Gute Perspektiven vor der Küste

Erste deutsche Offshore-Windparks am Start

Die deutsche Windenergiebranche zieht es hinaus auf die Nord- und Ostsee. Die Offshore-Windstromgewinnung weist günstige Rahmenbedingungen auf, hält aber auch große technische Herausforderungen an Planer, Anlagenbauer und Betreiber sowie jede Menge Konfliktstoff mit Umweltschützern parat. Mehrere Projekte nehmen derzeit konkrete Formen an.

05. September 2002

Am 9. November 2001 war es soweit: Das Hamburger Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) genehmigte den ersten deutschen Windpark auf offener See. 45 km nordwestlich der Insel Borkum will die Prokon Nord Energiesysteme GmbH, Leer, in einer Pilotphase zwölf 5-MW-Anlagen errichten, von denen jede jährlich bis zu 20 Mio. kWh Windstrom produzieren soll. Als Baubeginn für das ehrgeizige Vorhaben, das zugleich das weltweite erste Offshore-Windenergieprojekt außerhalb der Zwölf-Seemeilen-Zone in der sogenannten Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) ist, wird 2003 genannt.

Die Baugenehmigung des BSH bezieht sich auf die erste Pilotbaustufe, in der über einen Zeitraum von voraussichtlich drei Jahren die technischen Rahmenbedingungen und möglichen ökologischen Auswirkungen erforscht werden sollen. Später ist geplant, den Offshore-Windpark um weitere 196 Windkraftanlagen (WKA) auf eine Gesamtleistung von rund 1000 MW aufzustocken.

Analog zur Prokon Nord bereiten sich derzeit mehrere Planungs- und potenzielle Betreibergesellschaften auf die Erschließung der küstennahen Seegebiete vor. Dem BSH und den Regierungsbehörden der Küstenländer Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, die für Genehmigungen innerhalb der Zwölf-Seemeilen-Zone zuständig sind, liegen über zwei Dutzend Genehmigungsanträge für Windparks in der Nord- und Ostsee vor (siehe Tabelle).

Die Voraussetzungen sind günstig: Hohe mittlere Windgeschwindigkeiten auf dem Meer versprechen gute Erträge, das Erneuerbare-Energien-Gesetz sieht vor, Strom aus Offshore-Windparks über neun Jahre lang mit 17,8 Pf/kWh zu vergüten. Ob jedoch all die geplanten Vorhaben verwirklicht werden können, ist ungewiß. Zwar sollen nach dem Willen der deutschen Bundesregierung in einer Startphase bis zum Jahr 2006 rund 500 MW, bis 2010 etwa 3000 MW und bis zum Jahr 2025 zirka 20000 MW Windanlagenkapazitäten im deutschen Küstenmeer und in der AWZ errichtet werden, doch geeignete Flächen - mit Wassertiefen bis maximal 35 m, außerhalb von Wattenmeer, Natur- und Vogelschutzgebieten, militärisch genutzten Zonen, Schifffahrtsrouten oder Fischgründen - sind rar und damit heiß begehrt.

Zudem gilt es gewaltige technische Herausforderungen zu meistern. Die extremen Standortbedingungen (Witterung, Eis, erhöhte Korrosionsgefahr durch Meerwasser) stellen hohe, zum Teil noch ungelöste Anforderungen an die Anlagentechnik und den Fundamentbau. Im Falle Borkum-West mit Wassertiefen von etwa 30 m werden nach derzeitigem Planungsstand jeweils rund 800 t schwere Stahl-Dreibein-Fundamente zum Einsatz kommen, die selbst schwierigsten Lastkombinationen (Jahrhundertwelle- oder Böe, Eis) standhalten sollen. Weitere Herausforderungen bestehen bei der Netzanbindung sowie bei den Windkraftanlagen an sich.

Um Offshore-Windparks aufgrund der höheren Infrastruktur- und Wartungs-/Instandhaltungskosten rentabel betreiben zu können, müssen Großanlagen der sogenannten Multi-Megawatt-Klasse mit bis zu 5 MW Nennleistung errichtet werden. Das Problem dabei: Derzeit existieren solche Anlagen noch nicht. WKA-Hersteller wie Enercon, die dieses Jahr den ersten 4,5-MW-Prototypen, allerdings noch landgestützt bei Magdeburg, testen wollen, arbeiten an entsprechenden Großanlagen. Laut einhelliger Branchenmeinung sollen bis 2004 technisch und wirtschaftlich marktfähige Anlagen mit 4 bis 5 MW zur Verfügung stehen.

Zu den technischen Herausforderungen, die es bis zur Inbetriebnahme der ersten Parks noch zu bewältigen gilt, kommen die weitgehend unerforschten ökologischen Auswirkungen auf die Meeresfauna und -flora - Proteste von Umweltschützern und Fischern ließen schon so manches Vorhaben, wie zum Beispiel das Oderbank-Projekt in der Ostsee, im Vorfeld scheitern. Zum Teil stehen sich beim Thema Offshore-Windparks Natur- und Klimaschützer unversöhnlich gegenüber - weiterer Konfliktstoff scheint vorprogrammiert.

Eine Reihe von Planungsgesellschaften geht nun in die Offensive. Am 17. Dezember 2001 wurde in Hamburg das Offshore Forum Windenergie institutionalisiert. Zu den Gründungsmitgliedern zählten: Energiekontor AG, Future Energy AG, Geo mbH, Prokon Nord Energiesysteme GmbH, Winkra-Energie GmbH, Plambeck Neue Energien AG, Neptun TechnoProduct GmbH, Amrumbank West GmbH und 1. Show-VG mbH. Deren Ziel ist es, zukünftig gemeinsam ihre Vorstellungen und Interessen zu entwickeln und gegenüber politischen Gremien, Behörden, Wirtschaft- und Umweltverbänden sowie der Öffentlichkeit zu vertreten und sich für eine Verbesserung der rechtlichen, ökonomischen und administrativen Rahmenbedingungen für die Offshore-Windenergiegewinnung einzusetzen. Gleichzeitig verpflichteten sich die Mitglieder, Antragstellungen in Planungsräumen anderer Gesellschafter zu unterlassen und sich nicht an anderen Gesellschaften zu beteiligen, die Konkurrenzanträge stellen.

Erschienen in Ausgabe: 03/2002