Grün in der Pipeline

Management

Erdgas - Welchen Wert hat die Gasinfrastruktur für den Umbau unseres Energiesystems hin zu einer auf erneuerbaren Energien basierenden Welt? Eine Studie hat die Kosten und Einspareffekte analysiert.

27. November 2017

Bis 2050 will Deutschland seine Treibhausgasemissionen um 80 bis 95 Prozent gegenüber 1990 verringern. Dafür muss noch einiges getan werden, denn momentan gibt es keinen Fortschritt, sondern eher Rückschritte. Als eine Lösung wird angesehen, den erneuerbaren Strom in den verschiedenen Sektoren Wärme, Verkehr und Industrie zu nutzen.

Aber wie genau dies ausgestaltet werden soll die Ideen reichen von einer reinen Elektrifizierung des Wärme- und Verkehrssektors bis zum Einbeziehen von Gasspeichern und Gasnetzen über Power-to-Gas (P2G).

»Die Energiewende wird nur dann ein Erfolg, wenn wir hierfür auch die bereits existierende Gasinfrastruktur in Verbindung mit grünem Gas nutzen. Neben Technologieoffenheit ist der Kostenfaktor entscheidend«, so Ralph Bahke, Vorsitzender der Vereinigung der Fernleitungsnetzbetreiber FNB Gas.

Mit grünem Gas ist in diesem Zusammenhang synthetisch erzeugtes Gas aus erneuerbarem Strom oder natürlich erzeugtes Biogas gemeint.

P2G mit und ohne Netz

Der Verband hat eine Studie veröffentlicht, die den Wert der Gasinfrastruktur für die Energiewende untersucht hat. Erstellt haben sie Wissenschaftler und Experten der Beratungsunternehmen IAEW, FourManagement sowie Emcel unter Leitung von Frontier Economics.

Die Studie beweise, dass die ambitionierten Klimaschutzziele einer fast vollständig dekarbonisierten Volkswirtschaft in 2050 sich durch das Nutzen der bestehenden Gasinfrastruktur in Deutschland in Kombination mit klimaneutral erzeugtem grünen Gas erreichen lassen, so Bahke weiter. »Und zwar deutlich kostengünstiger.«

Die Analysen zeigen laut den Studienautoren, dass wenn man Endkunden mit grünem Gas versorgt und dafür die Pipelines weiternutzt, dies Kostenvorteile gegenüber einer Welt ohne Nutzung der Gasnetze hat. In der zweiten Variante basiert das Speichern von grünem Strom nicht ausschließlich auf Strom-, sondern auch auf Gasspeichern.

Es gibt Power-to-Gas-Konzepte, die den grünen Strom über Gaskraftwerke rückverstromen. Allerdings findet der Energietransport in der Fläche strombasiert statt, also ohne die Gasnetze zu nutzen.

Das Ergebnis der Studie: Insgesamt rund 12 Milliarden Euro können um 2050 jährlich eingespart werden, wenn die Pipelines weiter betrieben werden. Treiber für diesen Gesamtwert sind demnach geringere Kosten von rund zehn Milliarden Euro pro Jahr um 2050 bei gasbasierten Endanwendungen, vor allem im Wärmesektor, sowie Einsparungen durch geringeren Stromnetzausbaubedarf von 6,3 Milliarden Euro.

Das kompensiert die zusätzlichen Kosten. Diese schlagen laut Studie mit 0,1 Milliarden Euro pro Jahr für den Erhalt und die teilweise Umgestaltung der Gasnetze zu Buche. Ein zweiter Posten sind Kosten für die aufgrund von Umwandlungsverlusten notwendige zusätzliche Stromerzeugung und die Power-to-Gas-Anlagen von 4,2 Milliarden Euro.

StromNetzausbau reduziert

»In den zuvor angeführten Kostenanalysen gehen wir von der konservativen Annahme aus, dass das erforderliche grüne Gas vollständig in Deutschland erzeugt werden muss«, heißt es in der Studie außerdem. Eine Aufweichung dieser Annahme würde laut den Autoren die Kosten für das Szenario einer Weiternutzung der Gasinfrastruktur für grünes Gas nochmals signifikant reduzieren.

Eine weitere Auswirkung, wenn auf die bestehenden Gasnetze gesetzt wird: Der über den bisher ermittelten Stromnetzausbaubedarf für das Übertragungsnetz bis 2035 hinausgehende sowie der notwendige Ausbaubedarf für das Verteilnetz können signifikant reduziert werden – laut der Studie im Übertragungsnetz um 40 Prozent, im Verteilnetz um 60 Prozent.

»Das reduziert nicht nur die Kosten der Energiewende, sondern erhöht zugleich die gesellschaftliche Akzeptanz«, sagt FNB-Gas-Vorsitzender Ralph Bahke.

»Mit den Ergebnissen der Studie wollen wir Bundesregierung, Parlament und Ministerien belastbare Ergebnisse für die Gestaltung der zukünftigen Energiepolitik an die Hand geben. Die Studie belegt den Wert der vorhandenen Gasinfrastruktur für die Erreichung des von der Bundesregierung für 2050 festgelegten maximalen CO2-Reduktionszieles von 95 Prozent«, so Inga Posch, Geschäftsführerin des FNB Gas. (mwi)

Erschienen in Ausgabe: 10/2017