Gutes für die CO2-Bilanz

Die Bremer swb will die über lange Jahre bewährte Strategie der Eigenerzeugung ausbauen. Neben einem Kohlekraftwerk, über das derzeit noch politisch diskutiert wird, steht aktuell die Errichtung eines Mittelkalorikkraftwerkes auf der Agenda. Die Bereiche Entsorgung und Erzeugung ergänzen sich dabei günstig.

08. August 2007

Der Energieversorger swb ist traditionell seit über 100 Jahren mit der Energieerzeugung verbunden und eines der wenigen Unternehmen kommunalen Ursprungs, das mit eigenen Kraftwerken Strom und Wärme erzeugt. Der technische Geschäftsführer der swb Erzeugung, Dr. Frank Schumacher, kennt auch genau den Hintergrund: »Die Eigenerzeugung macht uns unabhängig gegenüber den großen Versorgern und steigert den Wettbewerb auf dem Erzeugungsmarkt. Dadurch bleibt die Entwicklung der Energiepreise für Verbraucher und Wirtschaft beherrschbar.«

Um dies in die Tat umzusetzen, hat man in Bremen eine umfassende Strategie zum Ausbau und Erneuerung der Eigenerzeugung aufgesetzt. Kernstück ist ein neues Kohlekraftwerk mit einer Leistung von 910 MW brutto. Der sogenannte Block 21 soll mittelfristig bestehende Anlagen ersetzen und so den Ausstoß an Abgasen minimieren. Wie swb informiert, wird mit einem Wirkungsgrad von über 45 % »ein Spitzenwert in der Energieausnutzung von Kohle erreicht«. Bei der geplanten Fahrweise von 7.000 Volllaststunden ergebe sich ein verminderter Ausstoß von rund 950.000 t CO2 pro Jahr gegenüber dem Bundesdurchschnitt.

Kohle in der Diskussion

»Die Anlage wird günstiger produzieren können, weil sie pro Kilowattstunde weniger CO2 ausstößt als alte Anlagen und damit weniger CO2-Zertifikate nötig sind«, erläutert Dr. Schumacher. Mittelfristig soll Block 21 das einzige Grundlastkraftwerk im swb-Kraftwerkspark sein, so die Planung. Doch die neue rotgrüne Landesregierung stellt den Bau zurzeit noch in Frage. Laut Koalitionsvertrag will die Politik bis zum 31. Oktober eine Entscheidung treffen.

Keine Akzeptanzprobleme erfährt dagegen der Bau des Mittelkalorik-Kraftwerks (MKK). Die Anlage soll pro Jahr rund 230.000 Mg Abfälle verwerten. Da Mittelkalorik - eine Mischung aus Papier, Kunststoff-, Holz- und Verpackungsresten - etwa zur Hälfte biogener Natur und damit teilweise CO2-neutral ist, wird bei deren Verbrennung weniger CO2 produziert als bei anderen Brennstoffen. In Bremen handelt es sich um eine eigenständige Anlage, deren Turbine baulich und energiewirtschaftlich in den Kraftwerksstandort Hafen integriert wird. Mit dem Bau des MKK erhöht sich die elektrische Leistung des Standorts von 440 MW auf rund 470 MW brutto.

Das MKK wird eine Nettoleistung von 27,5 MW haben. Dies entspricht einem jährlichen Output von circa 220.000 MWh Strom, oder dem Strombedarf von über 60.000 Haushalten.

Das Kraftwerk arbeitet mit einer einlinigen, wassergekühlten Rostfeuerung. Geplant sind 8.000 h Verfügbarkeit pro Jahr, und damit 91 %. Das breite Heizwertspektrum von 11 bis 20 MJ/kg entspricht laut swb genau dem Marktbedarf. Wie Dr. Schumacher erläutert, sind die Umwelteffekte günstig, denn die Anlage trage dazu bei, über 70.000 t Kohle pro Jahr als Brennstoff zu ersetzen.

Auch die geplante Lage sieht Schumacher positiv: »Die Integration der MKK-Anlage in einen bestehenden Kraftwerks-Standort bietet gegenüber Konkurrenzprojekten wesentliche Vorteile, zum Beispiel die Anbindung an das Hochspannungsnetz, gesicherte Stromabnahme und Synergiepotenziale.« Die Bauarbeiten am Standort Industriehafen laufen bereits. Die Anlage soll Ende 2008 in Betrieb gehen wird.

Ausgeglichene Kapazitäten

Ziel sei es von Anfang an gewesen, die Entsorgung mit der Versorgung zu verbinden. »Mit dem Bau des MKK erfolgt eine ideale Verknüpfung der Wachstumsfelder Erzeugung und Entsorgung«, ist sich der technische Geschäftsführer der swb Erzeugung sicher. Eine entscheidende Frage für die Wirtschaftlichkeit eines solchen Projektes ist die Verfügbarkeit und der Preis der eingesetzten Abfallstoffe. Um sich hier einen detaillierten Überblick zu schaffen, wurden bei swb umfangreiche Marktstudien erarbeitet und ein eigener Vertrieb für die Akquisition von Abfällen aufgebaut.

»Die aktuelle Marktsituation bei der thermischen Abfallbehandlung in Deutschland ist von vielen Projektideen und wenigen konkreten Anlagen im Bau geprägt«, fasst Dr. Thomas Grommes, Geschäftsführer swb Entsorgung, seine Eindrücke zusammen. Auf Seiten der Entsorger führe dies zum »Herbeiwünschen riesiger Überkapazitäten, die künftig angeblich zum Preisverfall führen«.

Nach swb-Auffassung sieht dies so aus: Im Jahre 2010 werden thermisch verwertbare Kapazitäten von rund 24,4 Mio. t zur Verfügung stehen. Da heute rund 17,5 Mio. t thermische Kapazität in Deutschland bestehen, wäre dies ein Zuwachs von rund 35 %. Im Jahre 2012 besteht lt. swb ein Bedarf von Primär- und Sekundärabfällen für thermische Anlagen von ebenfalls 24,4 Mio. t. Es kommt somit zu einem ausgeglichenen Markt.

Auf dieses Ergebnis kommen auch andere Marktteilnehmer und neutrale Marktforscher. Wesentlicher Grund hierfür ist, dass angesichts der erheblichen Engpässe im Anlagenbau, aber auch der schwindenden Verfügbarkeit von Langfristverträgen für Abfall, deutlich weniger neue Anlagen entstehen als angenommen.

Dass man sich in Bremen hinsichtlich des Brennstoffbezugs keine grauen Haare wachsen lassen muss, zeigt die aktuelle Situation. Der Brennstoffbezug für das MKK ist laut swb »langfristig gesichert«. Schon im Dezember 2006 schloss der Bremer Versorger elf Verträge mit fast 140.000 t/a für zehn Jahre verbindlich ab. Bei der ab 2007 begonnenen Vermarktung der Restkapazitäten zeigte sich zudem ein großes Interesse von Seiten des Entsorgungsmarktes.

Die Langfrist-Basisauslastung war bereits vor rund einem halben Jahr akquiriert. Am mittlerweile abgeschlossenen Bieterverfahren für weitere Kontingentverträge nahmen 40 Entsorger teil. Davon boten nur drei Laufzeiten von bis zu zehn Jahren an. Die meisten wünschten Vertragsdauern von unter fünf Jahren, mit dem Schwerpunkt zwei bis drei Jahre. »Damit zeige sich deutlich, dass die Tendenz zu Langfristverträgen im Markt kaum noch vorhanden ist«, interpretiert Dr. Grommes die Situation. (mn)

www.swb-gruppe.de

Interview mit Dr. Frank Schumacher, swb„Unabhängigkeit gefährdet“ERZEUGUNG Die Politik in Bremen stellt den bereits beschlossenen Bau eines modernen Kohlekraftwerkes zurzeit noch in Frage.

es: Welche Folgen hätte es für die Energiebeschaffung und -versorgung in Bremen, wenn die neue rot-grüne Landesregierung den Bau des Kohleblocks 21 verhindern würde?

Die bestehenden sechs Kraftwerksblöcke sind zwischen 18 und 39 Jahren alt, und bei einer Laufzeit von 40 Jahren müssen bis 2015 vier Blöcke abgeschaltet werden. Mit dem Ablauf des Betriebsalters der vorhandenen Blöcke wäre die Eigenerzeugung in Bremen in Frage gestellt.

es: Was würde dies ökonomisch für swb bedeuten?

Bremen als Eigenerzeugungsstandort und die Stellung von swb als unabhängiger regionaler Energieversorger wären durch die Ablehnung des Baus langfristig gefährdet. Wir müssten uns stärker in Abhängigkeit zu anderen Versorgern begeben. Die Konzentration auf dem Energiemarkt würde weiter voranschreiten und die Energiepreisstabilität wäre nicht mehr gesichert. swb würde die Grundlage für den Verkauf einer großen Strommenge, rund 2.250.000 MWh pro Jahr, fehlen.

es: Wie wären die Auswirkungen auf die Personalplanung?

Mit dem Bau von Block 21 werden dauerhaft 70 neue Stellen im Betrieb geschaffen. Zusätzlich entstehen weitere 200 Stellen bei Fremdfirmen. Im Falle einer Ablehnung wäre die Grundlage des Geschäftsfeldes Energieerzeugung in Frage gestellt und damit 500 Arbeitsplätze gefährdet.

es: Würden dann ältere Kraftwerke länger laufen?

Wenn in Deutschland keine neuen Kohlekraftwerke gebaut werden, müssen andere Kraftwerke, auch Kernkraftwerke, länger laufen. Die Alternative wäre ein Stromimport aus dem Ausland, etwa aus Frankreich, wobei dabei ein großer Anteil Kernkraftstrom enthalten wäre.

es: Würde Ihre Position nicht ein verstärkter Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung argumentativ verbessern?

Wir sind zur Auskopplung von Fernwärme bereit. Dies würde den Gesamtwirkungsgrad zwischen eingesetzter Energie aus dem Energieträger Kohle und dem Output an Strom und Fernwärme erhöhen. Die Politik muss aber bei der Verbesserung der Rahmenbedingungen helfen, da derzeit kein Anschlusszwang an das Fernwärmenetz besteht und keine Fernwärmevorranggebiete insbesondere bei Neubauvorhaben ausgewiesen werden. (mn)

Erschienen in Ausgabe: 08/2007