Neue Geschäftsmodelle

Hauptsache Nebenkosten

Mit der Heiz- und Warmwasserkostenabrechnung als White-Label-Lösung für andere Versorger beschreiten die Stadtwerke Schwäbisch Hall Neuland. Der Clou: Ein Messdienst ist mit an Bord.

01. Februar 2019
Hauptsache Nebenkosten

Viele Stadtwerke haben ein Auge auf die Heiz- und Warmwasserkostenabrechnung als neues potenzielles Geschäftsfeld geworfen. Dass die Umsetzung alles andere als trivial ist, lässt sich am Projekt der Stadtwerke Schwäbisch Hall ablesen. Der kommunale Versorger bietet unter dem Dach seiner Dienstleistungssparte Sherpa-X die Heiz- und Warmwasserkostenabrechnung per Full-Service-Modell an. Als White-Label-Produkt soll sie anderen Energielieferanten und Stadtwerken zur Verfügung gestellt werden. Die Haller haben sich einen Messdienst als Partner an Bord geholt – also ein Unternehmen, dem man im Grunde Konkurrenz machen will. Dieses übernimmt das Gerätemanagement und die funkbasierte Auslesung der Wärmemengenzähler. Die Haller erledigen ›nur‹ den Part der Abrechnung selbst, und zwar mit XAP-Heizkosten, der Branchenlösung des Tochterunternehmens Somentec. Die Software wird im zertifizierten Rechenzentrum der Stadtwerke gehostet. Dr. Rolf Weber, Inhaber des PPR-Instituts in Neu-Anspach, hat den kommunalen Versorger bei dem Projekt beraten. »Für die Stadtwerke Schwäbisch Hall wäre es nicht sinnvoll gewesen, die gesamte Prozesskette selbst abzubilden. Gerätemanagement und Fernauslesung sind hochkomplexe Aufgaben, die spezielles Know-how und den Einsatz dafür ausgelegter Systeme erfordern. Ein großer Messdienst kann die Gerätetechnik zu günstigen Stückpreisen einkaufen. Und er kann aufgrund hoher Durchsatzraten sehr produktiv arbeiten.«

Fakt

Tipps für Vermieter und Hausverwaltungen

Zufriedene Mieter und ein höherer Verkehrswert der Gebäude – Vermieter und Hausverwaltungen profitieren, wenn ihre Gebäude energetisch effizient sind. Experten raten unter anderem zu diesen vergleichsweise einfachen Maßnahmen:

1. Heizung regelmäßig nachsehen lassen.

2. Geringinvestive Maßnahmen umsetzen: Dämmen der Heizungsrohre, hydraulischer Abgleich, Erneuerung alter Thermostatventile sowie die Installation einer Witterungsprognosesteuerung. (Quelle: co2online)

Bleibt die Frage, warum der Messdienst mit einem neuen Wettbewerber kooperiert? »Der Messdienst gewinnt durch die Kooperation mit Stadtwerken Kunden, die er allein nicht erreichen würde«, argumentiert Weber. »Das Risiko, sich selbst zu kannibalisieren, ist für ihn geringer als die Wahrscheinlichkeit, zusätzliches Geschäft hinzuzugewinnen.«

Matthias Knödler, Bereichsleiter Energiewirtschaft der Stadtwerke Schwäbisch Hall, begründet dies: »Unsere Zielgruppe sind primär Selbstverwalter sowie kleine und mittelgroße Hausverwaltungen und Wohnungsunternehmen. Hinzu kommen kommunale Wohnungsgesellschaften und Körperschaften der öffentlichen Hand mit ihren Gebäudebeständen. Mit beiden Zielgruppen stehen die Stadtwerke ohnehin in geschäftlichen oder sogar in gesellschaftsrechtlicher Beziehung, sodass ein externer Messdienst sich schwertun dürfte, dort Fuß zu fassen.«

Die Bedeutung der Abrechnung

Mit der Arbeitsteilung bleiben Stadtwerke Face to the Customer. Grundsätzlich seien alle drei Leistungsbausteine gleich wichtig, meint Berater Weber. Da dank funkbasierter Fernauslesung aber kein Ableser mehr ins Haus muss, sondern nur alle paar Jahre die Messgeräte gewartet oder ausgetauscht werden müssen, beschränke sich der Kundenkontakt schwerpunktmäßig auf die Abrechnung. Und die trage das Logo des örtlichen Stadtwerks. Das Geschäftsmodell funktioniert nur, wenn eine hohe Anzahl von abzurechnenden Wohnungen auf der Plattform ist. »Alle Stadtwerke, die schon Sherpa-X-Kunden sind, haben starkes Interesse bekundet, die Heiz- und Warmwasserkostenabrechnung als Service selbst anbieten zu können«, so Knödler.

Die im Rahmen der Marktanalyse gewonnenen statistischen Daten stimmen hoffnungsfroh. Im Verband der Deutschen Immobilienverwalter sind 2.600 Hausverwaltungen mit 5,9 Mio. Nutzungseinheiten organisiert. Davon verwalten 58 Prozent weniger als 1.000 Nutzungseinheiten und nur 18 Prozent mehr als 3.000. »Wir gehen davon aus, dass es in Deutschland mehr als 10.000 Hausverwaltungen gibt«, sagt Knödler. »Die nicht organisierten Hausverwaltungen sind im Durchschnitt deutlich kleiner, sehr wahrscheinlich weit unter 1.000 Nutzungseinheiten. Da sie überwiegend regional agieren, können Stadtwerke sie gut adressieren.«

Gerhard Großjohann für Stadtwerke Schwäbisch Hall

Erschienen in Ausgabe: 01/2019