Hier spricht die Branche

Markt

Wettbewerb - Die Energiewende forciert die Markttransformation, die durch Unbundling und Liberalisierung des Strommarktes in Gang gesetzt wurde. Viele Marktteilnehmer müssen das Geschäftsmodell überprüfen und anpassen. Welche Rolle der IT dabei zukommt, diskutierten Experten auf Einladung von >energiespektrum in München.

05. November 2013

Mehr Wettbewerb, umfangreichere Anforderungen des Gesetzgebers und hohe Erwartungen der Endkunden: Kleine und mittelständische EVU und Stadtwerke haben eine Vielzahl von Herausforderungen zu bewältigen. Auf die richtigen Systeme und die passende Unterstützung durch IT und Software komme es an, sagen die einen. Ohne vorherige Veränderungen in Organisationsstrukturen und im Denken und Handeln der Akteure würden diese jedoch keine Wirkung entfalten, sagen die anderen.

Um diese Debatte voranzubringen, lud >energiespektrum im Rahmen der neuen Veranstaltungsreihe >expertengespräch Ende September sechs Repräsentanten von Stadtwerken und IT-Unternehmen nach München ein. Teilnehmer waren Rainer Bachmann von Enerson IT-Consulting, Ingo Bittner von Bittner + Krull Softwaresysteme aus München, Dr. Ulrich Czubayko von der SIV.AG, Bernhard Mildebrath von Schleupen, Marco Krasser von der SWW Wunsiedel sowie Dr. Frieder Schmitt von MVV Energie aus Mannheim. Die Teilnehmer suchten unter anderem Antworten auf folgende Fragen: Wie greifen neue Organisationsstrukturen und zukunftsfähige IT-Konzepte ineinander? Wie können IT-Dienstleister den strukturellen Wandel unterstützen?

Künftige Geschäftsmodelle

Die Energiewende hat den Markt bereits nachhaltig verändert; sie hat Entwicklungen forciert, die durch das Unbundling und die Liberalisierung des Strommarktes ausgelöst wurden. Sofern sie es noch nicht getan haben, müssen sich EVU und Stadtwerke möglichst bald entscheiden, wie sie darauf reagieren. Dass sie reagieren müssen, stand für alle Diskussionsteilnehmer außer Frage. Im Fokus aller Bemühungen müsse der Kunde stehen, so Frieder Schmitt von MVV Energie.

EVU und Stadwerke sind nach seiner Ansicht aufgefordert, die Heterogenität des Marktes beziehungsweise der Kundenstruktur mit entsprechenden Angeboten abzubilden. »Innovationen sind kein Selbstzweck. Es geht darum, für den Kunden die beste Lösung zu finden und ihm damit einen Mehrwert schaffen zu können«, so Schmitt. »Damit sind dann neue Wertschöpfungsstufen verbunden. So ist es gut möglich, dass künftig der ein oder andere Energieversorger Photovoltaik-Anlagen mit Batteriespeicher, weiße Ware oder Brennstoffzellen anbietet.« Stadtwerke müssen dabei immer auch den Auftrag im Blick haben, der den Unternehmen durch die Anteilseigner aufgegeben wird, hieß es in der Runde.

»Aus Sicht eines mittelständischen Versorgers müssen wir uns unserer zwei Rollen bewusst werden«, so Marco Krasser, Geschäftsführer der SWW Wunsiedel. »Die eine ist die Rolle des Unternehmens. Die andere Rolle ist die der kommunalen Anteilseigner. Wir müssen unsere Bürger versorgen beziehungsweise unseren Versorgungspflichten nachkommen.«

Kommt die Strom-Flatrate?

Krasser ist nach eigenen Worten der festen Überzeugung, dass es in Zukunft eine dezentrale, lokale Energieversorgung geben wird, die in ein Gesamtsystem integriert ist. Die Politik müsse animiert werden, für entsprechende Gesetze sorgen mit dem Ziel, eine saubere und sichere Energieversorgung zu gewährleisten.

»All Business is local«, so Bernhard Mildebrath von Schleupen. »Die Energiewende wird dazu führen, dass wir eine weitere Dezentralisierung und damit vielleicht eine Wiederbelebung der Geschäfte von Stadtwerken und ähnlichen Vor-Ort-Dienstleistern in unserer Branche erleben.«

Das werde einhergehen mit einer wachsenden Komplexität der Prozesse, teilweise ausgelöst durch die Regulierungsbehörde, teilweise durch ein Mehr an Technik, so Mildebrath. Für IT-Dienstleister komme es dann darauf an, entsprechende Angebote zu machen, um diese Komplexität zu senken.

Mehr Aufwand mehr IT-Bedarf

»Was seitens der Branche selber dazu führen wird, dass man Kernkompetenzen ausbildet und das Randgeschäft an Dienstleister vergeben wird. Und aus der früher als Notwendigkeit mitgetragenen IT eines Versorgungsunternehmens wird der strategische Hebel, über den man überhaupt das Geschäft zukünftig noch ermöglichen kann.« Ob EVU und Stadtwerke diese Infrastruktur auch künftig selber vorhalten oder nicht, hängt laut Mildebrath von der Unternehmensausrichtung ab.

Beim Thema Strom-Flatrate stellt sich nach Ansicht der Gesprächsteilnehmer unter anderem die Frage, wie sichergestellt werden kann, dass keine Versorgungsengpässe entstehen für den Endkunden.

Obwohl die Netzstabilität gegebenenfalls eine Drosselung der Bezugsmenge erforderlich machen würde.

Auch die Frage, ob bei einem Flatrate-Tarif überhaupt noch ein Zähler erforderlich ist, sorgte für Gesprächsstoff. In den Messstellen der Endkunden ist der Zähler unter Umständen verzichtbar, hieß es in der Gesprächsrunde. Aber auch im Netz sind Messeinrichtungen erforderlich; letztlich muss es nach Ansicht der Gesprächsteilnehmer auch künftig eine Art von Messeinrichtung oder Regularium geben.

Unabhängig von diesem Problem gibt es nach Ansicht von Rainer Bachmann von Enerson gute Chancen, dass die Strom-Flatrate – in welcher Form auch immer – eines Tages Realität wird: »Wir sind bei Erneuerbaren und bei KWK bei jeweils 25 Prozent, und es wird noch weiter ausgebaut.« Es gebe jetzt schon Ansätze, Kohlekraftwerke abzubauen und ins Ausland zu verkaufen. Das habe unter anderem den Nachteil, so Bachmann, dass mit den Netzen und aufgrund der EEG-Bestimmungen künftig 60 bis 70 Prozent des Energiemarktes reguliert seien. »Das könnte am Ende eine Flatrate befördern, weil die Energie einfach da ist.«

Das Geschäft der Zukunft ist seiner Ansicht nach geprägt von drei Faktoren: Dezentrale Erzeugung, Stabilisierung der Verteilnetze und Ausbau einer regionalen Versorgung. Daraus erwächst dann eine neue Möglichkeit der Zusammenarbeit von EVU und IT-Branche mit dem Ziel, Flexibilität und Transparenz dauerhaft zu gewährleisten.

Es braucht Bewegungsfähigkeit

»Aus unserer Erfahrungen wissen wir, dass diejenigen Unternehmen, die diese Flexiblität und Transparenz nicht haben, in Schieflage geraten«, sagt Ulrich Czubayko von SIV. »Und dann können sie nicht mehr reagieren. Das müssen wir als Unternehmen natürlich verhindern.«

Nach Ansicht mehrerer Gesprächsteilnehmer sind Digitalzähler mit Kommunikationsfunktion nur dort sinnvoll, wo überdurchschnittlicher Strombedarf besteht. Für EVU sei es nicht wirtschaftlich, wenn die Geräte zum Beispiel in Privathaushalten mit einem Jahresverbrauch von 6.000 oder 8.000 kWh betrieben würden.

Smart Meter Fluch oder Segen?

Wo die Grenze der Wirtschaftlichkeit liegt, konnte nicht genau bestimmt werden. Marco Krasser wies darauf hin, dass ungeachtet der geschilderten Kostenproblematik EVU verpflichtet seien, die Geräte in Neuanlagen des Endkunden einzubauen. Ingo Bittner von Bittner + Krull stellte ein Beispiel vor, wie auch mit Smart Metern beziehungsweise Smart Metering Geld verdient werden könne.

So habe sein Unternehmen für einen Kunden in einem Projekt die Verbrauchsdaten aller bundesweiten Filialen eines Handelsunternehmens erfasst, so Bittner. »So ein Filialist bezahlt am Jahresende nicht 500.000Euro, sondern 20 bis 30 Millionen. Wenn man dann Einsparungen von 1,5 oder zwei Millionen Euro realisieren kann, dann haben wir doch einen Geschäftsmodellansatz.« Grundsätzlich teilte Bittner die Skepsis der übrigen Gesprächsteilnehmer, ob sich in vielen Fällen Digitalzähler wirtschaftlich betreiben lassen.

Nach der rund zweieinhalbstündigen Diskussion wurde jeder Teilnehmer noch gebeten, vor der Videokamera ein Statement abzugeben zu der Frage: Welche Faktoren sind entscheidend für den Erfolg in einem immer flexibler werdenden Energiemarkt? Das Video steht auf der >energiespektrum-Homepage. Nutzer von Smartphones oder Tabletcomputern können den QR-Code einscannen und werden dann automatisch auf die Seite mit dem Video geleitet.

Erschienen in Ausgabe: 09/2013