Gemeinsam gegen den Klimawandel

Klimaschutz

Emissionshandel - Trotz verändertem Investitionsklima werden noch immer viele JI- und CDM-Projekte umgesetzt. Diese stellen zunehmend bei sinkenden Mengen an CO2-Zertifikaten eine interessante Alternative dar.

18. August 2009

Das Emissionsbudget deutscher Unternehmen wurde mit Beginn der zweiten Handelsperiode des Emissionshandels zum 1. Januar 2008 um etwa 57Mio.t CO2 gesenkt. Im Gegenzug kann die deutsche Industrie durch die ›Linking Directive‹ flexible Reduktionsmaßnahmen im Ausland auf bis zu 22% ihrer Verpflichtungen anrechnen lassen. Sowohl Projekte auf Basis des Clean Development Mechanismus (CDM) als auch Joint Implementation (JI) kommen hierfür in Betracht. CDM-Projekte werden in Entwicklungs- oder Schwellenländern, JI-Projekte in den sogenannten Annex-I-Staaten umgesetzt. Hierzu zählt vor allem das europäische Ausland.

»Klimaschutzprojekte müssen unabhängig und fachgerecht geplant und umgesetzt werden, damit alle Beteiligten von der Teilnahme am Emissionshandel profitieren«, sagt Dr. Sven Kolmetz, Leiter der Abteilung Carbon Management Service bei der TÜV Süd Industrie Service GmbH in München. Das Unternehmen ist seit 2000 in allen Technologiefeldern für die Prüfung von JI- und CDM-Projekten zugelassen.

In den Projekten geht es nicht immer um Vereinbarungen zwischen Unternehmen. Bisweilen kommen die Effizienzsteigerungen direkt der Bevölkerung des Partnerlandes zugute. In der indonesischen Provinz Aceh hat TÜV Süd ein Projekt der deutschen Organisation Klimaschutz e.V. validiert und verifiziert, bei dem rund 1.000 Solarkocher an die Einheimischen verteilt wurden. Neben den Kriterien der UNFCC mussten die Fachleute dabei auch die nationalen Normen des Partnerstaates Indonesien beachten.

Russland noch außen vor

Erfolge wie diese dokumentieren die vielfältigen Vorteile des Emissionshandels. Einige Marktbeobachter bleiben dennoch skeptisch. Bei ihnen ist der Eindruck entstanden, dass JI-Projekte in weit geringerer Zahl abgewickelt werden als CDM-Projekte. Rein quantitativ sei das zwar korrekt, betont Dr. Kolmetz, allerdings sieht er gleich mehrere Gründe dafür, dass in Annex-I-Staaten CO2-Minderungspotenziale ungenutzt bleiben. »Russland zum Beispiel hat bisher noch kein Genehmigungsschreiben für JI-Partner ausgestellt. Andere Länder, wie Japan, liegen nahe an ihrem Cap oder bereits darüber und erlauben deshalb keine JI-Projekte mehr.« Dazu habe die Umsetzung der JI wesentlich später begonnen. Während der JI-Track 2 erst 2006 ins Leben gerufen wurde, starteten die ersten CDM-Projekte schon drei Jahre zuvor. Nach Ansicht des TÜV-Süd-Experten hatten sich viele Investoren deshalb schon früh auf CDM-Maßnahmen festgelegt, was die Nachfrage nach JI-Projekten von vornherein geschwächt habe. Auch die begrenzte Laufzeit wirke sich negativ auf die Attraktivität aus. Der Hintergrund: JI-Projekte werden nur bis 2012 gesichert anerkannt.

Für Swen Sanders, Leiter des Bereiches JI-Programm ›ECo Plus‹ bei der Ago AG Energie + Anlagen in Kulmbach, ist diese Entscheidung nicht klar definiert. Zwar sei das Programm derzeit, aufgrund des Kyoto-Protokolls, erst einmal nur bis Ende 2012 nutzbar. Je nachdem wie die sogenannten Flexiblen Mechanismen jedoch im Nachfolgeabkommen zum Kyoto-Protokoll implementiert werden, könne es in der Form weiter genutzt werden oder nicht. Tendenziell wird aus seiner Sicht der Fortbestand signalisiert. Aus diesem Grund und auch vor dem Hintergrund der erwartenden steigenden CO2-Zertifikatepreise rechnet er damit, dass das JI-Programm mittel- bis langfristig ein starkes Vertriebsinstrument für das Unternehmen sein wird.

Mit ihrem JI-Angebot betritt die Ago AG ein noch weitestgehend unbestelltes Neuland. Ziel ist es, mittelständische Unternehmen aus Deutschland zu bewegen, ihre Energieversorgung im Rahmen einer Joint Implementation (deutsch: gemeinschaftliche Umsetzung) von fossilen Brennstoffen auf regenerative Alternativen umzustellen.

Das Konzept strebt eine Win-Win-Konstellation für Investor- und Gastland an: Dem Investorland werden zusätzliche Emissionsrechte zugesprochen, während das betreffende Unternehmen im Gastland Emissionszertifikate (sogenannte ERU-Zertifikate) in den EU-Emissionshandel einbringen kann, obwohl es selbst nicht handelspflichtig ist. Prinzipiell könnte der Verkauf in Eigenregie erfolgen, was aber in Anbetracht des verhältnismäßig großen Organisationsaufwandes unwirtschaftlich wäre.

Als Dienstleister bündelt die Ago AG die CO2-Reduktionen der Teilnehmer in einem Klimaschutzprogramm, bringt die eingesparten Emissionen in den Emissionshandel ein und vergütet die Erlöse an die deutschen Unternehmen. Projektleiter Sanders verweist hier auf die Vorreiterrolle seines Unternehmens: »Wir sind der erste Contractor mit einer Genehmigung, dessen Programm sich auf den alleinigen Fokus Biomasse bezieht. Somit können wir bereits jetzt konkrete Projekte durchführen.« Ein erster konkreter Interessent ist die Brauerei Gebr. Maisel in Bayreuth. Das Konzept sieht die Umstellung einer Schwerölanlage auf Biomasse vor.

Funktionierender Markt

Ein Vorteil besteht laut dem Projektleiter in der Offenheit des Programmes. So können auch externe Partner teilnehmen, unabhängig davon, ob die Ago AG operativ am Projekt beteiligt ist oder nicht.

Eigentlich müsste das Interesse mit steigenden Zertifikatepreisen wachsen. Sanders sieht das nicht unbedingt so. Natürlich falle die Bonifikation höher aus, je höher der Marktpreis liege, betont er. Da sich aber durch das JI-Programm eine zusätzliche Bonifikation ohne zusätzliche Mehrkosten für den Kunden generieren lasse, spiele der eigentliche CO2-Preis generell keine entscheidende Rolle.

Allgemein sind die Zerifikatepreise aufgrund der Finanzkrise und der damit verbundenen Produktionsrückgänge derzeit auf dem Abwärtstrend.

Für TÜV-Süd-Experte Dr. Kolmetz ist dies jedoch »prinzipiell ein Zeichen dafür, dass der Markt für Treibhausgaszertifikate funktioniert und zu Beginn der Handelsperiode angemessene Reduktionsziele gesetzt worden sind«. Viele Experten sehen die Zukunft des Emissionshandels deshalb weiter positiv. Schon für 2010 rechnen sie mit einer Erholung des Zertifikatemarkts. (mn) <

Interview

2-Footprint ist wichtig«

Swen Sanders von der Ago AG Energie + Anlagen zum Markt für JI-Projekte in Deutschland und den Vorteilen für Unternehmen.

es: Ihr JI-Programm ist offiziell genehmigt worden. Welche Bürokratie war dafür notwendig?

Der bürokratische Aufwand war relativ hoch. Jedoch hatten wir hierzu auch Unterstützung von einem externen Partner hinsichtlich der administrativen Abarbeitung.

es: Wie sinnvoll ist dieser Aufwand?

Um zu gewährleisten, dass die Vorgaben aus dem Kyoto-Protokoll auch tatsächlich eingehalten werden, ist es unvermeidbar eine Vielzahl von Voraussetzungen zu beschreiben, zu definieren und zu kommentieren. In der Praxis zeigte sich, dass einige Themen etwas zu stark beleuchtet und hinterfragt wurden. Zudem wurden teilweise Sachverhalte doppelt von unterschiedlichen Behörden geprüft, was unserer Meinung nach nicht sein müsste.

es: Welchen Kundenkreis wollen Sie mit dem Programm ansprechen?

Es zielt auf industrielle Kunden und öffentliche Einrichtungen in Deutschland ab und gilt für Energiezentralen mit Feuerungswärmeleistungen von 400kW bis maximal 19,9MW.

es: Welche konkreten Anfragen liegen Ihnen dazu bereits vor?

Aktuell sind wir in der Projektplanungsphase mit der Brauerei Maisel in Bayreuth. Weitere Interessenten kommen hinzu. Generell ist das Marktumfeld für Biomasse aufgrund der gefallenen Energiepreise für fossile Brennstoffe derzeit etwas schwierig, sodass wir leicht hinter unseren Erwartungen liegen. Wir gehen aber davon aus, dass in den nächsten Monaten weitere konkrete Anfragen bearbeitet werden.

es: Welche Rolle spielt dabei der CO2-Footprint eines Unternehmens?

Im Sinne der Unternehmensbewertung wird das Thema immer mehr vom Soft-Fact zum harten Faktor. Wir unterstützen Firmen zum einen darin ihren CO2-Fußabdruck zu ermitteln und zum anderen in der Optimierung, sprich diesen zu minimieren. Ein Umstieg auf einen CO2-neutralen Brennstoff wie Biomasse zur Energieerzeugung in Kombination mit unserem JI-Programm führt auch zu einer enormen Reduktion des Corporate und Product Carbon Footprint.

es: Welche Partnerländer kommen denn überhaupt in Frage?

Für das JI-Programm spielen derzeit speziell Schweden, Frankreich und Dänemark eine wichtige Rolle, und zwar deshalb, weil es zurzeit die einzigen Länder in Europa sind, welche als sogenannte Investorstaaten im Sinne der Kyoto-Richtlinien infrage kommen. (mn)

Erschienen in Ausgabe: 7-8/2009