GuD-Kraftwerk sichert Wacker-Standort

Finnisch-bayerische Kooperation spart 500.000 t CO2 jährlich

Über 80 Jahre lang erzeugt die Wacker-Chemie in Burghausen ihre Energie in Kraft-Wärme-Kopplung. Seit wenigen Monaten übernimmt eine moderne GuD-Anlage diese Aufgabe.

05. Dezember 2001

Der Wacker-Konzern gehört zu den hundert bedeutendsten Industrieunternehmen Deutschlands. Er erwirtschaftet mit insgesamt 17.600 Mitarbeiter einen Jahresumsatz von über 3 Mrd. €. Der bedeutendste Produktionsstandort der Wacker-Chemie und zugleich der größte Chemiestandort Bayerns befindet sich in Burghausen. Im 1914 gegründeten Werk werden auf einer Fläche von etwa 2,4 Mio. m² mit 150 Produktionsbetrieben und rund 10.000 Mitarbeitern Produkte wie Reinstsilizium, Silicone, Feinchemikalien und Vinylpolymere hergestellt.

Nach der Inbetriebnahme eines neuen Umschlag- und Lagerzentrums konnte kürzlich ein weiterer wichtiger Schritt zur Verbesserung der Infrastruktur gemacht werden: In nur 22 Monaten ab Genehmigung konnte ein 120 MW leistendes Gas-und-Dampfkraftwerk (GuD) realisiert werden. Es nahm am 27. Juli 2001 den kommerziellen Dauerbetrieb auf.

Dr. Horst Kutzer, Werkleiter der Wacker-Chemie, blickte in einer Feierstunde anlässlich der Kraftwerkseinweihung im September auf die Geschichte der Energieerzeugung zurück: „Das Kraftwerk am Standort Burghausen wird seit der ersten Inbetriebnahme 1917 als KWK-Anlage betrieben.“ Dies bedeute, dass Wacker schon seit Jahrzehnten die ressourcenschonende und ökologisch hoch effiziente Koppel-Produktion von Strom und Wärme betreibt.

Für einen Ausbau gab es 1993 erste konkrete Überlegungen, den klassischen KWK-Prozess durch Vorschalten einer Gasturbine zu modernisieren. Damals erstellte das Unternehmen Fichtner die Planungsunterlagen. Zur Realisierung kam es allerdings nicht, da der Stromversorger, das Bayernwerk, mit dem Strompreis so weit entgegen kam, dass bei den gegebenen Erdgaspreisen eine Wirtschaftlichkeit des Projektes nicht mehr gegeben war. Im nächsten Schritt entstand die Idee eines „Energieverbunds Chemiedreieck“ mit den Unternehmen OMV, Werk Gendorf, 3KW und Wacker. Diese Idee wurde jedoch nach Inkrafttreten des Energiewirtschaftsgesetzes 1998 wegen der geänderten Rahmenbedingungen nicht weiter verfolgt.

Nach der Liberalisierung und Auflösung der Monopolstrukturen auf den Energiemärkten führte Wacker die Planungen alleine fort und schrieb das Projekt „Gasturbine“ im Jahre 1998 offiziell aus. Unter den sechs potenziellen Contracting-Partnern war auch die Fortum (damals noch IVO), ein finnischer Konzern, der zu dieser Zeit in Deutschland noch wenig bekannt war. Nach einer ersten Auswahlrunde blieben in der Endphase der schwierigen technischen und kommerziellen Verhandlungen noch drei Wettbewerber im Rennen. Darunter - wohl zur Überraschung vieler, wie Dr. Kutzer vermerkte, das Unternehmen Fortum.

Nach umfangreichen Prüfungen und intensiven Verhandlungen fiel im Mai 1998 die Entscheidung, Fortum Deutschland mit der Realisierung des Projekts zu beauftragen. Neben der technischen Planungskompetenz, der internationalen Erfahrung mit liberalisierten Energiemärkten und der langen Referenzliste sei vor allem die ausgeprägte Kundenorientierung der große Pluspunkt für Fortum gewesen. So konnten die Risiken, die sich beim Bau und Betrieb einer solchen Anlage ergeben, vernünftig verteilt und für die Wacker-Chemie als Kunden minimiert werden. Vor allem wäre eine hohe Flexibilität bezüglich der Abnahmemengen für Strom und Dampf ein wichtiges Kriterium gewesen, betonte der Werkleiter.

Mit der Unterzeichnung des Zusammenarbeitsvertrags im November 1998 begann die Detailplanung. Aus der ursprünglichen Zwei-Maschinen-Anlage mit zwei 70-MW-Gasturbinen entwickelte sich im Laufe der Planung eine Ein-Maschinen-Anlage mit einer 120-MW-Gasturbine, eine Anlagenkonfiguration, die wesentlich besser auf das Dampfbedarfsprofil des Werkes ausgerichtet war. Mit diesem neuen Konzept konnten in erheblichem Umfang Investitions- und Betriebskosten eingespart, sowie auch wertvolles Baugelände im dichtbebauten Kraftwerksumfeld deutlich verkleinert werden.

Parallel zur Detailplanung wurden insgesamt elf Verträge ausgearbeitet, unter anderem mit Fortum der Bau und Betrieb der neuen Anlage, mit dem Bayernwerk die Lieferung von Reservestrom und mit Wingas die Lieferung der zusätzlich benötigten Gasmengen. Das komplexe Vertragswerk wurde am 4. August 1999 in München unterzeichnet.

„Dann ging es Schlag auf Schlag“, so Dr. Kutzer. Aufgrund der guten und kooperativen Zusammenarbeit mit den Behörden konnte der Bau noch im gleichen Monat beginnen. Auf dem termingerecht geräumten Baufeld westlich des bestehenden Kraftwerks wuchs das neue Gebäude empor. Mit seiner Höhe von 57 m ist es ein neues Wahrzeichen für den Standort Burghausen geworden.

Trotz einiger Schwierigkeiten, unter anderem ein längerer Anlagenausfall in der Anfangsphase des kommerziellen Betriebs, konnte der ehrgeizige Terminplan eingehalten werden, so dass die Anlage nur 22 Monate nach Genehmigung am 27. Juli 2001 in Betrieb gehen konnte.

Mit dem neuen Gas-und-Dampfturbinen-Kraftwerk verfügt die Wacker-Chemie jetzt am Standort Burghausen über eine hoch effizient erzeugte elektrische Leistung von insgesamt 175 MW. Davon liefert das GuD-Kraftwerk inklusive der bisherigen KWK-Anlage 145 Megawatt. Weitere 30 Megawatt werden über die Nutzung regenerativer Energie aus Wasserkraft in den Alzwerken erzeugt. Mit dem GuD-Kraftwerk betreibt die Wacker-Chemie das größte Industriekraftwerk in Bayern, dessen Leistung umgerechnet dem Strombedarf von ungefähr 375.000 Haushalten entspricht.

Damit sei Wacker nun weitgehend autark in der Versorgung des Standortes Burghausen mit Strom und Wärme. Leider wirke sich das bisherige Konzept der Bundesregierung zur Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung für die neue Anlage nicht positiv aus. Zwar würden Anlagen nach dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung bei Energieerzeugern und Stadtwerken gefördert, dies gelte jedoch nicht für industrielle Erzeuger. Da die Kraft-Wärme-Kopplung aber besonders dort Sinn mache, wo Strom und Wärme gleichzeitig und dauerhaft benötigt werden und dies sei in der Industrie der Fall, könne man diese Politik nicht nachvollziehen.

Man werde deshalb alles daran setzen und den Einfluss über die Verbände geltend machen, um diesen Fehler eventuell doch noch zu korrigieren, hieß es. Der Betrieb des neuen Kraftwerkes führe schließlich zu einer Reduzierung der CO2-Emissionen um rund 500.000 t/a im Vergleich zu einem herkömmlichen Steinkohlekraftwerk. Und das sollte ja gerade das Ziel der Förderung von KWK-Anlagen sein - die Reduzierung der CO2-Emissionen und nicht die Subvention ineffizienter Altanlagen.

Aber auch ohne staatliche Förderung trage die neue Anlage mit dazu bei, die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes zu sichern und die Attraktivität für neue Ausbauvorhaben der einzelnen Geschäftsbereiche und Tochterfirmen zu erhöhen. „Dabei stehen wir in Burghausen nicht nur im Wettbewerb zu unseren Konkurrenten auf dem Weltmarkt, sondern wir müssen und wollen uns auch innerhalb des Konzerns als attraktiver Standort behaupten, betonte der Werksleiter. Die Investitionen, die sich für Wacker und Fortum auf insgesamt 160 Mio. DM belaufen, seien deshalb auch ein wichtiger Beitrag zur Sicherung der Arbeitsplätze im Osten Bayerns.

Erschienen in Ausgabe: 11/2001