionellen MSB-Prozesse genau analysiert und nicht selten auch hinterfragt werden müssen«, so Backes. Das führt zu einem hohen Informationsbedarf.

Co.met unterstützt diesen mit Angeboten zum Erfahrungsaustausch und Wissenstransfer: »Mit unserem Metering Forum haben wir gezielt dieses Thema angesprochen.« Nun setze man mit Rollout-Workshops für Projektleiter und Techniker diese Bemühungen fort (siehe Kasten).

»Was vielen in dieser Orientierungsphase nicht bewusst ist: Es kommt nicht– oder nicht nur– darauf an, ein Werkzeug zu beschaffen. Mit der Software und den IT-Systemen alleine ist es nicht getan«, sagt Co.met-Vertriebsleiter Sascha Schlosser. »Die kleinen und mittelständischen Stadtwerke wollen jemanden haben, der ihnen neben dem Werkzeug auch zur Seite steht, das neue Handwerk zu erlernen und umzusetzen.«

Komplexes Thema fordert Partner

»Aufgrund der Fülle an zu bewältigenden Aufgaben und der gesetzlichen Preisobergrenzen ist die wirtschaftliche Umsetzung des Smart-Meter-Rollouts im Alleingang für kleinere Werke de facto unmöglich«, sagt Andreas Gnilka, Geschäftsführer der LBD Beratungsgesellschaft.

Ein Großteil der Fragen, die sich im Rahmen der Rollout-Vorbereitung ergeben, sind für alle Stadtwerke gleich. Daher sei es am effizientesten, diese Aufgaben gemeinsam zu bewältigen und dabei von den Erfahrungen aller Partner zu profitieren. »Für die erfolgreiche Umsetzung des Smart-Meter-Rollouts sind Erfahrungsaustausch, Kostenteilung und Kooperation das A und O.«

»Die Qualität der alltäglichen Zusammenarbeit stellt ein überaus wichtiges Kriterium bei der Anbieterauswahl dar«, so Backes. Wichtig sei ein Ansprechpartner auf Augenhöhe, der das MSB-Handwerk der alten und der neuen Welt spartenübergreifend versteht. »Ein Partner, der durch seine Erfahrung im Messwesen das Stadtwerk auf gegebenenfalls nicht offensichtliche Effizienz- und Synergie-Potenziale hinweisen kann und dabei die Sprache der Stadtwerke spricht.«

Neben dem Preis und der Kompetenz des Dienstleisters muss der Dienstleister ein zu den individuellen Bedürfnissen des Stadtwerkes passendes Leistungspaket bieten, erläutert Gnilka. »Die genaue Leistungsaufteilung zwischen Auftraggeber und Dienstleister sollte partnerschaftlich abgestimmt werden.«

Viel Pionierarbeit

Ein Anbieter in diesem Umfeld ist Co.met. Das Schwesterunternehmen der Stadtwerke Saarbrücken Netz (SW-Netz) ist zu 100 Prozent kommunal. Seit 2001 betreut der Messstellenbetreiber und Messdienstleister 240.000 Messstellen in Saarbrücken. Bundesweit unterstützt er rund 400 EVU-Kunden im Bereich des Messwesens und wird bis Ende 2016 für die Gateway-Administration (GWA) zertifiziert sein.

»Als Stadtwerke-Tochter kennen wir die Mentalität und Vorgehensweise der Werke«, so Schlosser. »Im Kontext des intelligenten Messstellenbetriebs haben wir viel Pionierarbeit geleistet«, führt er aus. »Wir waren zum Beispiel die ersten, die eine Live-Demo der GWA auf der E-world gezeigt haben und wir waren die ersten, die ein Rollout-Handbuch herausgebracht haben.«

Im Laufe der letzten vier Monate konnte das Unternehmen acht Pilotverträge im Rahmen seines Smart Energy Network (SEN) abschließen. SEN ist ein modulares Lösungsangebot auf Grundlage einer cloud-basierten Software. Die Dienstleistungen reichen von Planung, Finanzierung, Logistik bis zu Beratung oder der kompletten Übernahme der Gateway-Administration.

Den direkten Praxisbezug zu Smart-Meter-Piloten hat der Dienstleister auch durch das Rollout-Projekt Kolumbus, das er mit seiner Schwester SW-Netz umsetzt. Im Saarbrücker Netz sind bis 2028 mindestens 10.000 Zählpunkte mit iMSys, alle übrigen Zählpunkte mit mME auszustatten. Seit März 2016 arbeiten 50 Mitarbeiter in 14 Teilprojekten daran, die gesetzlichen Anforderungen umzusetzen, Chancen zu identifizieren und effiziente Prozesse zu etablieren.

»Chancen bestehen in der Straffung der Prozesse und der Identifikation einer erlös- und kostenoptimierten Rollout-Strategie«, erläutert Eric Herud von Co.met, einer der beiden Projektleiter. Dabei komme dem zeitlichen Ablauf des Umbaus der Messungen eine wichtige Bedeutung zu. »Darüber hinaus lassen sich über Messsysteme Mehrwertdienste und Zusatzleistungen anbieten.«

Themenvielfalt aufgegliedert

Das Projekt ist zunächst auf mindestens drei Jahre ausgelegt. In dieser Zeit wollen die Partner zehn Prozent der gut 130.000 Stromzähler durch moderne Messeinrichtungen ersetzen und rund 1.000 der Zähler zu iMSys umrüsten. »Eine partnerschaftliche Zusammenarbeit ist sehr wichtig«, so Herud. »Wir haben dem mit gemischt besetzten Teilprojekten Rechnung getragen.«

Die Teilprojekte gliedern sich unter anderem in die Themen Business Case, Beschaffung sowie Software und Systeme. Auch beschäftigen sich die Mitarbeiter mit Risikomanagement, Abrechnung, Kundenkommunikation, Regulierungsmanagement und Vertragswesen, der Netzsteuerung und der Zertifizierung des Informationssicherheitsmanagementsystems.

So legen etwa im Teilprojekt Business Case die beteiligten Mitarbeiter die Rollout-Strategie kaufmännisch fest, erläutert Herud. Das beinhaltet neben dem Bestimmen der ergebnisoptimierten Roll-Out-Zeitpunkte die Entwicklung von Finanzierungs- und Beschaffungsstrategien in Abstimmung mit weiteren Teilprojekten.

Das Projekt Kommunikation bezweckt, dass die Stakeholder des Projekts diesem gegenüber positiv eingestellt sind. Im Kern steht eine Informationskaskade, die Kunden, deren Messgerät umgerüstet werden soll, rechtzeitig und angemessen über die Hintergründe informiert.

Inventarisierungs-App

Derzeit befindet sich Kolumbus noch in der Konstitutionsphase. Die Teilnehmer sind auf die Projektmanagementstandards geschult worden und die Teilprojektleiter haben ihre jeweiligen Handlungsfelder im gesetzlichen Kontext analysiert und Ziele und Meilensteine je Teilprojekt formuliert.

Ein erster Meilenstein im Projekt Kommunikation ist beispielsweise, dass die Stakeholderanalyse abgeschlossen ist. Es ist also identifiziert, wer die Stakeholder im Projekt sind, wie diese dem Projekt gegenüber eingestellt sind und welchen Informationsbedarf sie haben.

Darauf aufbauend wird für die einzelnen Stakeholder ein mehrstufiges Kommunikationskonzept erarbeitet, was gleichzeitig der zweite Meilenstein ist. Ein weiterer Meilenstein besteht darin, die Maßnahmen des Kommunikationskonzeptes umzusetzen. Zu diesen gehören unter anderem Rufnummern einzurichten, das Personal zu schulen, FAQ zu erarbeiten und einen Infobereich in Intra- und Internet einzurichten.

»Die Erfüllung der bereits im MSBG genannten Informationspflichten sind Meilensteine anderer Teilprojekte«, so Herud weiter. So fällt die Erarbeitung der Preisblätter nach Preisobergrenze inklusive Zusatzleistungen in das Projekt Business Case, während die Abrechnung eben dieser Leistungen in das Projekt Abrechnung fällt.

Im Rahmen von Kolumbus setzen die Partner auch eine App ein, mit der Stadtwerke im Vorfeld die Situation der Messstellen vor Ort inventarisieren können. Anhand vorgegebener Protokolle werden Daten etwa zum Zugang zu den Messsystemen oder zu Feldstärken vor Ort erfasst.

Die Daten können dann ins Workforce-Management eingespielt werden und bilden die Basis für Beschaffungsplanung, Rollout-Organisationsplanung, Arbeitsvorbereitung und Montageplanung. So lassen sich bei Kolumbus zum Beispiel im Nachgang zur Inventarisierung Umbauvarianten je Zählpunkt festlegen. »Diese Umbauvarianten können vorassembliert und -konfiguriert bestellt und in der Folge mit weniger Aufwand installiert werden«, erläutert Herud.

Strecke machen

Die App sei Teil der Weiterentwicklung des Workforce-Managementsystems Co.mobile zu einem Rollout-Managementsystem. »Mit der Inventarisierungs-App haben wir eine Nische getroffen«, so Schlosser. »Damit bieten wir ein pragmatisches Handwerkszeug, mit dem man schon heute Strecke in der Rollout-Vorbereitung machen kann.«

Die kleinen und mittelständigen Werke brauchen nicht nur einen klassischen Dienstleister, ist er überzeugt. »Sie fordern einen Partner auf Augenhöhe an ihrer Seite, dem sie vertrauen. Und dieser Partner wollen wir sein.«

E-world: Halle 6, Stand 208

 

Kasten: Rollout-Workshop für Stadtwerke

Gut vorbereitet

Co.met bietet künftig Rollout-Workshops für Projektleiter und Techniker an. Auch Seminare zum Thema Kundenkommunikation sind geplant. Ab Januar sollen diese im Rahmen des Metering Forum stattfinden.

Der erste Projektleiter-Workshop hat Ende November in Mosbach in Kooperation mit Endica stattgefunden. Weitere sollen folgen. Die Veranstaltung soll dabei unterstützen, Rollout-Projekte erfolgreich zu planen und umzusetzen.

Der Workshop ist auf anderthalb Tage ausgelegt. Die Teilnehmerzahl ist auf 20 bis 30 Personen begrenzt.

Am Ende des Workshops bekommen die Projektleiter einen bereits in der Praxis erprobten Projektplan, in dem 300 Positionen stehen. Er beschreibt Aufgaben und Zeiträume und enthält eine Indikation der Kosten.

Zudem werden die Teilnehmer nach Abschluss des Workshops bei der Umsetzung des Rollouts begleitet, etwa mit regelmäßigen Terminen zum fachlichen Austausch, so Co.met. Auch Nachfolge-Workshops für den Erfahrungsaustausch seien geplant.

Erschienen in Ausgabe: 10/2016