Grenzenlose Energiewende

Mehr als 25 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung fällt wieder eine Grenze: die Energiewende ebnet die Sektorengrenzen ein. Strom, Wärme und Verkehr formen sich zu einer Einheit. Mittendrin: die Viessmann Werke. Interview mit Geschäftsführer Frank Voßloh und Ulrich Schmack, Geschäftsführer eines Joint Ventures von Viessmann und BMW.

18. April 2016

Herr Schmack, BMW und Viessmann haben das Joint Venture Digital Energy Solutions gegründet. Welches Ziel verfolgt Viessmann und warum entschloss man sich gerade jetzt zu dem Schritt?

Es ist für das Unternehmen ein logischer Schritt. Viele unserer Produkte oder Systeme koppeln bereits die Sektoren Wärme und Strom. Seien es Wärmepumpen, BHKW oder anderes. So gesehen ist es nur folgerichtig, sich nun auch den Bereich Mobilität zu erschließen. Und da ist BMW ein sehr guter Partner.

 

Das Angebot richtet sich zunächst an kleine und mittlere Unternehmen aus Industrie und Gewerbe. Wie ist die Aufgabenverteilung in der neuen Gesellschaft? Wer macht was?

Viessmann bringt natürlich das Know-how rund um die Energietechnik ein. BMW ist Spezialist für Mobilität und kennt sich zudem aus mit IT als Plattformtechnik. Das wird wichtig sein, um die digitalen Dienstleistungen zum Kunden bringen zu können ...

 

... Ich denke ehrlich gesagt bei BMW an vieles – aber nicht an Energiemanagement.

Die Grenzen zwischen den Sektoren verschwinden immer mehr. Was heißt das für das Energiemanagement? Man muss das Energiemanagement zuhause mitdenken. Nehmen Sie das Beispiel BHKW: Sie sollten es stromgeführt betreiben, um E-Autos eines Fuhrparks auch aufladen zu können. Darum geht es uns in dem Joint Venture.

Wir wollen Sektoren gemeinsam denken und Kunden entsprechende Angebote machen. Zunächst konzentrieren wir uns auf den B2B-Bereich mit kleinen und mittleren Unternehmen. Dort speziell jene Firmen, die zu klein sind für einen eigenen Energieexperten; aber zu groß, um Energie beziehungsweise Energiekosten ganz außen vor zu lassen. Engagement im Bereich B2C ist auch denkbar. Das wird aber noch vier bis fünf Jahre dauern.

 

Wie ist der Vertrieb organisiert?

Es gibt spezielle Vertriebskräfte für die Dienstleistungen von Digital Energy Solutions. Austausch mit den beiden Mutterunternehmen wird es natürlich geben. Je nachdem, welche Kompetenzen gefragt sind. Sei es eine Beratung bei multivalenten Versorgungssystemen für Strom und Wärme, sei es eine Beratung zur Ladeinfrastruktur oder zur Elektrifizierung des Fuhrparks.

 

Dr. Frank Voßloh: Zudem werden wir unseren Mitarbeitern im Viessmann-Flächenvertrieb das Portfolio von Digital Energy Solutions vorstellen. Sie können gegebenenfalls interessante Projekte identifizieren und die Kollegen informieren, damit sie es bearbeiten. Hier sehe ich große Synergien, um Viessmann-Flächenvertrieb und Digital Energy Solutions zu verbinden.

 

Ulrich Schmack: Hier sehen Sie die andere Seite: Bei BMW blocken viele potenzielle Interessenten bei der Elektrifizierung, weil sie nicht wissen, welche Implikationen es für ihr eigenes Energiesystem hat. Schießt die Lastspitze nach oben, zahlen sie plötzlich 600 kW statt 400 kW Leistungsentgelt und so weiter. Das konnte bisher der BMW-Außendienst in der Regel schlecht einschätzen und musste den Kunden weitergegeben an andere Berater. Nun können die BMW-Kollegen an Spezialisten verweisen mit dem Ziel, den Interessenten oder Kunden zu beraten und ihm ein Gesamtsystem anzubieten.

 

Das neue KWK-Gesetz fördert stärker als bislang die öffentliche Versorgung zulasten der industriellen dezentralen Versorgung. Ist das gut oder schlecht für Viessmann?

Frank Voßloh: Es lohnt sich immer noch, KWK zu verkaufen. Aber der Paradigmenwechsel ist vollzogen, das ist ganz klar. Es begann mit dem EEG 2014, als die Eigenversorgung mit 40 % EEG-Umlage belegt wurde. Das war das erste Anzeichen für uns, dass sich etwas ändert. Diese Tendenz hat sich im neuen KWK-Gesetz bestätigt. Einspeisen ins öffentliche Netz ist etwas attraktiver geworden zulasten des Eigenverbrauchs.

Bei Micro-KWK sehen wir überhaupt keine Probleme. Die Grenze von 30.000 Stunden ist eine gute und unbürokratische Regel. Schwieriger wird es ab 100 kW. Der erzeugte Strom muss jetzt an der Strombörse vermarktet werden. Das bedeutet mehr Verwaltungsaufwand als früher. Jedes Einzelprojekt muss durchgerechnet werden. Dem stellen wir uns.

 

Ulrich Schmack: Hier zeigt sich erneut: Man muss Energietechnik und Energiewirtschaft als Einheit denken. Das fordert die Politik ja auch mehr und mehr. Es reicht nicht aus, innerhalb von Unternehmen zu optimieren. Wer staatliche Förderung möchte, muss sich mit dem Energiemarkt befassen. Siehe die Direktvermarktung. Die KWK-Förderung ist dann höher, wenn der Strom eingespeist wird. Unter anderem aus diesem Grund haben wir DES gegründet.

Es geht darum, in energietechnischen Optimierungseinheiten zu denken. Die Optimierung des Gesamtsystems wird beschleunigt, wenn es mehr Marktteilnehmer außerhalb der eigenen vier Wände gibt.

 

Welche Rolle spielen Kommunen und Stadtwerke für Viessmann?

Frank Voßloh: Mehrere Stadtwerke sind auf uns zugekommen für Projekte mit Stirling-Motoren oder Brennstoffzellen. Einige Stadtwerke haben ein Förderprogramm aufgelegt und dort treten wir auch gemeinsam auf. Das ist ausbaufähig.

 

Die Brennstoffzelle steht vor dem Durchbruch, heißt es seit Jahren. Wie schätzen Sie die Entwicklung für den Massenmarkt ein?

In der Tat ist es eine Technik, die es schon Jahrzehnte gibt. Oft wurde sie verbunden mit der Aussicht, in den nächsten zwölf Monaten werde die Marktreife erreicht. In die ersten Anlagen haben wir sehr viel Aufwand investiert für Beratung und Marketing. Seit sechs Monaten steigen die Absatzzahlen.

Dank der Förderprogramme sind wir jetzt in einem Kostenbereich, der für Kunden, die bereit sind, für moderne Technik etwas mehr Geld auszugeben, attraktiv ist. Vor einem Jahr betrug der Unterschied zwischen einer Brennstoffzelle und einem Gas-Brennwertgerät für Wandmontage eins zu fünf. Jetzt liegt er bei eins zu zweikommafünf bis drei.

Das Interesse ist da. Wasserstoff und Methanisierung sind große Themen für Viessmann. Im März ging an unserem Unternehmensstammsitz in Allendorf die erste Power-to-Gas-Anlage im industriellen Maßstab in Betrieb. Jetzt machen wir die nächsten Schritte.

 

Kritiker bemängeln, der Wirkungsgrad der Elektrolyse sei noch zu schlecht und das Verfahren insgesamt noch zu teuer. Wie weit ist der Weg noch?

Ulrich Schmack: Die Technik steht. Wenn wir für den Methanpreis den heutigen Biogaspreis zugrunde legen, also zirka sechs bis acht Cent pro kWh als Großhandelspreis, dann müssen die Kosten für die Methanisierung im Vergleich zu heute halbiert werden.

 

Ist das machbar?

Ja. Erreicht wird das in erster Linie durch Economy of Scale. Technologiesprünge sind dafür nicht erforderlich. Zirka zehn bis 15 Projekte brauchen wir dafür noch, um diese Schwelle zu erreichen.

 

Der Biogasbereich wurde über Jahre üppig gefördert im EEG, seit 2014 ist das Gegenteil der Fall. Es werden so gut wie keine neuen Biogasanlagen mehr in Deutschland gebaut. Änderung ist nicht in Sicht. Gibt es eine Zukunft für die Branche?

Frank Voßloh: Die Lage ist kritisch. Biomethan wurde in der Anfangsphase sehr stark gefördert. In der Tat. Allerdings wird der Bereich jetzt doch etwas zu schlecht behandelt, denke ich. Stromgestehungskosten werden verglichen mit PV und Windkraft. Das finden wir nicht ganz fair. Sonne und Wind fluktuieren je nach Wetter, Bioenergie nicht. Darum ist es sinnvoll, eine Kilowattstunde anders zu bewerten.

 

Ulrich Schmack: Wir brauchen dringend Speicher. Es gibt 8.000 Biogasanlagen bundesweit. Diese Chance muss man unbedingt nutzen, sonst wird volkswirtschaftliches Gut vernichtet, das mühsam aufgebaut wurde. (hd)

 

Viessmann auf der Hannover Messe: Halle 27, Stand E41