Hilfe in schwierigen Lebenslagen

Menschen

Personalmanagement - 2012 entstanden in Deutschland 59 Millionen Fehltage wegen psychischer Erkrankungen. Wie können Arbeitgeber dazu beitragen, dass es gar nicht so weit kommt?

19. März 2014

Arbeitnehmer werden immer häufiger aufgrund von Stress, Burnout oder Depressionen krankgeschrieben – oft über längere Zeiträume. Wie können Arbeitgeber dazu beitragen, dass es gar nicht so weit kommt, und welche Angebote können die psychische Verfassung ihrer Angestellten stärken?

»Die Zahl der Berufstätigen, die jedes Jahr aufgrund von psychischen Erkrankungen komplett arbeitsunfähig werden, ist seit Ende des letzten Jahrhunderts um 142 Prozent gestiegen«, sagt der Münchner Diplom-Psychologe Benjamin Martens.

Basisinformationen

Seine Firma Mind & Mood betreibt das Portal Psycheplus.de, ein spezielles Online-Angebot für Unternehmen und Betroffene. Ein hauseigenes Psychologenteam aufzubauen braucht Zeit und ist gerade für mittelständische Unternehmen oft zu kostspielig. Außerdem dürfte hier die Hemmschwelle für Mitarbeiter höher liegen als bei externen Angeboten: Wer weiß schon, ob der hausinterne Psychologe nicht am Ende doch dem Chef berichtet?

Psychologische Online-Angebote stellen professionelle Dienste für Unternehmen bereit, die ihr Gesundheitsmanagement mit externer Hilfe verbessern möchten. Durch anonyme Befragungen eines möglichst großen Anteils der Belegschaft wird im Unternehmen zunächst das Gesundheitsniveau aus psychologischer Sicht ermittelt.

Gefährdete Mitarbeiter können dann auf Wunsch mit Hilfe von Coaches für die Stress- und Burnout-Prävention Methoden erlernen und Kompetenzen zur Selbsthilfe aufbauen, beispielsweise auch von zu Hause aus.

Die Online-Coaches bieten Soforthilfe im Krisenfall, aber auch Begleitung über mehrere Monate hinweg. Das Ergebnis sind ein gesünderes Arbeiten, eine ausgeglichenere Work-Life-Balance und mehr Belastbarkeit. Mitarbeitern, die sich selbst als stark betroffen einstufen, bietet die Online-Beratung zudem die Möglichkeit der anonymen und direkten psychologischen Betreuung durch zertifizierte Psychologen, beispielsweise am Telefon. All diese Bausteine könnten auch in einer Flatrate für Arbeitgeber bereitgestellt werden.

Langfristige Folgen

Zwar wächst das Interesse an solchen Angeboten mittlerweile auch auf Seiten der Arbeitgeber, bestätigt Benjamin Martens. Wirklich aktiv werden bislang aber noch viel zu wenige. Dabei sind Arbeitsausfälle aufgrund psychischer Belastungen oft mit viel längeren Fehlzeiten als beispielsweise bei der klassischen Grippe verbunden. »Einsparungen bei den entsprechend hohen Ausfallkosten können die Einführung eines Angebots wie dem unseren in kürzester Zeit amortisieren«, so der Psychologe. Das zeigen auch die ersten Pilotprojekte mit der Wirtschaft anschaulich.

»Aber die Hemmschwelle, sich des Themas wirklich anzunehmen, ist vor allem bei kleineren und mittelständischen Betrieben nach wie vor zu hoch.«

Dabei hat er für seine Idee mittlerweile sogar Rückendeckung aus Berlin: Eine im vorigen September gestartete Initiative des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales zusammen mit BDA und DGB hat der deutschen Wirtschaft inzwischen bestätigt, dass akuter Handlungsbedarf besteht. Deshalb haben Ministerium, Arbeitgeber und Gewerkschaften das Ziel ausgegeben, den Schutz der psychischen Gesundheit in der Arbeitswelt zu verbessern.

Fokus Prävention

Knapp ein Drittel oder 32% aller 2011 in Deutschland gestellten Diagnosen waren psychisch bedingt. Seelische Belastungen wie Stress, Burnout oder Depressionen sind bundesweit auf dem Vormarsch und führen jedes Jahr zu erheblichen Arbeitsausfällen. Die daraus resultierenden Fehltage der Angestellten stiegen in den letzten fünfzehn Jahren um 80 Prozent. Um Arbeitsausfälle zu vermeiden, müssen laut Martens Präventionsangebote und psychische Betreuungsangebote bundesweit ins betriebliche Gesundheitsmanagement integriert werden. Die Vorteile einer solchen Investition liegen im Übrigen nicht nur im betriebswirtschaftlichen Bereich. Das Ganze rechnet sich, wenn Unternehmen weniger Arbeits- und Projektausfälle sowie eine höhere Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter verzeichnen.

Der Einsatz des Unternehmens führt nach Martens Erfahrung auch zu mehr Identifikation mit der Firma, höherer Arbeitszufriedenheit und weniger Fluktuation. »Nicht zuletzt ist ein Unternehmen, das hier Initiative zeigt, auch bei der Personalsuche im Vorteil: Psychologische Unterstützungsangebote können gerade für die Gewinnung von gefragten, höher qualifizierten Bewerbern als positiver Anreiz eingesetzt werden«, so Martens. Studien belegen seine Sicht und zeigen deutlich: Jeder Euro, der in betriebliche Gesundheitsmaßnahmen gesteckt wird, zahlt sich mittelfristig gleich mehrfach aus. Der zunehmenden Zahl von betroffenen Arbeitnehmern wäre zu wünschen, dass ihre Arbeitgeber möglichst rasch nachrechnen – und aktiv werden.

Erschienen in Ausgabe: 03/2014