Ab Ende nächsten Jahres will Avacon, einer der vier Verteilnetzbetreiber von E.on, einem Netzabschnitt in Sachsen-Anhalt dem Erdgas erstmals bis zu 20 Prozent Wasserstoff beimischen. Das ist nach Angaben des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches (DVGW) ein neuer Spitzenwert; bislang lag die Beimischgrenze bei knapp zehn Prozent. Für das Vorhaben unterzeichneten Ende Oktober DVGW und Avacon eine Kooperationsvereinbarung.

H2 im Gasverteilnetz

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Das Gemeinschaftsprojekt soll Vorbild für den zukünftigen Einsatz von Wasserstoff in Gasverteilnetzen sein und wird vom DVGW technisch-wissenschaftlich unterstützt. Das Pilotprojekt markiere einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg in ein klimafreundliches Energiesystem, so Gerald Linke vom DVGW. »Es zeigt, dass die Beimischung immer höherer Anteile von CO2-freien Gasen in greifbare Nähe rückt und in Zukunft die Einspeisung von bis zu 100 Prozent Wasserstoff in das Erdgasnetz technisch möglich sein wird«, prognostiziert Linke.

Planungssicherheit

Anfang Oktober sprach sich das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) nach DVGW-Angaben für den Energieträger Gas als langfristig notwendigen Bestandteil des deutschen Energiesystems aus. In einer ersten Bilanz zum Dialogprozess Gas 2030 formulierte das Ministerium schriftlich ein Bekenntnis pro Gas, das auch die Infrastruktur umfasst, so der Verband. Dies schaffe Planungssicherheit für die gesamte Branche. Das Papier zum Dialogprozess sei ein klares Statement für Erdgas wie auch für synthetische Energiegase und Biomethan, so der Verband.

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»Die Ergebnisse des Dialogprozesses ›Gas 2030‹ verdeutlichen die Bedeutung von erneuerbaren und dekarbonisierten Gasen für die Zukunft des Energiesystems«, sagt Ulf Heitmüller, Vorstandsvorsitzender der VNG AG.

Einige der erwähnten Ansätze würden nun im Rahmen der zurzeit in der Erarbeitung befindlichen Wasserstoffstrategie seitens der Bundesregierung weiter geschärft. Um diese neuen Gase in Deutschland und Europa jedoch nachhaltig zu etablieren, müssten sich diese Energieträger auch rechnen, so Heitmüller weiter.

Kommentar

Die Uhr tickt

Mindestens bis 2030 wird klassisches Erdgas wesentlicher Bestandteil des Energiesystems sein, heißt es im Bilanzbericht des BMWi zum Dialog Gas 2030. Die Branche ist erfreut, denn sie bekommt Planungssicherheit für zehn Jahre plus X.

Grund zum Feiern ist die Absichtserklärung aber nicht. Die nächste Dekade ist eine Frist. Sie muss für die intensive Arbeit an Alternativen zum konventionellen Methan genutzt werden. Diese Botschaft ist der eigentliche Kern des Bilanzberichts. Das Dokument ist ein Tempomacher. Die Uhr tickt. Denn was sind schon zehn Jahre. Gerade in der Gaswirtschaft ist eine Dekade kaum mehr als ein Wimpernschlag. hd

Nachfrage stimulieren

»Aus diesem Grund müssen unterstützende Maßnahmen seitens der Politik getroffen werden, damit die Nachfrage insbesondere für grünen Wasserstoff generiert und ein Markt aufgebaut werden kann. Parallel gilt es, die bestehende Gasinfrastruktur aus Netzen und Gasspeichern für eine ansteigende Integration erneuerbarer sowie dekarbonisierter Gase anzupassen und eine Wasserstoffinfrastruktur aufzubauen.« Laut BMWi-Bericht würde im Kontext des Kohle- und Atomausstiegs fossiles Erdgas mindestens bis 2030 einen wesentlichen Beitrag zur deutschen Versorgungssicherheit leisten. Im Verkehrs-, Industrie- und Gebäudebereich könne der Wechsel von CO2-intensiven Energieträgern wie Kohle und Öl zu Erdgas sogar ein wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg der Dekarbonisierung sein.

Wasserstoff wird ein Schlüssel- rohstoff für die Dekarbonisierung unserer Volkswirtschaft.

— Peter Altmaier BMWi

»Mittelfristig ist jedoch von einem Rückgang beim Einsatz von Erdgas auszugehen. Insbesondere in den Bereichen, in denen sich der Energiebedarf nicht allein über gesteigerte Energieeffizienz und Verstromung aus erneuerbaren Energien decken lässt, werden CO2-freie und -neutrale Energieträger wie Biogas, grüner/blauer Wasserstoff und PtX-Produkte zunehmend an Bedeutung gewinnen«, so der BMWi-Bericht.

Regularien anpassen

Um den Wandel zu stimulieren, wolle die deutsche Politik einen regulatorischen Rahmen schaffen, der einen marktgetriebenen Hochlauf CO2-freier und CO2-neutraler Energieträger ermöglicht und die gute Ausgangsposition deutscher Unternehmen stärkt und unterstützt, heißt es in dem Bericht.

Dabei sei es sinnvoll, die bereits heute relativ nahe an der Wirtschaftlichkeit stehenden Anwendungen in den Fokus zu nehmen und voranzubringen.

»Schlüsselrohstoff«

»Wasserstoff wird aus meiner Sicht ein Schlüsselrohstoff werden, der unverzichtbar für die erfolgreiche Dekarbonisierung unserer wie auch vieler anderer Volkswirtschaften sein wird«, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier bei der Vorstellung des Berichts in Berlin.

Um neue Gase nachhaltig zu etablieren, müssen sich diese Energieträger rechnen.

— Ulf Heitmüller VNG

Die Zeit für Wasserstoff und die nötigen Technologien sei reif. Sie biete enorme industriepolitische Potenziale und könne damit neue Arbeitsplätze schaffen. »Deshalb müssen wir bereits heute die Weichen dafür stellen, dass Deutschland bei Wasserstofftechnologien die Nummer 1 in der Welt wird. Die Bundesregierung wird daher bis Ende des Jahres eine Wasserstoffstrategie beschließen, mit der wir die Rahmenbedingungen schaffen, die es der Wirtschaft ermöglichen, ihre industriellen Potenziale weiterzuentwickeln.«

Neue import- Partnerschaften

Erste Ansätze für ein regulatorisches Tätigwerden konnten laut BMWi-Bericht zum Beispiel im Verkehrsbereich (Flottenziele) und im Industriebereich (Umsetzung von RED II) identifiziert werden. Angesichts der Herausforderungen seien dies nur erste Schritte, heißt es. »Mittelfristig müssen neue Energieimportpartnerschaften aufgebaut werden, um den veränderten Energiebedarf zu decken. Die Energieinfrastruktur muss weiterentwickelt und die Planung von Strom, Gas- und Wärmenetzen zusammengebracht werden. Die Unternehmen benötigen Planungs- und Investitionssicherheit und, wo die Wirtschaftlichkeit noch nicht gegeben ist, die Unterstützung der öffentlichen Hand.« Der Bericht Dialogprozess Gas 2030 – Erste Bilanz steht auf der BMWi-Webseite zum Download. hd