Going Upstream

VERSORGUNG Bayerngas ist einer der wenigen deutschen Energieversorger, der Anteile an einer Erdgasquelle besitzt.

14. November 2006

Der Felderwerb in Norwegen ist ein bedeutendes Zwischenergebnis einer langfristig angelegten Strategie zur Diversifizierung des Gaseinkaufs der kommunalen Gas-Beschaffungsplattform Bayerngas. Wer hätte es vermutet, dass ein im Vergleich zu internationalen Playern ein kleines Unternehmen mit kommunalem Hintergrund diesen Schritt geht und konsequent seine Chancen im Upstream-Markt sucht?

Bisher engagierten sich fast ausschließlich international agierende deutsche Konzerne im Upstream-Geschäft. Nun tritt das bayerische Unternehmen, dessen Gesellschafter die Stadtwerke Landshut, Regensburg, Ingolstadt, Augsburg, München und Ulm/Neu-Ulm sowie der regionale Versorger Tigas-Erdgas Tirol sind, im Hinblick auf die Gas-Beschaffung behutsam aus dem Schatten größerer Energieunternehmen heraus.

„Aber“, so wird bei der Bayerngas betont, „Ziel ist und bleibt dabei die Weitentwicklung der Plattformfunktion, um die Bezugskonditionen für die Gesellschafter und Kunden zu optimieren.“

Das heißt, die Upstream-Mengen fließen physisch oder finanziell in das Gesamtportfolio ein. Somit werden alle drei Tragsäulen der Plattform - Lieferverträge mit Produzenten, Lieferverträge mit Importeuren sowie der Bezug über Handelsgeschäfte - bestehen bleiben und zukünftig durch eine neue Säule Upstream-Mengen ergänzt.

Wer genau hinschaute, konnte bereits mit dem Beginn des Gaswirtschaftsjahres 2005/06 die neue anspruchsvolle Beschaffungsstrategie erkennen. Bayerngas optimierte über ein neu entwickeltes Portfoliomanagement seinen Gasbezug und kauft heute unterschiedliche Mengen mit unterschiedlichen Vertragslaufzeiten bei zehn Vorlieferanten. Bereits dies bedeutete einen Schritt in eine neue Dimension, trat man doch damit erstmals als Importeur in Erscheinung. Eine Entwicklung, die annähernd geräuschlos vollzogen wurde.

2 bis 3 % des Absatzvolumens

Parallel dazu liefen die Vorbereitungen zur Gründung der Bayerngas Norge, in der das Upstream-Geschäft für Norwegen gebündelt ist. Im März dieses Jahres wurde dann die norwegische Repräsentanz eröffnet und bereits im August konnte Bayerngas mit dem Erwerb von 25 % des Gasfeldes Fram B den ersten Erfolg verkünden.

Ab etwa 2010/2011 werden für mindestens 10 Jahre die Upstream-Mengen aus Fram B in das Bezugsportfolio einfließen: jährlich rund 2 bis 3 % des heutigen Absatzvolumens (1,4 bis 2,1 Mrd. kWh). Die Mengen, die über Fram B gefördert werden, gehen aufgrund der Pipelineanbindung zunächst nach Großbritannien. Optional wird das Erdgas dann verkauft oder abgetauscht (swaps), das heißt Bayerngas könnte, im Gegenzug zu den nach UK gelieferten Mengen, Erdgas in Süddeutschland erhalten.

Der Anteilserwerb von 25 % bezieht sich auf die Produktionslizenz PL090C, innerhalb der das Gasfeld (mit Kondensat) Fram B liegt. Der gegenwärtige Plan sieht vor, dass Fram B zusammen mit den Feldern Camilla und Belinda entwickelt und an die geplante Plattform auf dem Gjøa-Feld angeschlossen wird.

Der Operator und damit technisch Verantwortlicher von Fram B ist Norsk Hydro, das ebenfalls mit 25 % an dem Feld beteiligt ist. Weitere Anteilseigner sind GdF (15 %), Idemitsu Petroleum (15 %), Statoil (20 %). Operator der zukünftigen Plattform über dem Gjøa-Feld ist in der Entwicklungsphase Statoil, in der Produktionsphase GdF. Über Fram B wird somit keine Plattform stehen.

Die Bohrungen (3, 4) erfolgen durch eine verlegbare Bohrplattform. Dieser Teil der Projektphase nimmt etwa drei Monate in Anspruch. Nach den Bohrungen wird diese wieder abgezogen und es wird nur unter Wasser in rund 350 m Tiefe technische Einheiten (eine Sub-Sea Completion) sowie eine Pipelineverbindung zur Gjøa-Plattform geben.

Das Beispiel Bayerngas zeigt, dass auch kommunale Unternehmen innerhalb einer Kooperation den Schritt in eine neue Beschaffungsdimension wagen können. Insbesondere im Hinblick auf den perspektivisch stärkeren Regulierungs- und Wettbewerbsdruck sind Stadtwerke gezwungen, ihre Prozesse noch effizienter zu gestalten und Optimierungspotenzial auszuschöpfen.

Im Kernprozess der Gasbeschaffung lassen sich dabei vielfach noch Effizienzgewinne realisieren - wobei die Entscheidungsoptionen für die Unternehmen oftmals beschränkt sind. Denn für Verträge mit Produzenten oder für ein Upstream-Engagement fehlt in der Regel das kritische Einkaufs- und Absatzvolumen oder, wie im letzteren Fall, die Finanzkraft und das entsprechende Know-how.

Höhere Hürde als bei Strom

Um Kosten sowie Risiken auf mehrere Schultern verteilen und mit maximalem Know-how an den Start gehen zu können, bedarf es wohl Kooperationen. Unabhängig von der Finanzkraft dürfte kaum ein Stadtwerk beispielsweise über das notwendige geophysikalische oder geologische Know-how, über Kenntnisse zu Bieterverfahren und zu ausländischen Steuergesetzen verfügen.

Dass der wirtschaftliche Anreiz zur gemeinsamen Produktion für kommunale Unternehmen seinen Reiz hat, zeigt der Strommarkt. Um diesem Reiz bei der Produktion von Erdgas nachgehen zu können, müssen aber bedeutend höhere Hürden überwunden werden. Der Einstieg in das Gas-Upstream-Geschäft ist bei weitem komplexer, und mehr noch als beim Strom verlangt es nach einem langen Atem und durchdachten Entscheidungsprozessen, um an Bieterwettbewerben partizipieren zu können.

„Wir haben sukzessive unsere Kompetenzen ausgebaut und für unsere Gesellschafter und Kunden eine neue Dimension der Gasbeschaffung geöffnet“, betont der Bayerngas-Geschäftsführer Dr. Ulrich Mössner. Damit habe man eine Pionierarbeit für den kommunalen Bereich geleistet, mit der die Beteiligten einen Sprung in der Wertschöpfungskette Erdgas nach oben vollzogen haben. Bayerngas hat angekündigt, sich um weitere Feldbeteiligungen zu bemühen.

Interview mit Dr. Ulrich Mössner, Bayerngases: Welche konkreten Vorteile versprechen Sie sich vom Einstieg in das Upstream-Geschäft?

Der wesentliche Vorteil ist, dass wir über eigene Fördermengen unsere Gasbeschaffung weiter diversifizieren können. Mit unserem Upstream-Engagement rücken wir innerhalb der Wertschöpfungskette Gas eine weitere Stufe nach oben. Das ermöglicht uns, einen höheren eigenen Beitrag zur Versorgungssicherheit zu leisten und auch den Bezug von Kraftwerksgas besser abzusichern sowie Möglichkeiten zur Dämpfung des Preisanstieges bei Erdgas zu nutzen.

es: Welche Rolle spielte die ‚verordnete’ Kürzung der Dauer der Lieferverträge durch das Kartellamt?

Die Vorgaben des Kartellamtes führen zu einer verschärften Diskrepanz zwischen den Laufzeiten von Beschaffungs- und Kundenverträgen. Im Upstream-Geschäft binden wir uns langfristig. Eigentlich steht die Verkürzung der Vertragslaufzeiten im Absatzmarkt solch langfristigen Investitionsentscheidungen entgegen, weil sich durch die Diskrepanz das Risiko erhöht. Glücklicherweise haben wir mit unseren Gesellschaftern eine Lösung gefunden, die dennoch ein Upstream-Engagement erlaubt.

es: Sie haben weitere Feldbeteiligungen angekündigt. Auch andere Unternehmen verstärken ihre Upstream-Aktivitäten. Verschieben sich die Margen immer mehr hin zur Förderung?

Für nur eine Feldbeteiligung ist der Aufwand, den sie betreiben müssen, viel zu hoch. Deshalb - und um das Risiko zu streuen - müssen wir mehr anstreben. Tatsächlich ist es so, dass die Wertschöpfung zunehmend hin zur Quelle wandert und die Margen im Transport und Vertrieb sinken werden. Ob aber ein Upstream-Geschäft wirklich lukrativ ist, zeigt sich bedauerlicherweise erst am Ende der Produktionsphase.

es: Für Stadtwerke ist Upstream ein noch weitgehend unbekanntes Terrain. Wie haben Sie sich darauf eingestellt?

Insbesondere verfügen wir über ein stabiles gebündeltes Absatzpotenzial, Vermarktungs- und Transport-Knowhow sowie durch unseren Untertagespeicher Know-how im Betrieb eines ehemaligen Gasfeldes. Das sind wesentliche Grundlagen unseres Upstream-Engagements. Das spezifische Know-how mussten und müssen wir auf- und ausbauen - in München aber insbesondere in Oslo. Dazu bauen wir in Norwegen ein Team von rund zwölf Spezialisten auf und greifen in der Anfangsphase auch auf geeignete Berater zurück.

es: Das Upstream-Geschäft ist nicht frei von Risiken. Wie haben Sie diese abgesichert?

Das Geschäft birgt zusätzliche Risiken aber auch erhebliche Chancen. Mit speziellem Know-how, einem professionellen Risikomanagement und einer Risikostreuung und -begrenzung sind die Risiken aber beherrschbar. Dennoch sollte das Thema nicht unterschätzt werden. Das ist auch einer der Gründe, warum ein Stadtwerk dieses alleine so nicht leisten könnte. Hier zeigen sich die Vorteile einer Beschaffungsplattform wie sie die Bayerngas verkörpert.

(mn)

Erschienen in Ausgabe: 11/2006