Herausforderung: Smart Grid und der Generationswechsel

Menschen

GIS - Papier ist tote Information, wissen Ingenieure schon lange. Doch erst jetzt kommt der Trend hin zu GIS und BIM richtig in Fahrt. Das liegt am demografischen Wandel, sagt Geoff Zeiss, Spezialist für Infrastruktur bei Autodesk.

24. August 2011

Der kommende Schritt zu Smart Grids verlangt von Technikern und Planern, dass sie einige Verhaltens- und Denkmuster in Bezug auf Infrastrukturnetze ändern müssen«, sagt Geoff Zeiss. »Denn wenn man versuchen würde, Smart Grids mit herkömmlichen Ansätzen zu realisieren, bräuchte man aufgrund der deutlich höheren Komplexität sehr viel mehr Personal, als bereits heute zur Verfügung steht«, so der aus Kanada stammende Ingenieur. Studien kommen zu dem Schluss, der Mangel an qualifiziertem Personal koste beispielsweise die deutsche Wirtschaft aktuell rund 1% Wachstum. »Das Problem wird sich verschärfen, weil die verfügbaren Fachkräfte im Zuge des demografischen Wandels noch knapper werden.«

Zeiss gehört weltweit zu den gefragten Spezialisten für Geoinformations- und Infrastruktursysteme. Er ist seit über 20 Jahren auf diesem Gebiet tätig und war vor seinem Wechsel zu Autodesk Leiter der Produktentwicklung bei MCI Vision Solutions, einem auf GIS auf Basis relationaler Datenbanken und CAD/GIS-Integration spezialisierten Softwarehaus.

Bei den meisten Versorgungsunternehmen vollziehe sich aktuell ein dramatischer Wandel. Geoff Zeiss, der diese Welt in Nordamerika ebenso gut kennt, wie in Europa oder Asien, nennt Beispiele: »Bei einigen amerikanischen Versorgern nähert sich das Durchschnittsalter der Angestellten den sechzig. Aber auch dort wo der Durchschnitt niedriger ist, gibt es zwei Lager: Sie haben die Gruppe derjenigen, die mit 25-30 Jahren Erfahrung in Kürze in Rente gehen werden und die Jüngeren, die gerade Mal ein paar Jahre Berufserfahrung haben. Dazwischen ist nichts. Und in Europa hatten Teamleiter, Meister und Vorarbeiter noch vor einem Jahrzehnt im Schnitt mehr als 25 Jahre Berufserfahrung. Im gleichen Karrierelevel finden sie heute eine durchschnittliche Berufserfahrung von fünf Jahren vor.«

Mit dem Weggang der Altgedienten geht auch viel Wissen verloren, was im Alltag zu zeitraubenden Situationen führen kann, »etwa weil ein Arbeitstrupp eine Unterstation trotz Lageplan nicht sofort findet«. Die Zahl der Aufträge, die zwei oder mehr Anfahrten benötigen liegt in den USA daher bei rund 30%. Denn eine aktuelle, akkurate und vor allem schnell zugängliche Geo- und Infrastrukturdatenbasis fehlt. In Europa – insbesondere in der D-A-CH-Region – ist der Prozentsatz der Doppel- und Mehrfachanfahrten für einen Auftrag zwar deutlich geringer, aber das Grundproblem ist dasselbe.

Denn einer der Grundsätze in der Branche war bislang die dezentrale Datenhaltung. Zudem wurden die Informationen einer Datenbasis entnommen, die oft nur den Planungsstand repräsentiert und an entscheidenden Stellen einen ›wie ausgeführt‹-Vermerk trägt. Denn die Computergrafik- und GIS-Tools der Vergangenheit konnten nicht unmittelbar mit vor Ort erzeugten, verlässlichen digitalen Daten gefüttert werden. So entstand ein umständlicher Workflow, in dem die tatsächliche Ausführung vor Ort händisch in den Plänen vermerkt wurde. An den Computern werden diese dann oft erst mit langer Verzögerung und mitunter nicht zu 100% auf die Datenbasis übertragen. Solches Vorgehen galt für die Netze Gas, Wasser, Strom, Fernwärme und Telekommunikation gleichermaßen. Kleine Ungenauigkeiten werden zum großen Unsicherheitsfaktor. Sichere Information bieten nur die häufig dezentral in Magazinen archivierten Originalpläne.

»Hier liegt die große Herausforderung der Zukunft: In der Erfassung und Verwaltung der Geoinformationen über bisherige Grenzen hinweg und mit deutlich höherer Präzision als in der Vergangenheit liegt enormes Potenzial für Produktivitätssteigerungen.« Diese betreffen zum einen das Katasterwesen selbst und zum anderen Wartung und Instandhaltung der Netze. Geoff Zeiss ist überzeugt: ohne die Verschmelzung von GIS, CAD, Building Information Model (BIM) und 3D-Technologien wird Smart Grid nicht möglich sein. Und um Smart Grid kommt künftig niemand herum. Der künftige Energiemarkt mit dezentralen Erzeugungsstrukturen macht smarte Netze ebenso erforderlich, wie die im Zuge des demografischen Wandels zu erwartende Bevölkerungsstruktur – und hier schließt sich der Kreis: »Der demografische Wandel zwingt die Branche zu Investitionen in IT und intelligente GIS-Technologie.« (vt)

VITA

Geoff Zeissstammt aus Kanada. Er studierte an der Cornell University, Ithaka (NY) und promovierte (Chemie) an der McGill University, Montreal.

•Als Leiter der Software- und Produktentwicklung war er bei Tydac Technologies, SHL Systemhouse, und MCI Vision Solutions.

•Bei Autodesk ist Geoff Zeiss als Director of Tech-nology zuständig für das Utility Industry Program.

•Mehrere Jahre war Zeiss Director der Geospatial Information & Technology Association (GITA). Heute steht er der Open Source Geospatial Foundation (OSGeo) vor.

Erschienen in Ausgabe: 07/2011